Neokonservatives Urgestein für Donald Trump – Norman Podhoretz sieht den republikanischen Präsidentschaftsbewerber als das „kleinere Übel“

von Hans-Werner Klausen

Norman Podhoretz – einer der letzten Überlebenden aus der Gründergeneration der US-amerikanischen Neokonservativen – sieht (mit großen Vorbehalten) den republikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump als das „kleinere Übel“ im Vergleich zu dessen demokratischer Rivalin Hillary Clinton. Dies erklärte der frühere langjährige Chefredakteur der Zeitschrift „Commentary“ in einem Interview mit der „Times of Israel“ (veröffentlicht am 7. September 2016). Podhoretz führte als Argumente in erster Linie Clintons Charakter und Trumps Gegnerschaft gegen das Atomabkommen mit Iran an.

Norman Podhoretz ist damit einer der wenigen Neocons, der sich für Trump ausgesprochen hat. Die meisten Neocons lehnen Trump ab, weil er in ihren Augen zu wenig „falkenhaft“ ist. Norman Podhoretz‘ eigener Sohn John Podhoretz sieht Trump als „größeres Übel“. Einige Neokonservative – unter ihnen Robert Kagan, Paul Wolfowitz, Joshua Muravchik und Max Boot – haben sich für Hillary Rodham Clinton ausgesprochen. William Kristol und dessen Zeitschrift „Weekly Standard“ vertreten die Linie „Weder Trump noch Clinton“. Sowohl der „Weekly Standard“ als auch der „Commentary“ (seit 2009 von John Podhoretz geleitet) würden wohl einen Sieg Clintons über Trump billigend in Kauf nehmen, ohne dies offen zu sagen. Beide Zeitschriften würden bei offener Unterstützung für Clinton viele Leser verlieren ohne neue Leser zu gewinnen. Zudem hoffen die Neokonservativen, dass sie nach der Niederlage Trumps erneut maßgeblichen Einfluß auf die außenpolitische Linie der Republikanischen Partei gewinnen können.

Norman Podhoretz hatte am 30. Juli 2015 im „Wall Street Journal“ das Atomabkommen mit Iran scharf angegriffen. Das Abkommen würde Israel nur die Wahl zwischen einem konventionellen Krieg jetzt oder einem nuklearen Krieg in der Zukunft lassen. Podhoretz, der im Jahre 2009 sein letztes Buch veröffentlicht hatte, war während der Obama-Präsidentschaft publizistisch kaum noch hervorgetreten. An dieser Stelle sei hier deshalb ein im Jahre 2010 veröffentlichter Rückblick auf das bisherige Leben des streitbaren Neokonservativen wiedergegeben.

Neokonservatives Urgestein – Zum 80. Geburtstag von Norman Podhoretz

Von Hans-Werner Klausen

„Irving wird…weitgehend als der Gott-Vater der Neokonservatismus-Bewegung angesehen. Gottvater wie in der Mafia, nicht im religiösen Sinne. Mir scheint ich bin dadurch der Consigiere, der Ratgeber.“ Mit diesen Worten hatte Norman Podhoretz, der langjährige Chefredakteur der Zeitschrift „Commentary“, der am 16. Januar 2010 achtzig Jahre alt wurde, im Jahre 1981 sich selbst und den am 18. September 2009 verstorbenen Irving Kristol auf einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung charakterisiert. [Read more…]

Norman Podhoretz ist neokonservatives Urgestein. Seit dem Tod von Irving Kristol (2009) und Jeane Kirkpatrick (2006) ist Norman Podhoretz gemeinsam mit seiner Frau Midge Decter der bedeutendste lebende Vertreter der ersten Generation jener Gruppe von ehemals linken und linksliberalen Intellektuellen, die seit den siebziger Jahren als Neokonservative (Neocons) die Politik und das Geistesleben der USA verändert haben.

Norman Podhoretz stammt aus kleinen Verhältnissen (sein Vater war Milchmann) und wurde 1930 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Er besuchte die Columbia University und das Jüdische Theologische Seminar, hielt sich von 1951 bis 1953 in England an der Universität Cambridge auf und leistete in den Jahren 1953 bis 1955 als „Enlisted Officer in Army Security Agency“ seinen Wehrdienst ab.

