Werden die Dixie Chicks in Nashville amnestiert? – Texanisches Country-Trio für CMA Awards 2007 nominiert


Dixie Chicks; Bild: Wasted Time R, Lizenz: CC-BY-SA-2.5.

Von Hans-Werner Klausen

Am Donnerstag, dem 30. August 2007 gab die Country Music Association (CMA) die Nominierungen für die diesjährigen CMA Awards bekannt. Die Country Music Association ist die US-amerikanische Handelskammer der Country-Musik und die von ihr vergebenen Musikpreise sind die begehrtesten Musikpreise innerhalb des Genres Country-Musik.

Die Preisverleihung (in diesem Jahr am 7. November) gehört zu den größten Medienereignissen in den USA und hat für das amerikanische Fernsehpublikum einen Stellenwert, der nur von den Oscar-Verleihungen übertroffen wird. Die CMA Awards werden in diesem Jahr zum 41. mal verliehen. Die Preise werden in den Kategorien Entertainer des Jahres, Sängerin des Jahres, Sänger des Jahres, Horizon Award, Gesangsgruppe des Jahres, Album des Jahres, Lied des Jahres, Musikalisches Event des Jahres, Musikvideo des Jahres und Musiker des Jahres vergeben. In jeder Kategorie gibt es 5 Nominierungen.

Bei den Nominierungen für die diesjährigen CMA Awards ist eine ziemlich überraschende dabei: in der Kategorie „Gesangsgruppe des Jahres“ sind die Dixie Chicks unter den Nominierten. Bis vor 5 Jahren hätte ein solche Nominierung niemanden überrascht: seit 1998 waren die drei bildhübschen Texanerinnen mit Musikpreisen überhäuft worden. Zwischen 1998 und 2002 waren die Dixie Chicks mit insgesamt 9 CMA Awards ausgezeichnet worden. 1998 hatten die Dixie Chicks 2 CMA Awards bekommen, 1999 konnte das Trio 3 CMA Awards mitnehmen, im Jahre 2000 waren es erneut 3 CMA Awards (darunter einer in der begehrtesten Kategorie „Entertainer des Jahres“) und im Jahre 2002 gab es einen weiteren CMA Award. Ebenso eindrucksvoll wie die Liste der Musikpreise des texanischen Trios (bestehend aus Natalie Maines und den beiden Schwestern Emily Robison und Martie Maguire) waren die Umsätze ihrer Tonträger: so waren von dem im August 2002 erschienenen Album „Home“ bis zum März 2003 6 Millionen Exemplare verkauft worden. Die Dixie Chicks wurden die erfolgreichste Frauenband aller Zeiten und im Januar 2003 durften die Dixie Chicks beim Super Bowl die Nationalhymne singen.

Der Absturz in der Gunst ihrer Landsleute kam für die Chicks im März 2003. Am 10. März 2003, also kurz vor dem Beginn des Irak-Krieges, hatte Natalie Maines während eines Konzerts in London erklärt, sie schäme sich aus dem selben Staat (Texas) wie Präsident George W. Bush zu sein. Daraufhin wurden die Dixie Chicks von den meisten Country-Radiostationen boykottiert, einzelne Senatoren und Gouverneure forderten lebenslanges Auftrittsverbot für die Chicks (der Präsident dagegen verwies für die Dixie Chicks auf das Recht auf freie Meinungsäußerung) und in der Öffentlichkeit wurden Tonträger der Dixie Chicks von Bulldozern überrollt. Die Chicks hatten sich nach Beginn der gegen sie gerichteten Kampagne zunächst um Schadensbegrenzung bemüht (Natalie Maines nahm ihre Kritik in der Form zurück, blieb jedoch bei ihrer Gegnerschaft zum Irak-Krieg), da ihnen dies jedoch nichts nützte, gingen sie später zur Offensive über.

Den Dixie Chicks wurde nicht nur der Inhalt von Natalie Maines‘ Äußerung in London verübelt. Die Sängerin hatte ein ungeschriebenes Gesetz verletzt: man kritisiert den eigenen Präsidenten nicht im Ausland. Bei Sängern aus Genres wie Rock oder Folk hätte dieser Tabubruch indessen wohl nicht solche Folgen gehabt wie für das Country-Trio. Die Heimat der Country-Musik sind die Südstaaten der USA und dort befindet sich gleichzeitig der „Bibelgürtel“, wo die evangelikalen Protestanten die meisten Anhänger haben. Dort nimmt man ein Verhalten, das als unpatriotisch gilt, besonders übel. Die Rundfunksender richten sich darauf ein. Die Chicks sind auch nicht die ersten Country-Musiker, die wegen eines Tabubruchs Ärger bekommen haben. So war 1991 vom Fernsehen das Video zu Garth Brooks‘ Single „The Thunder Rolls“ boykottiert worden, weil dort gezeigt worden war, wie eine betrogene und vor den Augen ihres Kindes verprügelte Ehefrau ihren Mann erschießt.

