Zusammenschluß der Arbeiter und der Nation: Heinrich Laufenberg, Fritz Wolffheim und der Hamburger Nationalbolschewismus

Von Hans-Werner Klausen

Ausgangspunkt aller nationalbolschewistischen Gruppen und Zirkel in der Weimarer Republik war der Kampf gegen den Versailler Vertrag, den die Westmächte dem besiegten Deutschland 1919 diktiert hatten. Die deutschen Kommunisten teilten in der Beurteilung des Vertrages die Einschätzung Lenins: „Als Deutschland besiegt war, da schrie der Völkerbund, dessen Mitglieder gegen Deutschland gekämpft hatten, das sei ein Befreiungskrieg, ein demokratischer Krieg gewesen. Man zwang Deutschland einen Frieden auf, aber dieser Frieden war ein Frieden von Wucherern und Henkern, denn Deutschland und Österreich wurden ausgeplündert und zerstückelt. Man nahm diesen Ländern alle Mittel zum Leben, ließ die Kinder hungern und Hungers sterben. Was also ist der Versailler Vertrag? Ein ungeheuerlicher Raubfrieden, der dutzende Millionen Menschen, darunter die zivilisiertesten, zu Sklaven macht. Das ist kein Frieden, das sind Bedingungen, die einem wehrlosen Opfer von Räubern mit dem Messer in der Hand diktiert worden sind“ (zitiert nach Lenin, Sämtliche Werke, Band 25, Wien, Berlin 1930, Seite 520).

Die erste nationalbolschewistische Welle nach dem Ersten Weltkrieg ist mit den Namen der Hamburger Kommunisten Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim verbunden. Sie bekannten sich zur Nation, weil nur so der Sozialismus verwirklichbar erschien. Während sich die späteren Nationalbolschewisten vor allem aus der Jugendbewegung, den Wehrverbänden und Intellektuellen rekrutierten, hatten Laufenberg und Wolffheim in Hamburg zeitweilig eine starke proletarische Anhängerschaft. Der promovierte Historiker Laufenberg (ursprünglich in der katholischen Zentrumspartei) war seit 1907 in der Hamburger Sozialdemokratie tätig und wurde schon 1912 wegen seiner radikalen Ansichten seiner Parteiämter enthoben. Zu dieser Zeit begann seine Zusammenarbeit mit dem Journalisten Fritz Wolffheim. Seit 1914 bekämpften Laufenberg und Wolffheim die Burgfriedenspolitik der Parteiinstanzen und wurden dadurch in der bedeutenden radikalen Minderheit der Hamburger SPD populär.

Im Sommer 1917 machten sich Laufenberg und Wolffheim den Rätegedanken zu eigen, von November 1918 bis Januar 1919 war Laufenberg Vorsitzender des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrats. Mit der Gründung der KPD fanden sich die beiden Freunde in der neuen Partei. Laufenberg, Wolffheim und der Sachse Otto Rühle standen in der KPD an der Spitze der Strömung, die in den Räten, an Stelle der Parteien und Gewerkschaften, die eigentlichen Träger der Revolution sahen. Sie waren gegen die Tätigkeit in den Gewerkschaften, radikal antiparlamentarisch und gegen das bolschewistische Organisationsprinzip des „demokratischen Zentralismus“. Durch verschiedene Winkelzüge entledigte sich der KPD-Vorsitzende Paul Levi der Opposition; diese gründete im April 1920 die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) und entzog der KPD mehr als die Hälfte ihrer 107.000 Mitglieder.

