Kanadas schönster Musikexport – Zum 45. Geburtstag von Shania Twain

Vorbemerkung: Der vorliegende Artikel wurde zuerst im August 2010 anläßlich des 45. Geburtstages der kanadischen Interpretin/Songschreiberin veröffentlicht. Er ist – wie leicht erkennbar – aus dem Blickwinkel eines Fans geschrieben und erhebt deshalb keinen Anspruch auf Objektivität

von Hans-Werner Klausen

Shania Twain

Sie ist (hinter Céline Dion) die erfolgreichste kanadische Sängerin. Sie ist auf dem größten Musikmarkt der Welt (USA) die erfolgreichste „New Country“-Sängerin, die (zum Verdruß der Country-Puristen) seit 1995 durch ihren eigenen Erfolg Musikstil und Präsentation vieler anderer Country-Sängerinnen beeinflußt hat.

Und – last but not least – sie ist eine von wenigen Sängerinnen aus der Country-Ecke, die mit ihrer Musik auch auf dem country-resistenten deutschen Musikmarkt populär und kommerziell erfolgreich wurde.

Shania Twain wurde am 28. August 1965 als Eilenn Regina Edwards in Windsor (Provinz Onatario) geboren. Den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte verbrachte sie im verschlafenen Bergarbeiterstädtchen Timmins (Ontario). Durch die zweite Heirat ihrer Mutter wurde Eileen Edwards zu Eileen Twain.

Die zukünftige Multimillionärin Shania Twain wuchs in bescheidenen materiellen Verhältnissen auf. Als Kind trat sie in Bars und Kneipen auf, als junges Mädchen sang sie in einer Schülerband. Gleichzeitig lernte sie bei ihrem Adoptiv-Vater (einem indianischen Waldarbeiter) den Umgang mit der Kettensäge.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern (1987) verdiente Eileen Twain ihr Geld als Revuesängerin und kümmerte sich gleichzeitig um ihre jüngeren Geschwister. 1991 zog sie nach Nashville (die „Hauptstadt“ der Country-Musik) um, bekam ihren ersten Plattenvertrag und nahm den Künstlernamen „Shania Twain“ an.

Im Frühjahr 1993 wurde (unter dem Titel „Shania Twain“) das Debütalbum der unbekannten kanadischen Sängerin veröffentlicht. Shania hatte einen Song des Albums mitverfaßt, die übrigen Lieder waren das Werk professioneller Songschreiber. Weder das Album (guter Durchschnitts-Country) noch die Single-Auskopplungen waren sonderlich erfolgreich. Es half noch nicht einmal die Tatsache, dass beim Video für die zweite Single kein Geringerer als Sean Penn Regie geführt hatte. Shania Twains Karriere wäre bereits 1993 wieder zu Ende gewesen, wenn sich nicht ein Bewunderer von der anderen Seite des Atlantik in Nashville gemeldet hätte.

Der stille Bewunderer, der in Nashville anklopfte, war der Musikproduzent Robert John „Mutt“ Lange (Jahrgang 1948). „Mutt“ Lange („Mutt“ bedeutet „Köter“) war ein weißer Südafrikaner, der seit 1974 in England lebte. „Mutt“ Lange hatte in der Rockmusik als Produzent (teilweise auch Co-Autor) von Bands und Interpre-ten wie AC/DC, The Cars, Foreigner, Def Leppard und Bryan Adams Rekordumsätze erzieltund war 1993 bereits Multimillionär.

„Mutt“ Lange war jedoch auch seit vielen Jahren Country-Fan. Durch Zufall wurde Lange auf das Debutalbum von Shania Twain aufmerksam. Danach wollte er mit dieser Sängerin unbedingt ein Country-Album aufnehmen. Im Juni 1993 trafen sich „Mutt“ Lange das erste Mal in Nashville und danach verbrachten sie mehrere Wochen zusammen in Europa.

