Jeane Kirkpatrick (1926 – 2006) – ein Nachruf – „Eiserne Lady“ der US-amerikanischen Neokonservativen und UNO-Botschafterin Reagans

Von Hans-Werner Klausen

Jeane Kirkpatrick bei US-Präsident Ronald Reagan

Wenige Tage nachdem der amtierende US-amerikanische Botschafter bei der UNO John Bolton seinen Rücktritt angekündigt hatte, starb am 7. Dezember 2006 eine frühere Inhaberin von Boltons jetziger Funktion: Jeane Jordan Kirkpatrick, die unter Ronald Reagan vom Februar 1981 bis zum März 1985 die USA bei der UNO vertreten hatte. Bolton, dessen Ansichten über die UNO große Ähnlichkeiten mit denen der verstorbenen Ex-Botschafterin haben, kommentierte ihren Tod in bewegten Worten.

Während die meisten deutschen Zeitungen nur kurze Agenturmeldungen über Kirkpatricks Tod brachten, würdigte die US-Presse die streitbare Professorin und undiplomatische Diplomatin mit ausführlichen Nachrufen und das zu Recht, denn Kirkpatrick war nicht nur eine der Persönlichkeiten, deren Gesicht in der ersten Amtsperiode Reagans häufig im Fernsehen auftauchte. Sie gehörte zu den bedeutendsten Vertretern jener Gruppe von ehemals linken und linksliberalen Intellektuellen, die seit den siebziger Jahren als Neokonservative die Politik und das Geistesleben der USA verändert haben. Deshalb soll an dieser Stelle versucht werden, Jeane Kirkpatricks politischen Lebensweg nachzuzeichnen.

Jeane Kirkpatrick war sowohl eine politische Intellektuelle als auch eine Kämpfernatur. Ihr Charakter ähnelte dem von Margaret Thatcher. Anders als bei der britischen „Eisernen Lady“ begann Jeane Kirkpatricks politischer Lebenslauf indessen auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Jeane Kirkpatrick, die in den siebziger Jahren den Neokonservatismus als intellektuelle und politische Strömung mitbegründet hatte, war ebenso wie die meisten anderen Repräsentanten der neokonservativen Gründergeneration – unter ihnen der neokonservative „Pate“ („godfather“) Irving Kristol, dessen Frau Gertrude Himmelfarb, der langjährige Chefredakteur des vom American Jewish Committee herausgebenen Magazins „Commentary“ Norman Podhoretz und dessen Frau Midge Decter – eine ehemalige Linke. Im Unterschied zu den meisten anderen Mitgliedern des neokonservativen Kerns stammte sie aus einer protestantischen Familie in der amerikanischen Provinz.

Jeane Kirkpatrick wurde am 19. November 1926 als Jeane Duan Jordan in Duncan (Oklahoma) geboren. In ihrer College-Zeit trat sie 1945 der Young People’s Socialist League (YPSL), der Jugendorganisation der Socialist Party bei. Mit einer der aus der Parteispaltung 1972 hervorgegangenen Nachfolgeorganisationen der Socialist Party, den Social Democrats USA (dominiert von der extrotzkistischen, antikommunistischen, prozionistischen Shachtman-Gruppe), blieb sie auch in ihrer Zeit als Neokonservative verbunden. Noch in den achtziger Jahren war sie Mitglied bei den Social Democrats USA (1). Im Mai 2002 trat sie als Rednerin auf einer Veranstaltung der Social Democrats USA auf, bei der alte Partei- und YPSL-Mitglieder Erinnerungen austauschten. Unter den weiteren Rednern waren die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Sandra Feldman, der neokonservative Ideologe Joshua Muravchik (1967 bis 1973 YPSL-Vorsitzender) und das politische Chamäleon Marshall Wittman (Wittman, ab 1971 YPSL-Mitglied, war in den neunziger Jahren führender Funktionär der Christian Coalition des fundamentalistischen Fernsehpredigers Pat Robertson, danach Pressechef des republikanischen Senators John McCain und ist jetzt Pressechef des Senators Joseph Lieberman). Wittman, der bei dieser Gelegenheit die „Hinterlassenschaft des Marxismus und des Sozialismus“ als „den großen Feind des jüdischen Volkes und wirklich der Zivilisation selbst“ bezeichnete, konnte hier gleichzeitig verkünden: „Wir sind jetzt alle in der einen oder anderen Weise Shachtmanisten“ (2).