Mit dem Versailler Vertrag begannen sich die nationalbolschewistischen Positionen Laufenbergs und Wolffheims zu entwickeln. Am 3. Juni 1919 schrieb Laufenberg: „Die Gemeinschaft von Sprache und Sitte ist der wichtigste Hebel produktiven Schaffens, ist die Grundlage einer jeden menschlichen Kultur. Auf nationaler Basis ist die Arbeiterbewegung erwachsen, in der nationalen Grundlage wurzelt ihre Vergangenheit, ihr Sein und ihr Kampf. Die Grundlage kann nicht in Frage gestellt werden, ohne die schwersten revolutionären Konflikte auszulösen… Eine völlig neue Situation entsteht in Deutschland. Die Verstümmelung des Reichskörpers und die erdrückende finanzielle Last, die die Entente dem Lande aufzuerlegen versucht, … richten die Klein- und Mittelbourgeoisie völlig zu Grunde… Ihre völlige Proletarisierung wird ihr das Verständnis dafür beibringen, daß für das ganze Volk im Sozialismus, im Regiment der Räte allein Zukunft und Rettung liegt. Die Frage der Sozialisierung wird zu einer nationalen Frage im vollsten und eigentlichsten Wortsinne“ (zitiert nach Louis Dupeux, „Nationalbolschewismus“ in Deutschland 1919 – 1933, München 1985; die folgenden Zitate sind ebenfalls diesem Buch entnommen).

Laufenberg verband das Rätesystem mit der Frage der nationalen Einheit. Als Zusammenschluß der Arbeiter sollten die Räte die Vorstufe zum Zusammenschluß der Nation bilden, sie stellten die Urzelle der sozialistischen Nation dar: „Die Räteorganisation geht grundsätzlich über die politische und gewerkschaftliche Zersplitterung der Arbeiterschaft hinaus. Das Rätesystem faßt die Arbeiterschaft in ihrer Gesamtheit zusammen, um ihre ganze Wucht und Stoßkraft hinter die Interessen der Klasse zu stellen, die die Interessen des Sozialismus und der Nation sind… Die Betriebsräte werden zum Element der nationalen Sammlung, der nationalen Organisation, des nationalen Zusammenschlusses, weil sie das Grundelement, die Urzelle des Sozialismus sind.“

Am 11. Juni 1919 kam in einem Leitartikel der Hamburger „Kommunistischen Arbeiterzeitung“ der Vorschlag, eine „proletarische Wehrmacht“ aufzustellen, um „den Krieg, der am 2. August 1914 als imperialistischer Weltkrieg seinen Anfang nahm, der mit der Zertrümmerung des imperialistischen Deutschland einen Waffenstillstand fand, um dann umzuschlagen in den Endkampf zwischen Weltproletariat und Weltbourgeoisie, fortzusetzen bis zur endgültigen Entscheidung.“ Diese aus einer „proletarischen Sicherheitswehr“ und einer streng disziplinierten Roten Armee bestehende proletarische Wehrmacht sollte der „absoluten Verfügungsgewalt der obersten Exekutive gesamten Rätesystems“ unterstehen und „die Kräfte des konzentriertesten Willens aufbringen, die nötig sind, um der deutschen Arbeiterklasse die Stellung in der Welt zu sichern, die ihrer geistigen und kulturellen Reife entspricht.“

Im Oktober 1919 beschuldigte Laufenberg die mit der Bourgeoisie verbündete Sozialdemokratie, die Räte und somit die Revolution liquidiert zu haben, „um den bankrotten Kapitalismus zu restaurieren“ und sieht im Versailler Vertrag den Versuch, die „Weltherrschaft des amerikanischen Kapitals“ zu etablieren. Laufenberg kündigte den zwangsläufigen Ausbruch einer zweiten Revolution breiterer Volksschichten an. In Anlehnung an Lassalle sprach er vom Gegensatz zwischen der „erdrückenden Mehrheit des Volkes“ und der „schmalen Schicht der Bourgeoisie, die im Auftrag der Ententetrusts die Produktion leitet.“ Die These von der erdrückenden Mehrheit des Volkes, die zuerst von Lassalle formuliert worden war, machten sich später die nationalbolschewistischen Zirkel und der linke Flügel der NSDAP zu eigen.