Lange machte Shania Twains Plattenfirma das Angebot, mit der Kanadierin ein Country-Album aufzunehmen. Die Plattenfirma ging darauf ein, obwohl „Mutt“ Lange zu den teuersten Produzenten gehörte: er bekam Vorschüsse in sechsstelliger Höhe und Tantiemen in Höhe von 5 Prozent. Allerdings hatte der Erfolg von Garth Brooks (der den traditionellen Folkloresound der US-amerikanischen Südstaaten durch Zutaten aus Rock und Pop aufgepeppt hatte) gezeigt, daß auch Nashville in der Lage war, Tonträger herauszubringen, von denen einige Millionen Exemplare verkauft werden konnten.

Aus der gemeinsamen Arbeit entwickelte sich bald noch etwas mehr: im Dezember heirateten Shania Twain (damals 28 Jahre alt) und „Mutt“ Lange (damals 45 Jahre alt).

Das Ehepaar Lange (das seit 2001 einen Sohn hat) lebte bis Ende der neunziger Jahre in den USA, danach erfolgte der Umzug in die Schweiz. Für den Umzug in die Schweiz dürfte es (neben den günstigen Steuerge-setzen) mehrere Gründe gegeben haben: Fußballfan „Mutt“ Lange konnte das europäische Fußballgeschehen von der Schweiz aus besser verfolgen als von den USA aus. Zudem ist unter den diskreten Schweizern ein ungestörtes Privatleben eher möglich als in den USA. „Mutt“ Lange geht der Öffentlichkeit aus Prinzip aus dem Wege und auch Shania Twain hat ihr Privatleben immer so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit herausgehalten: so hat Shania Twain grundsätzlich keine Reporter zu Interviews in ihrer eigenen Wohnung empfangen.

Im Mai 2008 wurde die Trennung des Ehepaares Lange bekanntgegeben, im Juni 2010 folgte eine kurze Mitteilung über die Scheidung. Shania Twain lebt mit ihrem Sohn weiterhin in der Schweiz.

Beruflich waren Shania Twain und „Mutt“ Lange ein perfektes Team. Lange produzierte Shania Twains Alben „The Woman In Me“ (1995), „Come On Over“ (1997) und „Up!“ (2002); die dort enthaltenen Lieder wurden von beiden Eheleuten gemeinsam geschrieben. „The Woman In Me“ soll von den Produktionskosten her die bis dahin teuerste Countryplatte gewesen sein, doch bald nach dem Erscheinen konnten sowohl die Plattenbosse als auch das Ehepaar Lange zufrieden sein: bis zum Februar 1997 wurden 9 Millionen Exemplare verkauft und damit wurde „The Woman In Me“ das bis dahin meist verkaufte Album einer Countrysängerin.

CMA Awards 1995any man of mine

Nashville, 4. November 1995: „Any Man Of Mine“ Shania Twain präsentiert ihren ersten #1-Hit in den US-Country-Charts anläßlich der CMA Award Show

„Come On Over“ übertraf diesen Erfolg noch. Diesmal hatten sich Shania Twain und Lange vorgenommen, auch auf dem Popmarkt Fuß zu fassen, ohne die Countryfans zu vergraulen. Um den Tonträger auch für den countryresistenten europäischen Musikmarkt kompatibel zu machen, produzierte Lange zwei unterschiedli-che Versionen für die unterschiedlichen Märkte: Country-Pop für die USA und eine „entcountryfizierte“ Version für Europa. Das Kalkül ging auf : von „Come On Over“ wurden mindestens 34 Millionen Exemplare weltweit verkauft und das Album wurde das meistverkaufte Musikalbum einer Einzelkünstlerin.

grammy 1999

Los Angeles, 24. Februar 1999, Grammy-Verleihung. Shania Twain präsentiert ihren Song „Man! I Feel Like A Woman!“ und erhält 2 Grammys

CMA Award
Nashville, 22. September 1999. Verleihung der Musikpreise der Country Music Association of America. Shania Twain erhält ihren ersten CMA Award überhaupt – und den in der begehrtesten Kategorie „Entertainer des Jahres“