Jeane Duan Jordan machte 1950 ihren Masterabschluß an der Columbia University. Ihr wichtigster akademischer Lehrer war der aus der „Frankfurter Schule“ stammende deutsche Emigrant Franz Leopold Neumann. Ab 1950 arbeitete sie zunächst als Analystin im Intelligence and Research Bureau des State Department. Hier lernte sie den 15 Jahre älteren Evron Kirkpatrick, einen Veteranen des CIA-Vorläufers OSS (Office of Strategic Services) kennen. Jeane und Evron heirateten 1955. Nach der Heirat gab Jeane Kirkpatrick ihre berufliche Tätigkeit zunächst auf. 1963 wurde sie Assistenzprofessorin am Trinity College (Washington) und veröffentlichte ihr erstes Buch. 1967 pomovierte sie an der Columbia University über die peronistische Bewegung, danach wurde sie Professorin für politische Wissenschaften an der Georgetown University. Seit 1973 hatte sie dort einen Lehrstuhl.

Das Ehepaar Kirkpatrick war mit dem demokratischen Politiker Hubert H. Humphrey (Senator, 1964 bis 1969 Vizepräsident unter Lyndon B. Johnson) befreundet und sowohl bei den Präsidentenwahlen 1968 als auch bei den Vorwahlen 1972 unterstützte Jeane Kirkpatrick Humphrey. Bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei 1972 siegte indessen der linksliberale Außenseiter George McGovern mit einem pazifistischen Programm. Für die antikommunistischen „Cold War liberals“ war der „McGovernismus“ eine feindliche Übernahme der Demokratischen Partei durch die Neue Linke. Nachdem McGovern bei der Präsidentenwahl 1972 gegen Nixon haushoch verloren hatte, gründeten die „Cold War liberals“ Ende 1972 die „Coalition for a Democratic Majority“ (CDM). Die CDM kämpfte innerhalb der Demokratischen Partei gegen die Neue Linke und den „McGovernismus“, für einen harten Kurs gegenüber den Ostblockstaaten und für die bedingungslose Unterstützung Israels. Die Idee für die Gründung der CDM war von Norman Podhoretz, Midge Decter und Ben Wattenberg (ehemaliger Redenschreiber Lyndon B. Johnsons) ausgegangen, Wattenberg und Irving Kristol wurden Kovorsitzende der CDM, Jeane Kirkpatrick Vorstandsmitglied, Penn Kemble von den Social Democrats USA (auch ein Teilnehmer der oben erwähnten Veranstaltung vom Mai 2002) wurde geschäftsführender Direktor. Politischer Führer der CDM war der demokratische Senator Henry M. „Scoop“ Jackson, der um sich junge Akademiker wie Richard Perle, Elliott Abrams und Frank Gaffney scharte. Auch die Gewerkschaftsführung um George Meany und Lane Kirkland unterstützte die CDM. Der 1972 verstorbene Max Shachtman (ein früherer Sekretär Trotzkis, der 1938 in Vertretung für den abwesenden Trotzki die Gründungsversammlung der Vierten Internationale geleitet hatte) war in seinen letzten Lebensjahren antikommunistischer Berater der Gewerkschaftsführung und viele Gewekschaftsfunktionäre gehörten den Social Democrats USA an oder standen ihnen nahe.

Die CDM führte ihren Kampf nicht nur gegen Gegner in der Demokratischen Partei, sondern auch gegen die Entspannungspolitik Nixons und Kissingers. Die aus der antistalinistischen Linken stammenden neokonservativen Intellektuellen (der Begriff „neokonservativ“ wurde in den USA das erste Mal 1973 – zunächst polemisch – verwendet) wie Kristol, Podhoretz, Midge Decter oder Jeane Kirkpatrick vertraten einen viel ideologischer geprägten und militanteren Antikommunismus als das damalige Establishment der Republikanischen Partei und deren außenpolitische Experten. Für sie war die Entspannungspolitik „Appeasement“ (ein Begriff der auch gegenwärtig häufig von den Neocons vorgebracht wird) und moralisch unzulässig. Für Männer wie Kissinger war der Ost-West-Konflikt ein rein machtpolitischer Konflikt zwischen Großmächten, für Norman Podhoretz war es ein Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei. Jeane Kirkpatrick, die seit 1973 zu den Autoren von Podhoretz‘ „Commentary“ gehörte, dürfte diese Überzeugung geteilt haben.