Von 1955 bis 1958 arbeitete Norman Podhoretz für die Redaktion des vom American Jewish Committee herausgegebenen Meinungsmagazins „Commentary“. Der „Commentary“ stand, was die Fragen Israels angeht, zunächst der israelischen Sozialdemokratie nahe und vertritt als neokonservatives Blatt seit einigen Jahrzehnten (bis zur Gegenwart) die Positionen des Likud. Von 1959 bis 1960 war Podhoretz Cheflektor der Looking Glass Library.

Von 1960 bis 1995 prägte Norman Podhoretz als Chefredakteur des „Commentary“ die politische Linie dieses Blattes. Unter der Chefredaktion von Norman Podhoretz wurde der „Commentary“ eines der einflussreichsten Meinungsmagazine der USA, das von Podhoretz in den siebziger Jahren zum inoffiziellen theoretischen Organ des Neokonservatismus gemacht wurde. Als Publizist zeichnet sich Podhoretz seit Jahtzehnten durch einen eleganten Stil und Lust an der Polemik aus.

Während der Reagan-Ära war Podhoretz von 1981 bis 1987 Vorsitzender des New Directions Advisory Committee der United States Information Agency (USIA) (USIA war die zentrale Behörde für die offizielle US-Auslandspropaganda; der RIAS – „eine freie Stimme der freien Welt“ – war ein Teil der USIA). Seit 1995 ist Norman Podhoretz Mitarbeiter beim neokonservativen Think Tank Hudson Institute und von 1995 bis Anfang 2009 war er Editor-at-Large (eine Art Ehrenchefredakteur) beim „Commentary“. Norman Podhoretz gehörte viele Jahre auch dem einflussreichen Council on Foreign Relations (CFR) an.

Norman Podhoretz ist seit 1956 mit der Publizistin Midge Decter (die er in der Redaktion des „Commentary“ kennengelernt hatte) verheiratet. Andere Mitglieder des Podhoretz-Decter-Clans sind auch politisch aktiv: Elliott Abrams (seit 1980 Schwiegersohn von Midge Decter und Stiefschwiegersohn von Norman Podhoretz) war im Nationalen Sicherheitsrat bei US-Präsident George W. Bush Nahost- und Demokratieexperte und ist gegenwärtig hauptamtlicher Mitarbeiter des CFR. Podhoretz‘ Sohn John Podhoretz gehörte 1995 gemeinsam mit Irving Kristols Sohn William Kristol zu den Begründern des neokonservativen Zentralorgans „Weekly Standard“ (Verleger: Rupert Murdoch) und war langjähriger Kolumnist bei der „New York Post“ (Boulevardblatt im Besitz von Rupert Murdoch) sowie Kommentator beim Nachrichten-Fernsehkanal Fox News ( auch „Bush TV“ genannt; im Besitz von Rupert Murdoch). Im Jahre 2009 übernahm er die Chefredaktion des „Commentary“, für den „Weekly Standard“ ist er als Filmkritiker tätig.

Der „Commentary“ war in der Nachkriegszeit Teil des transatlantischen Netzwerks (mit CIA-Hintergrund) der nichtkommunistischen linken Intellegenz. Im Rahmen dieses Netzwerks (zu dem in Deutschland die von Melvin Lasky herausgegebene Zeitschrift „Der Monat“ gehörte) gab es zahlreiche personelle Querverbindungen zwischen der „Partisan Review“ (einer ex-trotzkistischen Intellektuellenzeitschrift, die sich dem Kamof gegen das „Reich des Bösen“ an der Moskwa und der Propaganda für dekadente [ „avantgardistische“ ] Kunst verschrieben hatte), dem sozialdemokratischen „New Leader“, dem „Kongreß für kulturelle Freiheit“ (CCF), privaten Stiftungen und europäischen Sozialdemokraten. Das Netzwerk sollte prosowjetischen, antiamerikanischen und neutralistischen Stimmungen entgegenwirken und die westliche „Wertegemeinschaft“ propagieren.

Norman Podhoretz sympathisierte politisch einst mit der Socialist Party (der amerikanischen Mitgliedsorganisation der Sozialistischen Internationale). Das Weltbild des jungen Podhoretz war stark von der „Partisan Review“ (PR) geprägt . „Intellectually. Politically, socially, PR was my world“ (Podhoretz über Podhoretz). Podhoretz‘ hauptsächliches Interesse galt bis Mitte der sechziger Jahre der Literaturkritik.

