Taylor Swift in Berlin

Von Hans-Werner Klausen


Taylor Swift / Foto: Brian Cantoni; CC BY 2.0

Country-Pop (zwischen 1990 und 2005 auch „New Country“ genannt) ist in den USA – spätestens seit den Rekordumsätzen von Garth Brooks und Shania Twain in den 1990er Jahren – eine Goldgrube für die Musikindustrie. Zu den kommerziell erfolgreichsten Vertretern dieser Musikrichtung gehört die im Jahre 1989 geborene Sängerin und Songschreiberin Taylor Swift, die in den USA vor allem unter Mädchen bis zum 19. Lebensjahr eine riesige Fangemeinde hat.

Am vergangenen Freitag trat Taylor Swift im Rahmen ihrer „Red Tour“ („Red“ ist der Titel des aktuellen Studioalbums von Taylor Swift) in Berlin auf. Etwa 10 000 Fans erwarteten die Sängerin in der O2 World. Es dominierten dabei die jungen Mädchen. Man sah auch einige Jungs, die ihre Freundinnen begleiteten, relativ viele Eltern, die mit ihren Töchtern kamen, einige Jungs ohne weiblichen Anhang, doch nicht selten ebenso textsicher wie die Mädchen, und – last but not least – einige Erwachsene ohne Töchter (dabei dürfte es sich vorwiegend um Country-Fans gehandelt haben). Da dieses Konzert das einzige Tourneekonzert auf dem europäischen Festland war, kamen auch Gruppen von Fans aus anderen Ländern (der Verfasser dieses Berichts sah im oberen Rang eine Gruppe mit einer polnischen Fahne) nach Berlin.

Das Vorprogramm wurde von Andreas Bourani („Alles nur im Kopf“) bestritten. Ihm gelang es, für gute Stimmung zu sorgen, obwohl der größte Teil des Publikums die Ankunft der Hauptakteurin herbeisehnte.

Nach einer Pause betrat schliesslich Taylor Swift mit „State of Grace“ die Bühne. Nach dem Ende des Songs, wartete Taylor Swift, bis der Beifall verklungen war, um anschliessend höflich „Danke“ zu sagen.

Taylor Swift präsentierte eine perfekt amerikanische Show : mit jeder Menge Tänzern und Akrobaten auf der Bühne und mit häufigen Wechseln sowohl der Bühnendekoration als auch der eigenen Kostüme. Dem Titel der „Red Tour“ entsprechend, war Rot die dominierende Farbe der Bühnendekoration.

Ein erster Höhepunkt des Abends war die Präsentation des Liedes „Red“, des Titelsongs des gleichnamigen Albums. „Red“ ist – im Unterschied zu manch andren Songs des Albums – kein 08/15-Popsong und hat es wohl gerade deshalb nie in die deutschen Single-Charts geschafft. In den USA war das Lied auf Platz 6 der allgemeinen Billboard Charts und auf Platz 2 der Country-Charts. Taylor Swift stand mit ihrer Gitarre vorne auf der Bühne ; im Hintergrund wurden riesige rote Fahnen geschwenkt. Wären nicht die „westlich-dekadenten“ Shorts der zierlichen, blonden Sängerin gewesen, hätte man in diesem Augenblick glauben können, man sei im Peking des 1975 bei der Aufführung einer „revolutionären Modelloper“ der Genossin Jiang Qing.

Zwischen den Songs wurden immer wieder Einspielfilme gezeigt und Taylor Swift sprach von der Bühne aus wiederholt zu ihrem jugendlichen Fans – wie eine ältere Schwester. Vom Publikum wurde dies dankbar aufgenommen.

Bei „22“ ließ es Taylor Swift richtig krachen und wechselte dabei von der großen Bühne auf eine kleinere im hinteren Hallenbereich. Diese Gelegenheit nutze sie – zur Begeisterung ihrer Fans – für das Bad in der Menge.

Ein Tourneekonzert von Taylor Swift ohne ihren schönsten Song „Love Story“ (mit dieser Produktion von Nathan Chapman und Taylor Swift war im Jahre 2008 ihre Karriere richtig in Gang gekommen) wäre wie ein Schweizer Käse ohne Löcher. Taylor Swift präsentierte das Lied im letzten Drittel des Konzerts. Während „Love Story“ in der europäischen Version des Albums „Fearless“ „entcountryfiziert“ worden war, wurde „Love Story“ in Berlin glücklicherweise in der amerikanischen Originalversion präsentiert – mit unüberhörbaren Banjoklängen. So gehört es sich und sollte es auch bei künftigen Konzerten von Taylor Swift in Deutschland bleiben.

Nach „Love Story“ holte Taylor Swift den Briten Ed Sheeran auf die Bühne, der seine Single „I See Fire“ vorstellte. Mit „We Are Never Ever Going Back Together“ brachte Taylor Swift vor dem Ende des Konzerts die Halle noch einmal in Stimmung zum Mitfeiern. Dabei gab es – wie im Finale derartiger amerikanischer Shows üblich – den Einsatz von Konfetti und Pyrotechnik.

Taylor Swift erwies sich in Berlin als perfekte Entertainerin. Selbst die 08/15-Popsongs aus der Werkstatt von – Schreck laß nach! – Max Martin kamen auf diese Weise auf der Bühne viel besser rüber als auf CD. Taylor Swift hat ihre jugendlichen Fans an diesem Abend sehr glücklich gemacht, und der Verfasser dieses Berichts hatte für sein Eintrittsgeld mehr bekommen, als er sich erhofft hatte. Was will man am Ende einer Arbeitswoche mehr?