Im Juni 1975 kam ein neokonservativer Intellektueller aus der CDM das erste Mal in ein wichtiges außenpolitisches Amt: Präsident Ford ernannte den Harvard-Professor Daniel Patrick Moynihan zum Botschafter bei der UNO. Moynihan behielt dieses Amt nur bis zum Februar 1976 (er wurde auf Betreiben Kissingers abberufen), doch durch seine aggressiven Polemiken gegen die realsozialistischen und blockfreien Staaten in der UNO wurde er so populär, daß er im November 1976 im Staat New York zum Senator gewählt wurde. Moynihans Stil in der UNO wurde zum Vorbild für Jeane Kirkpatrick und John Bolton.

Bei den demokratischen Vorwahlen des Jahres 1976 unterstützten die Neokonservativen die Kanidatur „Scoop“ Jacksons, es siegte jedoch der Außenseiter James („Jimmy“) Carter, der außenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt war. Nachdem Carter zum Präsidenten gewählt worden war, unterbreitete ihm die CDM einige Dutzend Personalvorschläge im Bereich der Außen- und Verteidigungspolitik; Jeane Kirkpatrick war für den Botschafterposten in Israel vorgesehen. Der einzige von Carter umgesetzte Vorschlag der CDM wurde jedoch der für den Gouverneursposten in Mikronesien. Kurz nach der Wahl Carters trat ein neues politisches Komitee an die Öffentlichkeit – das Committe on the Present Danger (CPD). Hier verbanden sich für den Kampf gegen die Entspannungspolitik Demokraten aus der CDM und Republikaner aus dem rechten Flügel der Partei. Neokonservative Intellektuelle wie Jeane Kirkpatrick, Norman Podhoretz, Midge Decter und Richard Perle und Gewerkschaftsfunktionäre gehörten zu den aktivsten Mitgliedern des Komitees, das die sowjetische Rüstung und die Außen- und Militärpolitik des Kreml so furchterregend wie möglich darstellte. Carter war für die Aktivisten des CPD viel zu lasch gegenüber den Russen und ihnen mißfielen auch Carters Versuche, sich als ehrlicher Makler zwischen Israelis und Arabern zu betätigen. Nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan fand ein Treffen zwischen Carter und mehreren Aktivisten der CDM, unter ihnen Jeane Kirkpatrick, Midge Decter, Norman Podhoretz und Elliott Abrams (seit 1980 Midge Decters Schwiegersohn) statt. Danach meinte Jeane Kirkpatrick: „Ich werde niemals für diesen Mann stimmen“.

Bei den Präsidentenwahlen 1980 wäre Senator Moynihan der neokonservative Wunschkanidat gewesen. Da Moynihan bei den Vorwahlen nicht gegen Carter antrat, entschlossen sich Podhoretz, Decter, Kirkpatrick und ihre Mitstreiter, den Republikaner Ronald Reagan (seit 1979 Führungsmitglied des CPD) zu unterstützten. In den Augen der Intellektuellen aus der CDM waren nicht sie es, die sich von der Demokratischen Partei abgewandt hatten, sondern umgekehrt. Als ehemaliger Demokrat und Gewerkschaftsfunktionär konnte Reagan mit den Neokonservativen viel leichter eine gemeinsame Sprache finden, als die meisten anderen führenden Republikaner. Die politische Ehe zwischen den neokonservativen Intellektuellen und den Republikanern war in den achtziger Jahren eine Vernunftehe: die Neocons hatten die Befürchtung, daß bei den Republikanern das Interesse des Big Business an Geschäften mit den Kommunisten und den Arabern stärker sein könnte als der Antikommunismus und das Engagement für Israel. Echte Zuneigung hatten die Neocons nur zu den harten Militaristen in der Republikanischen Partei und später auch zu den protestantischen Fundamentalisten, deren Einteten für Israel und für traditionelle amerikanische Werte den Neocons wichtiger wurde als deren antijudaistische Theologie.