Als Podhoretz 1960 die Chefredaktion des „Commentary“ übernahm, machte die Zeitschrift zunächst einen Schwenk nach links und bot der entstehenden Neuen Linken und deren „Gegenkultur“ ein Forum. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Die Radikalisierung der studentischen Protestbewegung, der Antikriegsbewegung, von Aktivisten der schwarzen Bevölkerung, der destruktive Einfluss der Neuen Linken und ihrer Ableger (insbesondere des Feminismus) auf Kultur und Gesellschaft sowie zunehmende antiamerikanische und antiisraelische Stimmungen in den Protestbewegungen und in der schwarzen Bevölkerung führten dazu, dass Podhoretz zur Neuen Linken immer mehr auf Distanz ging.

Seit 1970 machte Norman Podhoretz den „Commentary“ zur publizistischen Speerspitze des Kampfes gegen die Neue Linke (im Kampf gegen den Feminismus tat sich besonders Podhoretz‘ Frau Midge Decter hervor). Bald wurde der „Commentary“ zum Flaggschiff der in den siebziger Jahren entstehenden neokonservativen Strömung. Podhoretz selber hat sich gegen das Etikett „neokonservativ“ (das ab 1973 zunächst im polemischen Sinne verwendet wurde) mehrere Jahre gesträubt: in den siebziger Jahren nannte er sich meistens einen „Zentristen“ oder „zentristischen Liberalen“.

Man kann nicht behaupten, daß Norman Podhoretz und seine neokonservativen Freunde bei der Polemik gegen die Neue Linke und deren Ableger immer im Unrecht gewesen wären. So bekämpften die neokonservativen die „Political Correctness“ bereits zu einer Zeit, als es den Begriff noch nicht gab, wohl aber das Phänomen. Im Jahre 1973 veröffentlichte Podhoretz im „Commentary“ unter der Überschrift „Die neuen Inquisitoren“ einen Artikel, in dem er das Phänomen ziemlich zutreffend beschrieb:

„The upshot is an atmosphere which is no longer conducive to fearless inquiry or even to playful speculation and which, far from encouraging, positively obstructs the development of independence of mind and of the critical spirit. Thus do our colleges and universities continue their degenerative mutation from sanctuaries for free discussion into inquisitorial agents of a dogmatic secular faith.“

1972 wurde der politische Aussenseiter und Antikriegs-Kanidat George McGovern mit einem pazifistischen und betont linksliberalen Programm Präsidentschaftskanidat der Demokraten. Die antikommunistischen „Cold War liberals“, zu denen die später so genannten Neokonservativen wie Irving Kristol (ein ehemaliger Trotzkist und Studienfreund des ehemaligen Trotzkisten Melvin Lasky) und Norman Podhoretz gehörten, sahen in der Kanidatur McGoverns eine feindliche Übernahme der Demokratischen Partei durch die Neue Linke. Podhoretz stimmte bei der Präsidentenwahl 1972 für Nixon als kleineres Übel.

Nachdem McGovern die Präsidentenwahl gegen Nixon haushoch verloren hatte, gründeten die „Cold War liberals“ Ende 1972 die „Coalition for a Democratic Majority“ (CDM). Die CDM kämpfte innerhalb der Demokratischen Partei gegen die Neue Linke und den „McGovernismus“, für einen harten Kurs gegenüber den Ostblockstaaten, für miltärische Stärke der USA und für die bedingungslose Unterstützung Israels. Die Idee für die Gründung der CDM war von Norman Podhoretz, Midge Decter und Ben Wattenberg (ehemaliger Redenschreiber Lyndon B. Johnsons) ausgegangen, Wattenberg wurde Vorsitzender der CDM, Midge Decter und Jeane Kirkpatrick gehörten zu den Vorstandsmitgliedern. Politischer Führer der CDM war der demokratische Senator Henry M. „Scoop“ Jackson, der um sich junge Akademiker wie Richard Perle (bekannt als „Fürst der Finsternis“), Elliott Abrams und Frank Gaffney scharte. Auch die Gewerkschaftsführung um George Meany und Lane Kirkland unterstützte die CDM.