Im November 1919 veröffentlichten Laufenberg und Wolffheim ihre Broschüre „Revolutionärer Volkskrieg oder konterrevolutionärer Bürgerkrieg? Erste kommunistische Adresse an das deutsche Proletariat“. Die zweite Revolution erschien jetzt nicht allein als sozialistische Forderung, sondern zugleich und vor allem als revolutionäre Notwendigkeit. Weil das deutsche Kapital zum „Büttel und Eintreiber ausländischer Gewalten“ geworden sei, sei „der Kampf gegen die Fremdherrschaft heute ein Kampf gegen das deutsche Kapital und seine staatlichen Organe, ein Kampf, dem die Entente mit allen Mitteln entgegenwirkt, weil es in ihrem Interesse liegt, nicht ihre getreuen Blut- und Wächterhunde verrecken zu lassen“. Seit dem Zusammenbruch der alten Bürokratie und des alten Militärapparates habe das Parteiwesen die „Desorganisation des Volkes“ nur noch weitergetrieben. Das Volk habe vor so harten Prüfungen gestanden, daß „eine neue Form der Zusammenfassung der Kräfte, eine neue Zentralisation“ notwendig würde, „eine Organisation, die alle seine Energien zusammenpreßt zu einem geschlossenen Ganzen…Diese Organisation vermag allein noch die proletarische Diktatur, das Räteregiment, der Arbeiterstaat zu gewähren“.

Schlüsselbegriffe waren für Laufenberg und Wolffheim die „Gesamtheit“ und das „Volksganze“. „Nicht das steht in erster Reihe, ob wir eine kommunistische Organisation der Wirtschaft wünschen, und welcher Teil des Volkes zunächst an ihr interessiert ist, sondern daß das Volk, die Gesamtheit sie haben muß, um nicht als Volk, als Gesamtheit zu Grunde zu gehen. Wenn auch die kommunistische Organisation von Wirtschaft und Volk nicht aufhört, die Forderung einer Klasse zu sein, so ist sie zugleich zu einer unabweisbaren Notwendigkeit für die Gesamtheit, für das ganze Volk geworden, ohne die es keine Rettung, keine Lebensmöglichkeit mehr gibt.“ „Was aber ist der Zweck aller Politik? Soll sie einer schmalen Schicht innerhalb des Volkes nützen, selbst um den Preis, daß das Volk als Ganzes darüber zu Grunde geht? Oder ist das Ziel der Politik, innerhalb der Volksgesamtheit die Wege zu suchen, die dem Volksganzen die denkbar beste Möglichkeit der Existenz garantieren?“

Der Bezug auf das „Volksganze“ bedeutete keinen Verzicht auf den Klassenkampf. Die Arbeiterklasse soll als das „vollziehende Organ der Volksgesamtheit“ auftreten und „die Grundlage der Parasitenexistenz der wenigen zertrümmern“. Die Zugehörigkeit zu den Räten ist davon abhängig, daß „produktive oder gemeinnützige Arbeit verrichtet wird“. Gleich nach der Machtergreifung soll die Arbeiterklasse daran gehen, „unter diktatorischen Maßnahmen eine Klassenorganisation aufzubauen, in die sie nicht nur die Teile des Volkes einbezieht, die bisher Arbeiter genannt zu werden pflegten, sondern alle Werktätigen, gleichgültig welcher gesellschaftlichen Sphäre sie bisher angehörten“. Auf diese Weise sollte die „proletarische Klassenorganisation“ schnell zur „proletarischen Volksorganisation“ werden.