Jeane Kirkpatrick hatte neben ihrer Lehrtätigkeit an der Georgetown University seit 1978 für das American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI) gearbeitet. Dieser konservative Think Tank begann in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, sich der intellektuellen Fähigkeiten der Neocons zu bedienen. Auch Irving Kristol und Ben Wattenberg begannen zu dieser Zeit für das AEI tätig zu werden. Seit Ende der achtziger Jahre konnten Kirkpatrick, Wattenberg und Kristol im AEI auch Neocons der zweiten Generation wie Richard Perle, Michael Ledeen und dem ehemaligen YPSL-Chef Joshua Muravchik begegnen.

Während des Wahlkampfes 1980 bekam Ronald Reagan von einem seiner Mitarbeiter einen Artikel zu lesen, den Jeane Kirkpatrick 1979 im „Commentary“ veröffentlicht hatte. Kirkpatrick warf hier Carter vor, den Schah und Nikaraguas Machthaber Somoza im Stich gelassen und damit die Etablierung von USA-feindlichen Regimes ermöglicht zu haben. Kirkpatrick meinte: „The rise of violent opposition in Iran and Nicaragua set in motion a succession of events which bore a suggestive resemblance to one another and a suggestive similarity to our behavior in China before the fall of Chiang Kai-shek, in Cuba before the triumph of Castro, in certain crucial periods of the Vietnam War, and more recently in Angola. In each of these periods, the American effort to impose liberalization and democratization on a government confronted with violent internal opposition not only failed, but actually assisted the coming to power of new regimes in which ordinary people enjoy fewer freedoms and less personal security than under the previous autocracy—regimes, moreover, hostile to American interests and policies.“ Für Jeane Kirkpatrick waren proamerikanische „autoritäre“ Regimes unterstützenswert, solange als Alternative die Etablierung antiamerikanischer „totalitärer“ Regimes drohte.

Der Artikel gefiel Reagan so gut, daß er die Autorin nach seinem Einzug in das Weiße Haus zur Leiterin der USA-Vertretung bei den Vereinten Nationen ernannte. Jeane Kirkpatrick bekam darüber hinaus den Rang eines Kabinettsmitglieds und wurde Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats beim Präsidenten. Aus diesem Anlaß wurde der „Commentary“ auch als hochspezialisierte Arbeitsvermittlung bezeichnet. Zu ihrem Chefberater in der Vertretung bei der UNO ernannte die Genossin Kirkpatrick den Genossen Carl Gershman, der von 1974 bis 1979 die Social Democrats USA geführt hatte. 1984 wurde Gershman Präsident der aus dem Staatshaushalt finanzierten, de jure privaten „Menschrechtsorganisation“ National Endowment for Democracy (NED). Gershman hat diesen Posten auch nach 22 Jahren noch inne.

Die Botschafterin Kirkpatrick war eine ausgesprochen undiplomatische Diplomatin, die sich vor allem als leidenschaftliche Gegnerin der Sowjetunion und Anwältin Israels hervortat. Wenn die Staaten des Ostblocks und der Blockfreien versuchten, die USA wegen ihrer Mittelamerikapolitik oder wegen ihrer Kumpanei mit Israel und Südafrika auf die Anklagebank zu setzen, handelte Kirkpatrick nach der Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“. Von den Karrierediplomaten im State Department wurden Kirkpatricks Auftritte in der UNO fast mehr gefürchtet als von Russen oder Arabern. Um so populärer wurde Kirkpatrick bei vielen einfachen Amerikanern und an der Basis der Republikanischen Partei. Kirkpatrick gab deutlich zu verstehen, daß die UNO eine Schwatzbude war, die das Geld der US-amerikanischen Steuerzahler zum Fenster rauswarf. Den meisten ihrer Landsleute sprach Kirkpatrick damit aus dem Herzen. Sie vermittelte den Amerikanern das Gefühl, in einer Welt von Feinden und Feiglingen standhaft für das Richtige zu kämpfen und trug damit dazu bei, den Amerikanern das „Vietnam-Syndrom“ auszutreiben.