Im Kampf gegen die Neue Linke und die Entspannungspolitik arbeiteten die CDM-Demokraten eng mit den Social Democrats USA zusammen. Kern der Social Democrats USA war die ex-trotzkistische, antikommunistische und prozionistische Shachtman-Gruppe (der 1972 verstorbene Max Shachtman, ein ehemaliger Sekretär Trotzkis, war in seinen letzten Jahren antikommunistischer Berater der Gewerkschaftsführung und des State Department) , die in den sechziger Jahren die alte Socialist Party kontrolliert hatte. Nach der Spaltung der Partei 1972 nannte sich die von den Shachtman-Anhängern geführte damalige Parteimehrheit seit 1973 Social Democrats USA. Jeane Kirkpatrick war Mitglied dieser Partei, Richard Perle trat dort als Redner auf, Elliott Abrams wird eine Mitgliedschaft in den siebziger Jahren nachgesagt, Penn Kemble von den Social Democrats USA war geschäftsführender Direktor der CDM, Norman Podhoretz sympathisierte mit den Social Democrats USA und seine Frau Midge Decter war dort einige Zeit eingeschriebenes Mitglied. Noch 1989, als Midge Decter bereits Mitglied des Board of Trustees der konservativen Heritage Foundation war, gehörte Midge Decter gleichzeitig der League for Industrial Democracy (einer Vorfeldorganisation der Social Democrats USA) als Vizepräsidentin an .

Die CDM führte ihren Kampf nicht nur gegen Gegner in der Demokratischen Partei, sondern auch gegen die Entspannungspolitik Nixons und Kissingers. Ab 1974 veröffentlichte der „Commentary“ zahlreiche Artikel gegen die Entspannungspolitik.Im gleichen Jahr gründete Eugene Rostow eine außenpolitische Arbeitsgruppe (Foreign Policy Task Force) der CDM, zu deren Mitgliedern u.a. Norman Podhoretz und Jeane Kirkpatrick gehörten. Die aus der antistalinistischen Linken stammenden neokonservativen Intellektuellen wie Kristol, Podhoretz, Midge Decter oder Jeane Kirkpatrick vertraten einen viel ideologischer geprägten und militanteren Antikommunismus als das damalige Establishment der Republikanischen Partei und deren außenpolitische Experten. Für sie war die Entspannungspolitik „Appeasement“ (ein Begriff der auch gegenwärtig häufig von den Neocons vorgebracht wird) und moralisch unzulässig. Für Männer wie Kissinger war der Ost-West-Konflikt ein rein machtpolitischer Konflikt zwischen Großmächten, für Norman Podhoretz war es ein Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei. Im Frühjahr 1976 veröffentlichte Norman Podhoretz im „Commentary“ eine Generalabrechnung mit der Entspannungspolitik unter der Überschrift „Making the world safe for communism“.

Bei den demokratischen Vorwahlen des Jahres 1976 unterstützten die Neokonservativen die Kanidatur „Scoop“ Jacksons, es siegte jedoch der Außenseiter James („Jimmy“) Carter, der außenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt war. Nachdem Carter zum Präsidenten gewählt worden war, unterbreitete ihm die CDM einige Dutzend Personalvorschläge im Bereich der Außen- und Verteidigungspolitik. Der einzige von Carter umgesetzte Vorschlag der CDM wurde jedoch der für den Gouverneursposten in Mikronesien.

Kurz nach der Wahl Carters trat ein neues politisches Komitee an die Öffentlichkeit – das Committe on the Present Danger (CPD). Hier verbanden sich für den Kampf gegen die Entspannungspolitik Demokraten aus der CDM und Republikaner aus dem rechten Flügel der Partei. Neokonservative Intellektuelle wie Norman Podhoretz, Midge Decter, Jeane Kirkpatrick und Richard Perle gehörten ebenso wie Gewerkschaftsbonzen zu den aktivsten Mitgliedern des Komitees, das die sowjetische Rüstung und die Außen- und Militärpolitik des Kreml so furchterregend wie möglich darstellte. Carter war für die Aktivisten des CPD und der CDM viel zu lasch gegenüber den Russen und ihnen mißfielen auch Carters Versuche, sich als ehrlicher Makler zwischen Israelis und Arabern zu betätigen. Podhoretz wurde der Chefideologe des CPD und der „Commentary“ wurde zum inoffiziellen Zentralorgan dieses militaristischen Komitees.