Da Bush inzwischen bei vielen Amerikanern sehr unbeliebt ist, wurde außerhalb des Bibelgürtels den Dixie Chicks inzwischen verziehen. Wahrscheinlich wußten die Chicks im März 2003 selber nicht, wie sehr sie gegen die damalige Mehrheit ihrer Landsleute Recht hatten (schließlich wurde der breiten Öffentlichkeit erst später bekannt, dass die Vorwände für den Krieg erfunden waren). Doch im Bibelgürtel gehen die Uhren anders. Von vielen Sendern im Süden der USA werden die Chicks nach wie vor boykottiert und von den Nominierungen für country-interne Musikpreise waren die Dixie Chicks seit 2003 faktisch ausgeschlossen. Im Mai 2006 hatten die Dixie Chicks ein neues Album („Taking The Long Way“) veröffentlicht, das sowohl in den US-Pop-Charts als auch in den US-Country-Charts gleich auf Platz 1 kam, doch weder für die CMA Awards 2006 noch für die im Mai 2007 verliehenen Awards der Academy of Country Music (ACM) hatte es eine Nominierung gegeben.

Musikalische Gründe können dafür nicht ausschlaggend sein. Es stimmt zwar, daß sich der Musikstil der Chicks gewandelt hat. Während das vorletzte Studioalbum der Texanerinnen („Home“) musikalisch der Country-Tradition verbunden ist, geht „Taking The Long Way“ (produziert von Rick Rubin, der auch für die letzten Alben der Country-Ikone Johnny Cash verantwortlich war) mehr in Richtung Rock und Pop, doch dies ist bei Country-Musikern nichts ungewöhnliches und die Herkunft der Chicks aus der Country-Musik ist (glücklicherweise) immer noch deutlich genug erkennbar. Den Chicks hatte es im Süden auch wenig genützt, daß sie im Februar 2007 5 Grammys bekommen hatten: die Verkaufszahlen für „Taking The Long Way“ in den USA stiegen in der Woche nach der Grammy-Verleihung zwar um 172 Prozent (im Vergleich zur Vorwoche), doch die meisten Country-Radiosender sind nach wie vor nicht bereit, sich mit den Dixie Chicks auszusöhnen.

Ob die Dixie Chicks nach der Nominierung für die CMA Awards innerhalb der amerikanischen Country-Gemeinde amnestiert werden, bleibt abzuwarten. Der durch Natalie Maines‘ Äußerung vom März ausgelöste Wirbel hatte indessen zumindest einen erfreulichen Nebeneffekt: die Dixie Chicks wurden dadurch auch in Deutschland einem breiteren Publikum bekannt. Vorher waren sie, trotz ihrer guten Musik und ihres wohlverdienten Status als Superstars, hierzulande bei Nicht-Country-Fans so gut wie unbekannt. Dies hatten die Dixie Chicks mit den meisten ihrer Kollegen aus der Country-Musik gemeinsam: so ist Garth Brooks, der in den USA fast so viele Platten wie Elvis Presley verkaufte, den meisten deutschen Radiohörern und Plattenkäufern so gut wie unbekannt und Shania Twain hat den Durchbruch auf dem hiesigen Markt erst geschafft, nachdem ihre Tonträger in den für Europa bestimmten Versionen „entcountryfiziert“ worden waren. Johnny Cash ist fast der einzige Country-Star von der anderen Seite des Atlantik, der in Deutschland einem breiteren Publikum bekannt wurde.

„Taking The Long Way“ war im vorigen Jahr in den deutschen Album-Charts auf Platz 5 eingestiegen, was für ein Country-Album sehr ungewöhnlich ist. In diesem Jahr hatten zuerst die Grammy-Gewinne und (jetzt im August) danach die Kino-Dokumentation „Shut Up & Sing“ zum Wiedereinstieg des Dixie Chick-Albums in die deutschen Album-Charts geführt. So besteht Anlaß zur Hoffnung, dass die Musik der Dixie Chicks in Deutschland weitere Freunde finden wird. Und wer weiß – vielleicht sind sogar Rundfunksender in der Heimat der Country-Musik lernfähig. Wenn nicht, dann bleibt wenigstens die Hoffnung, daß sich die Dixie-Chicks-Hasser im Bibelgürtel über die Nominierung für die CMA Awards ärgern werden.

Erstveröffentlichung am 3. September 2007 in der Berliner Umschau