Von AC/DC bis Shania Twain – Musikproduzent Robert John „Mutt“ Lange wird 60

Von Hans-Werner Klausen

Fast jeder, der in den letzten 30 Jahren Radio gehört hat, dürfte schon mal Musik gehört haben, für die dieser Produzent verantwortlich ist: Robert John „Mutt“ Lange, der am 16. November 2008 sechzig Jahre alt wird. In unzähligen Haushalten dürften Tonträger aus seiner Produktion vorhanden sein. Der Name „Mutt“ Lange dürfte indessen nur Leuten bekannt sein, die auch das Kleingedruckte auf den Rückseiten der Plattenhüllen oder im Booklet lesen, denn im Unterschied zu Kollegen wie Dieter Bohlen oder Timbaland legt Lange auf Prominenz keinen Wert.

„Mutt“ Lange hat innerhalb der kommerziellen Musik ein sehr breites Betätigungsfeld: vom Hard Rock bis hin zu Country und Pop. In der Liste der 10 weltweit meistverkauften Musikalben sind zwei Tonträger aus der Produktion von „Mutt“ Lange: „Back In Black“ von AC/DC (ca. 42 Millionen verkaufte Exemplare) und „Come On Over“ von Shania Twain (ca. 34 Millionen verkaufte Exemplare). Auch manch andere Musikalben aus seiner Produktion erzielten Verkaufszahlen im zweistelligen Millionenbereich.

Von Musikkritikern bekamen die von „Mutt“ Lange produzierten Alben oft Schelte, doch der Erfolg gibt Lange Recht: Lange produziert nicht für selbsternannte Musikexperten mit exquisiten Musikgeschmäckern, sondern für ein breites Publikum und er steht dazu, daß er kommerzielle Musik produziert. Wenn „Mutt“ Lange ein Musikalbum produziert, dann will er, daß jeder Song das Potential zu einem Hit hat und dabei scheut er keinen Aufwand. „Mutt“ Lange gilt als einer der akribischsten Perfektionisten in den Tonstudios – nicht immer zur Freude seiner Schützlinge, denn wenn „Mutt“ Lange im Tonstudio ist, dann vergißt er jedes Zeitgefühl und merkt nicht mehr, ob es Zehn Uhr morgens oder Zehn Uhr abends ist.

Doch der Aufwand lohnt sich in der Regel für „seine“ Künstler. Bryan Adams meinte einmal: „Mutt könnte mit meiner Mutter arbeiten und hätte ein Hitalbum“. Man darf diese Aussage nicht zu wörtlich nehmen – „Mutt“ Lange hat bei den von ihm produzierten Musikalben immer mit guten Bands und Interpreten gearbeitet – doch „Mutt“ (das Wort bedeutet „Köter“) hat tatsächlich eine Spürnase für Musik mit Hitpotential. Kommerzialität und Eingängigkeit bedeuten bei den von „Mutt“ Lange produzierten Alben jedoch keineswegs „Einheitsbrei“. Zutreffend formulierte ein elektronisches Nachschlagewerk („Meyers Lexikon online“): „Tatsächlich verliert er bei seiner Arbeit nie den Massenmarkt aus dem Auge und drängt alle seine Schützlinge in Richtung einer brillanten, in der Wahl der Mittel uneingeschränkten Popmusik. Er gehört zu den wenigen Produzenten, die nicht auf den Markt reagieren, sondern er bestimmt mit seiner Arbeit die Richtung des Marktes.“

Robert John Lange wurde am 16. November 1948 in der Bergarbeiterstadt Mufulira in der damaligen britischen Kolonie Nordrhodesien (heute Sambia) geboren. Sein Vater – ein weißer Südafrikaner – arbeitete als Bergbauingenieur, seine Mutter (Geburtsname: Elisabeth von Wartenburg) stammte aus einer reichen deutschen Familie. Als Kind hatte Lange den Spitznamen „Puppy“ („Welpe“), woraus dann später „Mutt“ („Köter“) wurde. Lange verbrachte seine Kindheit und Jugend in Nordrhodesien, Südrhodesien und Südafrika. In Südafrika sammelte er Ende der sechziger Jahre erste produktionstechnische Erfahrungen als Toningenieur für Radiojingles. 1970 und 1971 spielte und sang er bei einer Gruppe namens „Hocus“, die in Südrhodesien mit einem Song in die dortige Hitparade kam und ansonsten erfolglos blieb. 1971 heiratete er die Hocus-Sängerin Stevie van Kerken (Künstlername: Stevie Vann). Stevie van Kerken kam wie „Mutt“ Lange aus Mufulira und die beiden kannten sich bereits, als Lange 5 Jahre alt war.