Für die ideologische Linie des „Commentary“ waren der Antikommunismus und der Zionismus bestimmend. Die Wiederbelebung des nach dem Rückzug aus Vietnam und während der Entspannungspolitik Nixons und Kissingers verblaßten US-amerikanischen Antikommunismus war nicht zuletzt das Werk des „Commentary“ und seines kämpferischen Chefredakteurs. Der „Commentary“ und das CPD schürten unermüdlich die Furcht vor der sowjetischen Bedrohung und gehörten so zu den wichtigsten geistigen Wegbereitern der Wahl Ronald Reagans.

Nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan kam es zu einem Treffen zwischen Carter und einer Delegation der CDM, unter ihnen Norman Podhoretz, Midge Decter, Elliott Abrams und Jeane Kirkpatrick. Die Begegnung verlief ergebnislos und viele CDM-Demokraten entschlossen sich daraufhin, bei der Präsidentschaftswahl des Jahres 1980 auf den republikanischen Bewerber Ronald Reagan zu setzen.

Norman Podhoretz veröffentlichte 1980 das Buch „Present Dangers“, das faktisch zu einem außenpolitischen Wahlkampfmanifest für Ronald Reagan wurde. Podhoretz zeichnete hier ein furchterregendes Bild des Machtzerfalls der USA infolge der Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion. In den Augen von Podhoretz drohte den USA die „Finnlandisierung“, falls es nicht zu einer politischen Wende kam. Ronald Reagan war von Podhoretz‘ Buch begeistert und erklärte „Ich fordere alle Amerikaner auf, dieses kritische, bedeutende Buch zu lesen“.

In einem 1982 veröffentlichten Artikel („Verliert Reagan seine Intellektuellen? Amerikas Neokonservative“, veröffentlicht in der März-Ausgabe des „Monat“ 1982) beschrieb Norman Podhoretz, wie er und seine neokonservativen Freunde die Wahl Ronald Reagans aufgenommen hatten:

„Am Abend jenes Tages, an dem Ronald Reagan zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, verfolgte ich die Wahlberichte im Fernsehen in Gegenwart einiger Intellektueller, die über den sich abzeichnenden Erdrutsch in so lautstarke Begeisterung ausbrachen, daß ein nichtsahnender Passant sie für Wahlhelfer der Republikanischen Partei oder vielleicht für eingefleischte Konservative hätte halten können. In Wirklichkeit waren die meisten von ihnen eingetragene Mitglieder der Demokratischen Partei.“

Als Ronald Reagan 1981 in das Weiße Haus einzog, übernahmen viele Mitglieder von CDM, CPD und Social Democrats USA Funktionen im Staatsapparat. Genossin Jeane Kirkpatrick von den Social Democrats USA wurde Botschafterin bei der UNO (mit dem Rang eines Kabinettsmitglieds) und machte den Genossen Carl Gershman (1973 bis 1980 Exekutivdirektor der Social Democrats USA, seit 1984 Präsident der Nationalen Demokratiestiftung [ National Endowment for Democracy – NED ], die von Knut Mellenthin in der „Jungen Welt“ als „zentrale Infiltrationsorganisation der US-Regierung“ charakterisiert wurde) zu ihren Mitarbeitern. Genosse Elliott Abrams aus dem Podhoretz-Decter-Clan wurde als Unterstaatssekretär für internationale Organisationen im State Department der offizielle Verbindungsmann seines Ministeriums zu Jeane Kirkpatrick. Im Oktober 1981 übernahm Abrams im State Department das Ressort „Menschenrechte und humanitäre Fragen“, von 1985 bis Anfang 1989 war er Staatssekretär für Lateinamerika im State Department (und in die Iran-Contra-Affäre verwickelt). Midge Decter gründete zur intellektuellen und publizistischen Mobilmachung für die Politik der Stärke das „Committe for the Free World“ (CFW). Das CFW war so etwas wie eine verkleinerte Neuausgabe des „Kongreeses für Kulturelle Freiheit“ (CCF). Midge Decter wurde hauptamtliche Direktorin des CFW, Podhoretz war Mitglied des CFW, Donald Rumsfeld war ehrenamtlicher Präsident des CFW.

Wenn Norman Podhoretz den Präsidenten Reagan kritisierte, dann weil er in seinen Augen nicht militaristisch genug war; so forderte Podhoretz bereits 1981 die ständige Stationierung von US-Bodentruppen in der Golfregion. Als Reagan in seiner zweiten Amtsperiode ernsthaft mit Moskau verhandelte, ging Podhoretz auf Distanz. In seinen Augen waren Abkommen mit Moskau selbstmörderisch, Podhoretz sah noch 1988 die Sowjetunion auf dem Weg zur Weltherrschaft und der einstige Hoffnungsträger Ronald Reagan wurde für Norman Podhoretz ein ebensolcher „Appeaser“ wie einst Präsident Carter oder Willy Brandt.

