Wird Gaddafis düstere Prophezeiung betreffend Europa in Erfüllung gehen?

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Lyudmila Alexandrova

Moskau / TASS – Während Europas Migrantenkrise weiter wächst, rufen viele russische Medien die düstere Prophezeiung des ehemaligen libyschen Anführers Muammar Gaddafi in Erinnerung, die dieser einige Monate vor seinem Tod gemacht hat. „Hört zu, Völker der NATO! Ihr bombardiert eine Mauer, die den Weg der afrikanischen Migration nach Europa und den Weg der Terroristen von al-Qaeda versperrt hat. Diese Mauer war Libyen. Ihr Idioten reisst sie nieder, und ihr werdet in der Hölle schmoren für Tausende Migranten aus Afrika und weil ihr al-Qaeda unterstützt habt. So wird es sein, und ich lüge nie. Und ich lüge auch jetzt nicht,“ schrieb Gaddafi in einem offenen Brief, den die russische Tageszeitung Zavtra im Mai 2011 publizierte, wenige Monate vor der libysche Anführer getötet wurde.

Seit Jahresbeginn sind 500.000 Flüchtlinge in Europa angekommen. Die Migrationskrise ist zum Problem Nummer eins für die Länder der Europäischen Union geworden, wie der Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker dem Europäischen Parlament in seiner Rede zur Lage der Europäischen Union sagte.

„Dieses Europa ist heute ein Leuchtturm der Hoffnung und ein Hafen der Stabilität in den Augen vieler Frauen und Männer im Nahen Osten und in Afrika. Das ist etwas, auf das wir stolz sein sollten, nicht etwas, das wir fürchten sollten,“ sagte Juncker.

Die Frage nach den Ursachen der Migrantenkrise in Europa hat eine Flut von Kommentaren aus Expertenkreisen und aus der russischen Gesellschaft im Allgemeinen hervorgerufen. Europa ist dabei, seinen Ruf als stabilster Ort der Welt zu verlieren, hauptsächlich deswegen, weil die führenden europäischen Länder und die Vereinigten Staaten von Amerika die Regimes in genau denjenigen Ländern durcheinandergebracht haben, deren Menschen jetzt Bahnhöfe in der EU stürmen, sagen die Experten.

„Dass die Flüchtlingskrise ein Ergebnis der Politik der Vereinigten Staaten von Amerika und der Europäischen Union ist, ist mit bloßem Auge ersichtlich,” sagt der Forschungsbeauftragte Boris Dolgov vom Institut für Orientforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Die Zerstörung des Irak, die Zerstörung Libyens und Versuche, Bashar Assad in Syrien mit Hilfe islamischer Radikaler zu stürzen – das ist das, worum es in der Politik der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten von Amerika geht, und Hunderttausende von Flüchtlingen sind das Ergebnis dieser Politik,“ sagte er zu TASS.

„Es ist ein sehr ernstes Problem mit vielen Facetten,” sagte Professor Irina Zvyagelskaya vom Institut für Orientforschung am Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen MGIMO zu TASS. „Der Bürgerkrieg in Syrien und Spannungen im Irak und in Lybien halten den Fluss von Migranten in Gang, aber das ist nicht der einzige Grund. Ich stimme denen zu, die die derzeitigen Vorgänge als Trend in Richtung einer neuen Wanderungsbewegung von Menschen sehen, die schwächere Länder mit unzulänglichen Wirtschaften verlassen. Es gibt systemische Probleme, welche Menschen veranlassen, ihre Wohnorte zu verlassen und sich auf den Weg zu machen. Und die liberale europäische Gesetzgebung erlaubt vielen von ihnen, in Europa nicht nur zu bleiben, sondern dort auch von Wohlfahrtsleistungen zu leben, ohne Arbeit zu suchen.“

„Diese Menschen sind erschöpft, wütend und gedemütigt. Sie haben keine Vorstellung von europäischen Werten, Lebensarten und Traditionen, Multikulturalismus oder Toleranz. Sie werden sich niemals freiwillig an die europäischen Gesetze halten,“ sagt der russische Schriftsteller, Dramatiker und Bühnendirektor Yevgeny Grishkovets in seinem Blog. „Sie werden nie Dankbarkeit empfinden für die Leute, in deren Länder zu kommen sie nach Bewältigung so vieler Probleme geschafft haben, weil es genau diese Staaten waren, die zuvor ihre eigenen Heimatländer in ein Blutbad verwandelt haben.“

„Angela Merkel verspricht, dass die moderne deutsche Gesellschaft und Europa auf die Probleme vorbereitet sind … das ist eine Lüge und Unsinn! Ich bin mir sicher, dass viele von denen in Frankreich, Italien und Deutschland, die Mitleid heucheln und sich fassungslos geben angesichts von Berichten, dass schon wieder Migranten auf ihrer Flucht ertrunken oder erstickt oder aus Erschöpfung zugrunde gegangen sind, in Wirklichkeit insgeheim zu sich selber Dinge sagen wie: „Das geschieht denen recht! Das wird anderen eine Lehre sein!“ sagt Grishkovets.

Der Politikwissenschafter Fyodor Lukyanov glaubt, dass die Migrantenkrise nur die Spitze des Eisbergs ist, die Quintessenz des Haufens von Problemen, die seit Jahren aufgehäuft worden sind.

„Es besteht eine direkte Verbindung zwischen der Migrantenkrise und den letzten fünfzehn Jahren der Politik des Westens im Mittleren Osten,” schreibt Lukyanov in der von der russischen Regierung herausgegebenen Tageszeitung Rossiiskaya Gazeta. „Keine der versuchten Interventionen hat zu den erhofften Ergebnissen geführt. Im Gegenteil, jeder derartige Schritt führte zu einer weiteren Verschlechterung. Aber auch wenn die Vereinigten Staaten von Amerika und Europa eine ruhigere Linie verfolgt hätten, würde die Erosion dennoch weitergehen, wenn auch in einem langsameren Tempo. Das Endergebnis wäre jedenfalls dasselbe. Während die Modelle des 20. Jahrhunderts unter den neuen Bedingungen nicht mehr funktionierten, gab es keinen problemlosen Übergang auf die nächste Ebene.“

Der Kolumnist und Blogger Vitaly Tretyakov fragt sich, warum die Europäische Union in diese Falle gegangen ist, aus der sie nie mehr herauskommen kann.

„Es gibt viele Gründe, aber alle haben zu tun mit Arroganz und übersteigertem Selbstvertrauen. In den meisten Fällen wird diese Überheblichkeit nicht laut zum Ausdruck gebracht, aber die ‚Europäer’ fühlen sich immer erhaben über alle anderen auf dieser Welt.“

„Man wird sehen, ob die Europäische Union Washingtons Druck unterlegen ist, oder ob sie es vorgezogen hat, Solidarität mit den Vereinigten Staaten von Amerika zu zeigen, als sie sich entschied, den sogenannten ‚Demokratisierungsprozess’ in Nordafrika und im Mittleren Osten zu beschleunigen. Wie auch immer, sie half damit, die Büchse der Pandora aufzustoßen. Jetzt ist ein riesiges Gebiet in Bürgerkriege und bewaffnetes Chaos versunken und Millionen von Menschen waren gezwungen, um ihr Leben zu flüchten,“ schrieb Tretyakov.

erschienen am 9. September 2015 auf > TASS > Artikel