Kirkpatrick beschränkte sich nicht auf ihre Tätigkeit bei der UNO, sondern versuchte in Washington sich als Nebenaußenministerin zu etablieren. Zu den traditionellen Rivalitäten zwischen Pentagon und State Department und zwischen dem Sicherheitsberater des Präsidenten und dem Außenminister kam jetzt die Rivalität zwischen State Department und der UNO-Botschafterin hinzu. Kirkpatrick verbrachte ebenso viel Zeit in Washington wie in New York und leitete während ihrer Abwesenheiten die UNO-Mission telefonisch. Das Verhältnis zwischen Kirkpatrick und Reagans erstem Außenminister Haig war von herzlicher Feindschaft geprägt. Haigs Nachfolger George Shultz konnte sich dann gegen Kirkpatrick als außenpolitische „Nummer 1“ durchsetzen. In Washington setzte sich Kirkpatrick besonders für die Unterstützung der Contras und der Exilkubaner ein. José Sorzano, ein Protegé Kirkpatricks und einer ihrer Assistenten in der UNO-Vertretung, wurde Präsident der „Cuban American National Foundation“, einer Vereinigung, der terroristische Verbindungen nachgesagt wurden.

Im Frühjahr 1982 mußte Kirkpatrick eine Niederlage hinnehmen, als sie sich nach der Besetzung der Falklandinseln durch Truppen der argentinischen Militärjunta für die Unterstützung Argentiniens einsetzte. Sie konnte sich jedoch gegen Außenminister Haig und Verteidigungsminister Weinberger nicht durchsetzen und so unterstützten die USA England im Krieg gegen Argentinien.

Als 1985 Reagans zweite Amtsperiode begann trat Jeane Kirkpatrick zurück und im März 1985 verließ sie ihren Posten bei der UNO. Kirkpatrick und ihre neokonservativen Freunde hatten sich Hoffnung auf größere Aufgaben für die Professorin gemacht; so war sie 1983 für den Posten des Sicherheitsberaters im Gespräch und 1984 gab es Gerüchte, sie würde in Reagans zweiter Amtsperiode die Leitung des State Department übernehmen.

Im April 1985 vollzog die neokonservative Demokratin ihren Übertritt zu den Republikanern. Ein republikanischer Senator erklärte damals: „Wir haben heute nur zwei Führungspersönlichkeiten im Land: den Präsidenten in der Innenpolitik und Jeane in internationalen Fragen“.

Jeane Kirkpatrick kehrte 1985 auf ihren Lehrstuhl an der Georgetown University (dort wurde sie im Jahre 2002 emeritiert) und auf ihren Posten im AEI zurück. Aus der Politik verbschiedete sie sich indessen nicht völlig. Von 1985 bis 1990 gehörte sie dem President’s Foreign Intelligence Advisory Board (ehrenamtliches Beratergremium beim Präsidenten für die Auslandsaufklärung) und von 1985 bis 1993 dem Verteidigungsplitischen Beirat beim Pentagon an. Sie engagierte sich auch für eine transatlantische Intellektuellenorganisation, die von ihrer alten Mitstreiterin Midge Decter 1981 gegründet worden war: das Committee for the Free World mit Donald Rumsfeld als Präsidenten und Midge Decter als hauptamtlicher Direktorin.

Jeane Kirkpatrick setzte sich weiter für die Contras, die Exilkubaner und den Zionismus ein. Zu den Auszeichnungen, die sie im Laufe ihres Lebens erhielt, gehörten der B’nai B’rith Humanitarian Award, der Defender of Jerusalem Award und der Israel 50th Anniversary Friend of Zion Award.

Der Politik, die Reagan in seiner zweiten Amtsperiode gegenüber Moskau verfolgte, standen Jeane Kirkpatrick und ihre neokonservativen Freunde skeptisch gegenüber. Gorbatschows Politik war für die Neocons ein Manöver, um die Wachsamkeit des Westens einzuschläfern. Jeane Kirkpatrick war kurze Zeit als mögliche Präsidentschaftskanidatin für 1988 im Gespräch und sie wäre bei der Präsidentenwahl 1988 die Wunschkanidatin für die Neocons und aggressiven Nationalisten gewesen, die dem Pragmatismus von George H. W. Bush mißtrauten. Da sie in innen- und gesellschaftspolitischen Fragen immer noch „liberale“ Positionen vertrat („liberal“ im amerikanischen Wortsinne bedeutet linksliberal oder sozialdemokratisch), hätte sie auch Wähler aus der Anhängerschaft der Demokraten für sich gewinnen können.