Auch nach dem Ende des Ostblocks behielt Norman Podhoretz seinen Kampfgeist. An der Heimatfront kämpfte Norman Podhoretz weiterhin gegen den alten innenpolitischen Lieblingsfeind der Neokonservativen: die Neue Linke und deren Ausläufer. Während der Clinton-Ära kam es zu einer Annäherung zwischen den Neokonservativen und der Christlichen Rechten. In einem Artikel für die Zeitschrift „National Review“ bezeichnete Norman Podhoretz die religiöse Rechte als ein „Bollwerk des Widerstands gegen den völligen Triumph des Relativismus in unserer Kultur und des Libertinismus in unserem Verhalten“. Die Allianz der Neocons und der christlichen Rechten ist sicherlich ungewöhlich, doch wenn linksliberale deutsche Kommentatoren anläßlich des Todes von Irving Kristol diese Allianz als „widernatürlich“ bezeichneten, so spricht dies höchstens gegen die Auffassungsgabe linksliberaler deutscher Kommentatoren: die gemeinsame Abneigung gegen den Linksliberalismus und das gemeinsame Engagement für die militärische Stärke der USA und die bedingungslose Unterstützung Israels sind eine solide Grundlage für diese strategische Allianz. Zudem kann die Christliche Rechte Massen von Wählern für die gemeinsamen Ziele mobilisieren, während die neokonservativen Intellektuellen zwar erfolgreich innerhalb der Elten arbeiten, jedoch keine Massenbewegung organisieren können.

Gemeinsam mit Jeane Kirkpatrick, Paul Wolfowitz und Richard Perle engagierte sich Podhoretz Mitte der neunziger Jahre für eine Intervention der NATO im Bosnienkrieg. 1997 gehörte Podhoretz (ebenso wie Midge Decter und Schwiegersohn Elliott Abrams) zu den Unterzeichnern der Prinzipienerklärung des Project for the New American Century (PNAC). Die Prinzipienerklärung des PNAC berief sich auf die Tradition der Außenpolitik Reagans und forderte eine beträchtliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben und die Bekämpfung von Regimen „die unseren Interessen schaden wollen und unsere Werte ablehnen“. „Wir müssen im Ausland die Sache der wirtschaftlichen und politischen Freiheit voranbringen.“ „Wir müssen die Verantwortung für Amerikas einzigartige Rolle für die Aufrechterhaltung und Ausdehnung einer Weltordnung annehmen, die förderlich ist für unsere Sicherheit, unser Wohlergehen und unsere Prinzipien.“ Das PNAC forderte in seiner Prinzipienerklärung, „die Aufgabe der Führerschaft Amerikas ernstzunehmen“.

Podhoretz gehörte zu den Unterzeichnern mehrerer Offener Briefe im Sinne des PNAC. Dazu gehörten

– der Brief des Balkan Action Council (eine Organisation mit personellen Querverbindungen zum PNAC) an Clinton über Kosovo (13.5. 1999) unter der Überschrift „Nur Bodentruppen werden die ethnische Säuberung in Kosovo beenden“. Die Unterzeichner erklärten Bombardements allein für nicht ausreichend und forderten den kombinierten Einsatz von Luftschlägen und NATO-Bodentruppen gegen Serbien. Gefordert wurden die Rettung des Lebens von nahezu einer Million Kosovaren, Rückzug aller serbischen Truppen aus Kosovo, Rückkehr der Flüchtlinge, Etablierung eines NATO-Protektorats für Kosovo und Anklageerhebung gegen Milosevic und andere führende Serben als Kriegsverbrecher.

– der Brief an Bush über den Krieg gegen den Terror (20.9. 2001). Die Unterzeichner forderten neben der Beseitigung Bin Ladens eine „umfassende militärische und finanzielle Unterstützung der irakischen Opposition“. „… die amerikanischen Streitkräfte müssen bereit sein, unsere Verpflichtung gegenüber der irakischen Opposition mit allen notwendigen Mitteln zu unterstützen“. Weiter wurden Druck auf Syrien und Iran wegen deren Unterstützung der Hisbollah und notfalls „Vergeltungsmaßnahmen“ gefordert, sowie die Einstellung jeder Unterstützung für die palästinensische Autonomiebehörde und eine Steigerung des USA-Verteidigungsbudgets.