Laufenberg und Wolffheim forderten die Zerreißung des Friedens von Versailles, die Wiederaufnahme des Krieges und die Aufstellung einer Roten Armee. Da eine „ungegrenzte wirtschaftliche Verbindung“ mit Rußland für beide Länder unentbehrlich ist, wird die „Offensive im Osten“ Vorrang haben, um den Durchgang durch Polen und die Verbindung beider Roter Armeen zu gewährleisten. Wo es sich um einen Kampf handelt, „der wirklich den Interessen des Volksganzen und nicht einer schmalen herrschenden Schicht dient, wird das Wort Bismarcks Wahrheit werden und Deutschland in Waffen starren vom Belt bis an den Bodensee“. Der Begriff „konterrevolutionär“ wird bei Laufenberg und Wolffheim nicht allein auf das Militär bezogen, das im Glauben der Ordnung zu dienen, dem Bürgertum dient, sondern „jeder Versuch eines Teils der Arbeiterklasse, durch bewaffnete Sonderorganisationen für einen eng umschriebenen Kreis von Führern die Macht zu erobern, und sich als Schutzgarde der Führerdiktatur zu organisieren, ist eine Kampfansage an die breiten Massen des Proletariats“.

Die Ablehnung der Diktatur einer Führerclique war, im Unterschied zu den nationalen Thesen Laufenbergs und Wolffheims, Gemeingut der gesamten KAPD. Sowohl aus diesem Grund als auch wegen der Versuche Laufenbergs und Wolffheims zur Nationalisierung des deutschen Kommunismus war der Konflikt mit Moskau unvermeidlich. Im November 1919 veröffentlichte Karl Radek (der zur gleichen Zeit Kontakte zu deutschen militärischen Kreisen knüpfte, die ab 1922 in einer intensiven militärischen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee mündeten) einen mehrteiligen Artikel (später eine Broschüre) gegen den Hamburger nationalen Bolschewismus. Dabei schreckte er vor Demagogie nicht zurück. Radek griff Laufenberg und Wolffheim wegen ihrer Betonung des „Volksganzen“ an, warf ihnen die Suche nach einem Kompromiß mit der bankrotten Bourgeoisie vor und unterschlug dabei, daß Laufenberg und Wolffheim die „schmale Schicht“ der Kapitalisten ausdrücklich aus dem „Volksganzen“ ausschlossen.

Im Januar 1920 bekannte sich Laufenberg erneut zur nationalen Idee mit den Worten: „Die bürgerliche Nation liegt im Sterben und die sozialistische Nation ist im Werden. Die nationale Idee hat aufgehört, ein Machtmittel in der Hand der Bourgeoisie wider das Proletariat zu sein, und sie wendet sich gegen sie… Die große Dialektik macht die nationale Idee zu einem Machtmittel des Proletariats wider die Bourgeoisie.“ „Die kommunistische Partei hat die Wahl, sich dieser Situation anzupassen und die Arbeiterklasse zu führen, oder aber durch eine kurzsichtige Taktik die nationale Idee Kreisen auszuliefern, die mit der Tradition bürgerlichen Denkens behaftet sind, und nicht verfehlen werden, sie als wirksame Waffen wider die Idee des Kommunismus zu gebrauchen.“

Im Frühjahr 1920 hatten Laufenberg und Wolffheim viele Anhänger, besonders bei den Werftarbeitern und Seeleuten. Die KPD-offizielle „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution“ schrieb 1929 über Laufenberg: „… es gingen einige tausend Arbeiter zunächst mit ihm zur KAPD und nur wenige hundert blieben in Hamburg bei der KPD.“ Der Einfluß Laufenbergs und Wolffheims dürfte auch im Seemannsbund stark gewesen sein, dessen Mitglieder sich im Februar/März 1920 weigerten, die nach dem Versailler Vertrag auszuliefernden Schiffe in britische Häfen zu überführen. Auch in Berlin agitierten Laufenberg und Wolffheim und sprachen dort vor Tausenden. Nach einem Korrespondentenbericht des Pariser „Temps“ (vom 19. April 1920) „sprach der Agitator Laufenberg in Berlin. Das Publikum bestand aus mehreren tausend Arbeitern, zu denen entlassene Offiziere gestoßen waren. Laufenberg hat heftig protestiert gegen die von Frankreich geforderte Entwaffnung Deutschlands. Er hat das Bündnis Deutschlands mit Rußland gefordert. Er hat die Aufstellung einer mächtigen Roten Armee verlangt, die in Deutschland die Diktatur des Proletariats errichten und die Wiederaufnahme des Krieges ermöglichen soll. Die Behörden dulden solche Propaganda, von der doch jeder weiß, wie gefährlich sie ist.“

Am 1. Mai 1920 veröffentlichten Laufenberg und Wolffheim den „Maiaufruf an die arbeitenden Massen des deutschen Volkes“. Danach sollte Deutschland seine Politik im Hinblick auf „die einsetzende zweite Phase des imperialistischen Krieges“ ausrichten, es sollte die „befreiten Nationen zusammenfassen zum Endkampf gegen die imperialistischen Reste der Welt“.

