Ernst Engelberg 1989 : ein Historiker aus der DDR gegen „moralischen Masochismus und nationalen Nihilismus“

Vorbemerkung: Ernst Engelberg (1909 – 2010) war einer der bedeutendsten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts. Durch seine zweibändige Bismarck-Biographie (1985 und 1990 gleichzeitig im Ost-Berliner Akademie Verlag und im West-Berliner Siedler-Verlag veröffentlicht) wurde er auch außerhalb der DDR einem breiten Lesepublikum bekannt. Auf einem Ehrenkolloquium aus Anlaß seines 80. Geburtstages sagte der Jubilar im April 1989 diese bemerkenswerten Worte:

Überblicken wir, was die Reeducation-Historiker und „Irrweg“-Theoretiker über die neuere deutsche Geschichte sagten und bis zum heutigen Tage sagen, dann enthüllt sich ihre Grundmethode: Alle positiven Korrelationen zu den zweifellos undemokratischen Erscheinungen und Entwicklungen werden übersehen, um nicht zu sagen, unterschlagen. Schlimmer noch: Oft genug werden radikal-demokratische oder sozialistische Politiker in der deutschen Geschichte ironisch abgewertet oder gar diffamiert. Ein Musterbeispiel dafür ist die voriges Jahr im bundesrepublikanischen Dietz-Verlag herausgekommene Bebel-Biographie, deren Verfasserin mit den höchsten Kreisen der SPD und der Sozialistischen Internationale eng liiert ist. In dem Buch ist die abwertende Ironie geradezu penetrant, und der schöne Untertitel „Künder und Kärrner“ wird in einer solchen Weise interpretiert, daß am Ende ein politikunfähiger Geschäftemacher herauskommt. Zur pseudowissenschaftlichen Seite des Buches habe ich übrigens der Verfasserin in einem dreieinhalbseitigen Briefe einiges gesagt.

Aber es gibt auch einen politischen Aspekt dieser Biographie. Undenkbar, daß in Frankreich eine große Persönlichkeit des Sozialismus so behandelt werden könnte, wie dies einem August Bebel gewissermaßen parteioffiziös in West-Deutschland zuteil wurde. Das ist angesichts der unbestreitbaren Tatsache, daß die deutsche Sozialdemokratie in der politischen Hoch-Zeit Bebels an der Spitze der internationalen Arbeiterbewegung stand (und teilweise ihr Finanzier war) auch national entwürdigend.

Es geht doch um folgendes: Die politische und moralische Bewältigung des Hitler-Faschismus war und ist unerläßlich und wird uns noch lange beschäftigen müssen. Aber wenn dies unter dem Einfluß der Reeducation auf nordamerikanisch bei vielen Linken zu moralischen Masochismus und nationalen Nihilismus führt, dann greifen die Rechten innerhalb und außerhalb unserer Zunft ein und nutzen das Fehlen eines demokratisch-sozialen Patriotismus aus, um einen aggressiven Chauvinismus zu fördern. Ohne Stolz auf  vergangene Leistungen wird kein Volk von fortschrittlicher Zuversicht erfaßt und selbstsicherer Partner in der Völkergemeinschaft werden.

Ich glaube nicht, daß meine gegenwärtige Auffassung der Dinge im Widerspruch steht zu dem Geist, den ich bei meinem Eintritt in die revolutionäre Arbeiterbewegung vorfand. Damals, im Mai 1928 in München, bewußt genau neun Jahre nach der Niederschlagung der dortigen Räterepublik, und auch in den kommenden Jahren war die Verbindung von Patriotismus und Internationalismus selbstverständlich und für den KJVD und die KPD erfolgreich. Dran halte ich auch heute fest, obwohl ich weiß, daß die Sachlage vielschichtiger und schwieriger geworden ist. Erneut zeigt sich, daß die nationale Problematik in unlöslichem Zusammenhang steht mit den Fragen der Evolution und Revolution in der Weltgeschichte.

Quelle:
Ernst Engelberg : Erwiderung. – In: Historiographiegeschichte als Methodologiegeschichte : zum 80. Geburtstag von Ernst Engelberg ; [Ehrenkolloquium aus Anlaß des 80. Geburtstages von Akademiemitglied Ernst Engelberg, veranstaltet von der Klasse Literatur-, Sprach-, Geschichts- und Kunstwissenschaft der AdW … vom 18. bis 20. April 1989 in Berlin] / [bearb. von Wolfgang Küttler … Hrsg. von Herbert Hörz]. – Berlin : Akad.-Verl., 1991. – (Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften in Berlin ; 1991,1) . – Seite 12-13

Seinem West-Berliner Verleger Wolf Jobst Siedler schrieb Ernst Engelberg am 6. Mai 1989:

Meine „Erwiderung“ auf dem sogenannten Ehrenkolloquium…enthält drei konzeptionelle Gedanken, die sich gegen die Reeducation-Historiker richten. Wolfgang Mommsen, der neben Kocka, Rüsen und anderen westdeutschen Historikern anwesend war, fühlte sich besonders getroffen.

Quelle:
»Es tut mir leid: Ich bin wieder ganz Deiner Meinung« : Wolf Jobst Siedler und Ernst Engelberg: Eine unwahrscheinliche Freundschaft / dargestellt von Achim Engelberg. – 1. Aufl. – München : Siedler, 2015. – Seite 117

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