-der Brief an Bush über Israel, Arafat und den Krieg gegen den Terror (3.4. 2002). Der Brief forderte die Unterstützung von Israels „Kampf gegen den Terror“ („Israels Kampf gegen den Terrorismus ist unser Kampf. Israels Sieg ist ein wichtiger Teil unseres Sieges“) und die Einstellung jeglichen Drucks auf Israel hinsichtlich der Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Arafat (der mit Osama Bin Laden gleichgesetzt wurde) und jeder finanziellen Unterstützung für die palästinensische Autonomiebehörde. Israel wird von den Unterzeichnern als „Insel liberaler, demokratischer Prinzipien – amerikanischer Prinzipien – in einem Meer der Tyrannei, der Intoleranz und des Hasses“ bezeichnet. Die Unterstützer forderten den Sturz Saddam Husseins, sprachen von Verbindungen des Irak zu Al-Kaida und forderten amerikanische Hilfe bei der Geburt von Freiheit und Demokratie in der islamischen Welt.

Podhoretz bezeichnete seit dem 11. September 2001 den „Krieg gegen den Terror“ als „Vierten Weltkrieg“ und wurde ein glühender Verfechter der „Bush-Doktrin“. Denen, die die Bush-Doktrin für gescheitert erklärten, hielt Podhoretz entgegen, dass auch der 1947 mit der Truman-Doktrin begonnene „Dritte Weltkrieg“ einige Jahrzehnte gedauert hatte, bis er mit dem Sieg endete. Somit gab Podhoretz mehr als deutlich zu verstehen, dass der „Vierte Weltkrieg“ noch sehr lange dauern kann. George W. Bush verlieh Norman Podhoretz im Jahre 2004 die „Medal of Freedom“, die höchste zivile Auszeichnung der USA

Weltkrieger Podhoretz ist auch Mitglied eines Friedenskomitees besonderer Art: des American Committee for Peace in Chechnya (ACPC) (1999 gegründet, existiert jetzt unter dem Namen American Committee for Peace in the Caucasus). Die Mitgliederliste dieses Komitee der amerikanischen Tschetschenienfreunde liest sich wie ein „Wer ist Wer“ des Neokonservatismus (4). In diesem Falle haben die Verfechter des Krieges „gegen den Terror“ und „gegen den Islamismus“ viel Verständnis für muslimische Gotteskrieger. Doch Wladimir Putin ist ja (wie auch BRD-Medien versichern) ein böser Antidemokrat.

Norman Podhoretz sprach sich mehrmals für eine militärische Aktion der USA gegen Iran aus. So veröffentlichte er am 30. Mai 2007 im „Wall Street Journal“ einen Kommentar unter dem Titel „The Case for Bombing Iran: I hope and pray that President Bush will do it“. Der republikanische Politiker Rudolph Giuliani, der sich damals um die Nominierung als Kanidat der Republikaner für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 2008 bewarb, ernannte am 10. Juli 2007 Norman Podhoretz zum Mitglied seines außenpolitischen Beraterteams. Giuliani erlitt bei den ersten Vorwahlen des Jahres 2008 jedoch eine Niederlage und mußte seine Wahlkampagne abbrechen,

Zu Beginn des Jahres 2009 gab Norman Podhoretz seine Funktion als Editor-at-Large des „Commentary“ auf. Der Zeitschrift, die jetzt von seinem Sohn John Podhoretz geleitet wird, bleibt Norman Podhoretz jedoch weiterhin verbunden: für den August 2010 hat der „Commentary“ eine mit einer Kreuzfahrt durch die Gewässer von Alaska verbundene „Confrence of Ideas“ angekündigt. Für dieses Ereignis wurden acht Redner angekündigt, unter ihnen vier Mitglieder des Podhoretz-Decter-Clans: Norman Podhoretz, Midge Decter, Elliott Abrams und John Podhoretz. Wie es also scheint, hat der streitbare Norman Podhoretz noch nicht vor, sich völlig ins Privatleben zurückzuziehen.

Erstveröffentlicht am 19. Januar 2010 in der Berliner Umschau