Da die KPD in der KAPD eine unerwünschte Konkurrentin sah und da der Nationalbolschewismus Laufenbergs und Wolffheims von weiten Teilen der neuen Partei nicht geteilt wurde, begann die KPD ihren Feldzug gegen die KAPD mit einem Trommelfeuer auf Laufenberg und Wolffheim, wobei auch vor Verleumdungen nicht zurückgeschreckt wurde. Im Juni 1920 veröffentlichte Lenin seine Generalabrechnung mit den ultralinken Kommunisten („Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“), darunter den Hamburgern. Im Juli 1920 sprach das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale den Bannfluch gegen Laufenberg und Wolffheim sowie gegen Otto Rühle (der den Nationalbolschewismus ablehnte, jedoch der Politik Moskaus kritisch gegenüberstand) aus.

Laufenberg und Wolffheim traf das paradoxe Los, von Lenin und der Internationale gerade in dem Augenblick verstoßen zu werden, da sie sich am meisten für den am 25. April von Polen angegriffenen Sowjetstaat einsetzten. Seit Anfang Mai veranstalteten sie prosowjetische Kundgebungen in Hamburg und Berlin, erließen Aufrufe zum Boykott der Transporte der Entente nach Polen und protestierten gegen jegliche Entwaffnung der Arbeiterklasse, soweit diese noch Waffen besaß. Sie betätigten sich agitatorisch bis weit in den Sommer hinein, doch zugleich antworteten sie der Internationale und Lenin mit der Streitschrift „Moskau und die deutsche Revolution. Eine kritische Erledigung der bolschewistischen Methoden“. Zum ersten Mal griffen sie offen den russischen Bolschewismus und – trotz gelegentlicher Vorsicht – Lenin selbst an. Der Angriff richtete sich gegen Lenins Auffassung der Partei, gegen den Bolschewismus als den Erben eines primitiven Staates, weil er lediglich einen „Staatskapitalismus“ im Interesse einer oppressiven und parasitären Minderheit schaffen konnte, welche die Massen und die Räte mit dem Terror zum Schweigen brachte. „Indem aber das russische Diktat allen kultivierten Ländern seine primitiven Methoden mit souveräner Gewalt vorschreibt, macht es überall eine Steigerung der Revolution über das russische Maß hinaus unmöglich.“

Am 14. August 1920 wurden Laufenberg und Wolffheim aus der KAPD ausgeschlossen; sie gründeten in Hamburg den „Bund der Kommunisten“. In ihrer Broschüre „Moskau und die deutsche Revolution bekannten sich Laufenberg und Wolffheim offen zur Notwendigkeit einer Vereinigung mit den ehrlichen Nationalisten von rechts, vorausgesetzt, daß sie antikapitalistisch eingestellt waren und sich der Auffassung des Kommunismus anschlossen. Es war das erste Mal in Deutschland, daß der Ausdruck „nationalrevolutionär“ gebraucht wurde: „Innerhalb der deutschnationalen Volkspartei… beginnt die Loslösung der aktivsten idealistisch eingestellten Teile der Intelligenz, die von jeher in erster Linie die Träger der nationalen Idee gewesen sind, und deren Vortrupp heute erkennt, daß unter den gegebenen allgemeinen Zusammenhängen nationale Ziele sich nur die Anwendung revolutionärer Mittel verwirklichen lassen. Damit wird die Kopfarbeiterschaft in die kommunistische Bewegung hineingerissen… Beide Flügel, die nationalrevolutionäre und die sozialrevolutionäre Bewegung sind aufeinander angewiesen. Ohne unmittelbare organisatorische Verbindung ergibt sich ihre politische Vereinigung in der Praxis.“