In den neunziger Jahren setzte sich Jeane Kirkpatrick u.a. für die Osterweiterung der NATO (Vaclav Havel zeichnete sie deshalb mit dem Masaryk-Orden aus) und für ein Eingreifen des Westens auf dem Balkan ein. Gemeinsam mit Margaret Thatcher, Richard Perle und anderen bekannten Persönlichkeiten unterzeichnete sie im September 1993 einen Offenen Brief für eine Militärintervention zugunsten der bosnischen Moslems. Gemeinsam mit Zbigniew Brzezinski, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz, Richard Perle, Elie Wiesel und anderen Persönlichkeiten gehörte sie dem Steering Committee des 1998 gegründeten Balkan Action Council (BAC) ein, der sich gemeinsam mit dem Project for the New American Century (PNAC) für die Intervention der NATO zugunsten der Kosovo-Albaner und für den Sturz Milosevics einsetzte. Im September 1998 unterzeichnete Jeane Kirkpatrick einen gemeinsamen Offenen Brief des PNAC und des BAC an Clinton für den Sturz Milosevics. Ende März 1999 verglich sie auf einer Pressekonferenz des BAC Milosevic mit Adolf Hitler und Pol Pot und forderte die Abtrennung Kosovos von Serbien.

Jeane Kirkpatrick war Mitglied des einflußreichen Council on Foreign Relations. 1997 gehörte sie zu den Gründern des Center for a Free Cuba (ein von National Endowment for Democracy unterstützter Verein). Im 2003 gegründeten International Committee for Democracy in Cuba (deutsche Mitglieder: Arnold Vaatz und Markus Meckel) war sie ebenfalls vertreten. Im Mai 2000 gehörte sie zu den Unterzeichnern einer Erklärung des zionistischen Middle East Forum „Ending Syria’s occupation of Lebanon“, wo eine militärische Aktion der USA gegen Syrien gefordert wurde. Am 20. September 2001 unterzeichnete sie den Offenen Brief des PNAC an Bush über den Krieg gegen den Terror, der den Sturz Saddam Husseins forderte. Sie gehörte dem (von 2002 bis 2003 existierenden) Komitee für die Befreiung Iraks, dem 2001 gegründeten Propagandainstitut Foundation for the Defense of Democracies und dem im Sommer 2004 wiedergegründeten Committee on the Present Danger an.

Auch in den Vorständen des International Republican Institute (IRI, eine Tochterorganisation von NED) und der „Menschenrechtsorganisation“ Freedom House war sie vertreten. Mit zwei der bedeutendsten neokonservativ-militaristischen Institutionen – Frank Gaffneys Center for Security Policy (CSP) und dem Jewish Instititute for National Security Affairs (JINSA) war sie durch Mitgliedschaften in den Beiräten verbunden. Das JINSA zeichnete sie im Jahre 1984 mit dem Henry M. Scoop Jackson Award, das CSP 1998 mit der nach Reagans CIA-Chef benannten „Casey Medal of Honor“ aus. Beide Auszeichnungen hatte sie verdient.

2003 vertrat Jeane Kirkpatrick die USA auf der Sitzung der UNO-Menschenrechtskommission. In den letzten beiden Jahren war es um die streitbare Professorin eher still geworden. Im Juli 2006 gehörte sie zu den Unterzeichnern einer im Wall Street Journal veröffentlichten Erklärung prominenter Konservativer zugunsten einer liberalen Einwanderungspolitik. Die amerikanische Rechte ist in dieser Frage gespalten: der großkapitalistische Flügel der Republikaner ist für eine liberale Einwanderungspolitik, die protestantischen Fundamentalisten und viele republikanische Wähler aus der Arbeiterklasse und den unteren Mittelscichten sind dagegen. Der Riß geht mitten durch die Reihen der Neocons: Kirkpatrick, William Kristol vom „Weekly Standard“ und andere vertreten hier die traditionellen neokonservativen Positionen, andere Neocons wie Frank Gaffney und Michael Ledeen halten massenhafte Einwanderung von Latinos (und Moslems) für ein Sicherheitsrisiko.

Jeane Kirkpatrick war eine Kämpferin mit scharfem Intellekt, die nicht davor zurückschreckte, sich unbeliebt zu machen. Es mag politisch inkorrekt sein, aber als politische Gegnerinnen sind dem Verfasser dieser Zeilen Kämpferinnen wie Jeane Kirkpatrick sympathischer als ständig „betroffene“ Heulsusen wie Claudia Roth, die sich trotzdem (oder deshalb) für imperialistische Kampagnen instrumentalisieren lassen.