Das Nachfolgealbum „Up!“ konnte zwar nicht die Rekordumsätze seiner Vorgänger erreichen, wurde jedoch trotzdem auf den europäischen wie auf den nordamerikanischen Märkten ein großer Erfolg. Diesmal gab es gleich drei Versionen: für Europa eine Pop-Version, für Nordamerika eine Country-Version und für die asiatischen Märkte eine orientalisch klingende (und nach dem persönlichen Geschmack des Schreibers dieser Zeilen ziemlich mißlungene) Version.
Shania Twain CMA Awards 2003

Shania Twain hat nicht nur ein hübsches Gesicht – 5. November 2003, CMA Award Show: Shania Twain singt „She’s Not Just A Pretty Face“

When You Kiss Me



„When You Kiss Me“ – Standfotos aus dem Musikvideo zur Single (2003)

Mit „Up!“ gelang Shania Twain auch auf dem drittgrößten Musikmarkt der Welt (Deutschland) der Durchbruch: die Single-Auskopplungen wie „Ka-Ching“, „I’m Gonna Getcha Good“ oder „Thank You Baby“ wurden im Radio rauf und runter gespielt, das Album kam im September 2003 auf Platz Eins der deutschen Album-Charts und auch die Tournee-Konzerte im Februar/März 2004 in Hamburg, Stuttgart, München, Berlin, Frankfurt am Main und Köln waren ein großer Erfolg.
Echo 2003Echo 2003Echo 2003

Berlin, 15. März 2003
Echo 2003
Shania Twain Präsentiert ihre Single „Ka-Ching!“
„Ka-Ching!“ war auf dem deutschen Musikmarkt die erfolgreichste Single für Shania Twain – #3 in deutschen Single-Charts


„Thank You Baby!“. Offizielles Video





Köln, 16. August 2003
Shania Twain bekommt einen „Comet“ in der Kategoie „Internationaler Künstler des Jahres“ und singt „Thank You Baby!“


Chicago, 27. Juli 2003

Die deutsche Zeitschrift „Gitarre und Bass“ hatte im Dezember 2002 über Shania Twain mit Fug und Recht geschrieben:

Eine echte Schönheit, mit starker Stimme, versiertem Gitarrenspiel und einer Passion für Country, die a) mit eingängigem Pop-Rock bekannt wurde, b) lange für ihren Erfolg kämpfen mußte und c) von Kritikern regelmäßig Saures bekam… Doch Shania kann mit den Vorwürfen leben – und zwar sehr gut. Obwohl sie jahrelang durch kanadische wie amerikanische Clubs tingelte, um traditionelles Nashville-Liedgut zu präsen-tieren, hat sie sich doch nie seinem Purismus und seinen halsstarrigen Gesetzen unterworfen. Shania gab sich stets sexy statt zugeknöpft, locker statt bierernst und populistisch statt nischenfixiert.

Trotz ihres großen Erfolgs hat es ab 1995 einige Jahre gedauert, bis das Country-Establishment in Nashville Shania Twain akzeptierte. Ntürlich wurde es in Nashville nicht gerne gesehen, daß ein Rockmusikproduzent aus dem Ausland in der amerikanischsten aller Musikrichtungen so erfolgreich war. Noch übler vermerkt wurden in der damals noch recht prüden Welt von Nashville (die Stadt liegt mitten im „Bibelgürtel“) allerdings die Videoclips, in denen Shania Twain gerne ihre optischen Vorzüge präsentierte. Für Shania Twains Erfolg war dies indessen kein Hindernis: vor allem Schulmädchen und junge Frauen mochten sowohl Shanias Musik, als auch ihre Texte, in denen Shania Twain sich selbst als selbstbewußte Powerfrau präsentierte, ohne wie eine Emanze zu wirken: Shania Twain ist weder ein Flittchen noch eine singende Alice Schwarzer.

In den letzten fünf Jahren hat sich Shania Twain weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie muß den Rest ihres Lebens keine ökonomischen Zwänge mehr berücksichtigen und niemand weiß, ob und wann sie wieder Musik veröffentlichen wird. Doch vielleicht überrascht sie ja irgendwann das Publikum mit einer neuen Veröffentlichung.

Veröffentlicht: 27. August 2010

Shania Twain : auch im Alter von 47 Jahren immer noch fotogen
(19. Mai 2013 anläßlich der Bill Board Music Awards Show)

Billboard 2013