Im Frühjahr 1920 gründeten Laufenberg und der nationalistische Publizist Albrecht-Erich Günther die „Freie Vereinigung zum Studium des deutschen Kommunismus“, die vor allem in militärischen und intellektuellen Kreisen Zuspruch fand. Kommunismus bedeutete für diese Vereinigung „eine Organisation von Staat, Wirtschaft und Volk, die unter Ausschaltung aller auf Besitz gegründeten Privilegien und Monopole die gesellschaftlich nützliche Tätigkeit des Einzelnen zur Grundlage seiner Stellung macht“ und dadurch „der arbeitenden Gesamtheit die volle Entfaltung ermöglicht“. Ziel war eine „Volksgemeinschaft“ auf der Grundlage einer „Gemeinwirtschaft“.

Im August 1920, als der Vormarsch der Roten Armee auf Warschau in Deutschland eine prorussische Welle auslöste, entfalteten auch Laufenberg und Wolffheim rege Aktivitäten: Nach dem Pariser ,Temps‘ vom 17. August „sprach der Agitator Laufenberg in Eppendorf vor Tausenden, darunter vielen ehemaligen Frontsoldaten, die das Eiserne Kreuz zur Schau trugen. Der Redner erklärte, ein neuer Krieg gegen Frankreich sei nicht zu vermeiden, man müsse sich ab sofort darauf vorbereiten und zu diesem Zweck ein förmliches und rückhaltloses Bündnis mit Sowjetrußland schließen“. Mit dem Rückzug der Roten Armee brach die Aufregung plötzlich ab. Laufenberg und die „Freie Vereinigung“ hatten jedoch noch einen aufsehenerregenden Erfolg am 25. September, als die im „Verein deutscher Kapitäne und Offiziere der Handelsmarine“ organisierte Mehrheit der deutschen Seeleute beschloß, sich auf der Grundlage des nationalen Kommunismus in der „Einheitsorganisation der Seeleute“ zusammenzuschließen. Für die „Hamburger Nachrichten“ war dieser „verhängnisvolle Beschluß“ dadurch zustandegekommen, daß die Offiziere „brotlos auf die Straße gesetzt“ wurden, nachdem die Schiffe nach England abgeliefert worden waren. Die Spitze des Vereins habe sich überreden lassen von den Leuten der „Vereinigung zum Studium des Kommunismus“ des Dr. Laufenberg, ein „Danton der Revolution von 1918“. Eine rasch organisierte Gegenoffensive führte bereits am 8. Oktober zu einer außerordentlichen Versammlung der „besonnenen Elemente“, die den alten „Verein“ wieder ins Leben riefen, ohne jedoch die Reeder wirklich zu beruhigen, zumal ein Teil der Offiziere bei der „Freien Vereinigung“ blieb, deren Schatzmeister der Kapitän Gieseler wurde. Noch Anfang November sprach man dort resolut von der Aufstellung einer Roten Armee und Gieseler traf für den Ernstfall die Vorkehrungen für den Küstenschutz.

Ab 1921 schmolz der „Bund der Kommunisten“ schnell zusammen. Laufenberg zog sich wegen Krankheit nach 1922 von der aktiven Politik zurück und starb 1932. Wolffheim blieb an der Spitze seines Bundes, der zum Zirkel geworden war. Anfang der dreißiger Jahre wirkte er propagandistisch in Karl-Otto Paetels „Gruppe Sozialrevolutionärer Nationalisten“, die sich Laufenbergs und Wolffheims Idee eines Volksrätestaates zu eigen machte. Er starb 1942 in einem Konzentrationslager.

Erstveröffentlichung am 21. Januar 2004 in der Berliner Umschau