Offene Briefe und Erklärungen (von Jeane Kirkpatrick mitunterzeichnet)

– Erklärung der New Atlantic Initiative für die Erweiterung der NATO (9. September 1997)
– Brief des PNAC, der International Crisis Group, des Balkan Action Council und der Coalition for International Justice an Bill Clinton („Mr. President, Milosevic ist the Problem“) (20. September 1998)
– Erklärung der Exekutive des Balkan Action Council („BALKAN ACTION COUNCIL URGES NATO INTERVENTION, GROUND TROOPS IN KOSOVO“) (25. Januar 1999)
– Brief des PNAC, der International Crisis Group, des Balkan Action Council, der New Atlantic Initiative und der Coalition for International Justice an Bill Clinton (“NATO must act in Kosovo”) (29. Januar 1999)
– Erklärung der Heritage Foundation und des PNAC über die Verteidigung Taiwans (20. August 1999)]
– Bericht der Lebanon Study Group des Middle East Forum (“Ending Syria’s Ocupation of Lebanon: The U.S. Role”) (Mai 2000)
– Brief des PNAC an George W. Bush über den „Krieg gegen den Terror“ (20. September 2001)
– Erklärung von Freedom House zum Irak-Krieg (20. März 2003)

Mitgliedschaften in politischen Institutionen
– Action Council for Peace in the Balkans (in den Jahren 1994 bis 1998 aktiv; Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Steering Committee)
– American Enterprise Institute (AEI) (Jeane Kirkpatrick war seit 1978 Mitarbeiterin)
– Balkan Action Council (BAC) (in den Jahren 1998 bis 2000 aktiv; Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Steering Committee und des Executive Committee)
– Balkan Institute (in den Jahren (in den Jahren 1995 bis bis 1998 aktiv; Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Steering Committee)
– Center for a Free Cuba (1997 gegründet) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Board of Directors)
– Center for Security Policy (CSP) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des National Security Advisory Council, NSAC)
– Coalition for a Democratic Majority (CDM) (gegründet 1972) (Jeane Kirkpatrick war bis 1980 stellvertretende Vorsitzende)
– Committee for the Liberation of Iraq (CLI) (2002 bis 2003 aktiv)
– Committee of 100 for Tibet (gegründet 1992)
– Committee on the Present Danger (CPD) (gegründet 1976)
– Committee on the Present Danger (CPD) (wiedergegründet 2004)
– Committee for the Free World (CFW) (gegründet 1981) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Board of Directors)
– Council on Foreign Relations (CFR)
– Endowment for Middle East Truth (EMET) (gegründet 2006) ((Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Advisory Board)
– Ethics and Public Policy Center (EPPC) (Board of Directors)
– Foundation for Defense of Democracies (FDD) (gegründet 2001; Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Board of Advisors))
– Freedom House (Jeane Kirkpatrick war seit 1990 Mitglied des Board of Trustees)
– Friends of the Democratic Center in Central America (PRODEMCA) (1981 bis 1988 aktiv) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des National Council)
– International Campaign for Tibet (ICT) (1988 gegründet) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des International Council of Advisors)
– International Committee for Democracy in Cuba (2003 gegründet)
– International Republican Institute (IRI) (Jeane Kirkpatrick war seit 1993 Mitglied des Board of Directors)
– Jewish Institute for National Security Affairs (JINSA) (Board of Advisors)
– Libby Legal Defense Trust (gegründet 2005) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Advisory Committee)
– New Atlantic Initiative (NAI) (gegründet 1996) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des International Advisory Board)
– Nicaraguan Freedom Fund (1985 aktiv) (Jeane Kirkpatrick war Vizepräsidentin)
– Project for the New American Century (PNAC) (1997 gegründet) (Jeane Kirkpatrick unterzeichnete mehrere Offene Briefe)
– Social Democrats, USA (1972/73 gegründet)
– United States Commitee for a Free Lebanon (USCFL) (gegründet 1997)
– Washington Institute for Near East Policy (WINEP) (Jeane Kirkpatrick war Mitglied des Board of Advisors)

Fußnoten:
(1)Group Watch: Social Democrats, USA
http://rightweb.irc-online.org/groupwatch/sd-usa.php

(2)SOCIALISM: What Happened? What Now?
http://web.archive.org/web/20070222033320/http://www.socialdemocrats.org/MayDayTranscript.html

Erstveröffentlicht im Dezember 2006 in der Berliner Umschau