In den frühen siebziger Jahren arbeitete „Mutt“ Lange als Produzent für südafrikanische Gruppen und Interpreten. 1974 zog er mit seiner Frau nach London um. Die Ehe wurde Ende der siebziger Jahre geschieden, „Mutt“ und Stevie Vann blieben jedoch miteinander freundschaftlich verbunden und 1995 produzierte „Mutt“ Lange ein Musikalbum für Stevie Vann. In den achtziger Jahren war „Mutt“ Lange ein zweites Mal verheiratet.


AC/DC; Bild: Imhavingfun42, Lizenz: CC BY 3.0

In den siebziger Jahren arbeitete Lange in England als Produzent u.a. für Graham Parker, City Boy und die Boomtown Rats (die alte Band von Bob Geldof, mit der er 1978 einen Nummer-Eins-Hit in britischen Single-Charts hatte). Der endgültige Durchbruch für „Mutt“ Lange als Produzent kam 1979, als er für die australische Hardrock-Band AC/DC das Album „Highway to Hell“ produzierte. Die Australier hatten „Mutt“ Lange angeheuert, um ihnen einen melodischeren und kommerzielleren Sound zu geben und diese Erwartungen wurden erfüllt. Der Studiomitarbeiter Tony Platt meinte später über das Album:

„Das war genau die Platte, die sie nötig hatten. Es gab damals immer noch Leute, die AC/DC für eine Punkband hielten. Sie bewegten sich natürlich schon länger auf einen geradlinigen Rocksound zu und versuchten damit den amerikanischen Markt zu erobern.“

1980 (nach dem Tode von Bon Scott) produzierte Lange (der auch Scotts Nachfolger Brian Johnson bei der Einarbeitung half) für AC/DC das Album „Back in Black“. „Back in Black“ übertraf noch den Erfolg des Vorgängeralbums und AC/DC konnte damit endgültig den amerikanischen Markt knacken. 1981 produzierte Lange für AC/DC das Album „For Those About Rock (We Salute You)“, danach trennten sich die Australier von Lange, da sie sich in ihrer Kreativität eingeschränkt fühlten.

1981 hatte Lange viel Erfolg mit dem für Foreigner produzierten Album „4“. Im gleichen Jahr begann seine Zusammenarbeit mit Def Leppard, einer britischen Band, die musikalisch zur New Wave of British Heavy Metal gerechnet wurde. Für Def Leppard produzierte Lange 1981 „High ’n‘ Dry“. 1983 folgte „Pyromania“, wovon in den USA 10 Millionen Exemplare verkauft wurden. An den Songs von „Pyromania“ war Lange (wie bei vielen Musikalben und einzelnen Liedern , die er später produzierte) auch als Co-Autor beteiligt. Lange wurde in den achtziger Jahren inoffiziell als „sechstes Mitglied“ der Band betrachtet. Lange verlieh den Songs der Leoparden einen gewissen Pop-Schliff, ohne die Rock-Fans zu vergraulen. Bei vielen Heavy Metal-Fans sind die Leoparden seitdem schlecht angeschrieben, doch beim breiten Publikum kam diese Mischung aus Hard Rock und eingängigen Melodien gut an. Der Erfolg der Leoparden hat die Pop-Metal-Welle der achtziger Jahre mit ausgelöst. Ihren größten Erfolg hatten die Leoparden schließlich 1987 mit „Hysteria“. Von den 12 Songs des Albums wurden 7 Titel als Singles ausgekoppelt und vom Album wurden weltweit mindestens 16 Millionen Exemplare verkauft. 1992 war Lange für ein Def Leppard-Album („Adrenalize“) als „Executive producer“ tätig und beim 1999 erschienenen Album „Euphoria“ der Leoparden war Lange bei drei Liedern als Co-Autor beteiligt.

Lange hatte in den achtziger Jahren auch mit weniger harten Klängen Erfolg. Für „The Cars“ produzierte er 1984 das Album „Heartbeat City“ (die Single „Drive“ wurde damals im Radio rauf und runter gespielt), für Billy Ocean produzierte er einige Lieder.

Als Produzent von Musikalben hat „Mutt“ Lange seit „Highway to Hell“ normalerweise einen Goldenen Daumen, doch 1988 gab es eine Ausnahme von der Regel als er das Album „Romeo’s Daughter“ der gleichnamigen Band (Langes geschiedene zweite Frau Olga war dort Managerin) produzierte. Obwohl die erste Single öfter im Radio gespielt wurde, blieb das Album, dessen Musikstil sowohl an Def Leppard als auch an die US-Gruppe Heart erinnert, auf dem Musikmarkt so gut wie unbemerkt und kein Mensch weiß so richtig, woran dies lag. Dafür hatte „Mutt“ Lange wieder großen Erfolg, als er 1991 mit Bryan Adams „Waking Up The Neighbours“ produzierte – ein Album, das man tatsächlich so laut hören sollte, daß die Nachbarn davon wach werden.

Im Dezember 1993 waren gleichzeitig drei Titel von „Mutt“ Lange in den Top 10 der US-Single -Charts vertreten – „Please Forgive Me“ (Bryan Adams), „All for Love“ (Bryan Adams, Rod Steward und Sting) aus dem Soundtrack zu „Die drei Musketiere“ und Michael Boltons „Said I Loved You… But I Lied“. Zu diesem Zeitpunkt hatte Langes Leben indessen privat wie beruflich eine neue Wendung genommen.


Shania Twain; Bild: David Swales, Lizenz: CC BY 3.0

Country-Fans sind manchmal dort, wo man sie nicht vermutet. „Mutt“ Lange gehörte seit seiner Jugend dazu, doch seine in den siebziger Jahren aufgenommenen Alben in dieser Musikrichtung (mit Clover und der zum Southern Rock gehörenden Band The Outlaws) waren erfolglos geblieben. Im Frühjahr 1993 wurde Lange durch Zufall auf das Debütalbum der weitgehend unbekannten kanadischen Countrysängerin Shania Twain aufmerksam. Im Juni 1993 sahen sich „Mutt“ Lange und Shania Twain das erste Mal in Nashville. Lange machte Shania Twains Plattenfirma das Angebot, mit der Kanadierin ein Country-Album aufzunehmen. Die Plattenfirma ging darauf ein, obwohl „Mutt“ Lange zu den teuersten Produzenten gehörte: er bekam Vorschüsse in sechsstelliger Höhe und Tantiemen in Höhe von 5 Prozent. Allerdings hatte der Erfolg von Garth Brooks (der die traditionellen Country-Klänge durch Zutaten aus Rock und Pop aufgepeppt hatte) gezeigt, daß auch Nashville in der Lage war, Tonträger herauszubringen, von denen einige Millionen Exemplare verkauft werden konnten.

„Mutt“ Lange hatte mit Shania Twain nicht nur die gesuchte Sängerin für ein Country-Album gefunden: Ende Dezember 1993 heirateten der Südafrikaner und die 1965 geborene Kanadierin. Bis Ende der neunziger Jahre lebte das Ehepaar Lange in den USA, danach in der Schweiz. Für den Umzug in die Schweiz dürfte es (neben den günstigen Steuergesetzen) mehrere Gründe gegeben haben: in der Schweiz war ein ungestörtes Privatleben eher möglich als in den USA und Fußballfan „Mutt“ Lange konnte das europäische Fußballgeschehen von der Schweiz aus besser verfolgen als von den USA aus. Im Mai 2008 ließ das Ehepaar Lange (das seit August 2001 einen Sohn hat) seine Trennung bekanntgeben.

Beruflich waren Shania Twain und „Mutt“ Lange ein perfektes Team. Lange produzierte Shania Twains Alben „The Woman In Me“ (1995), „Come On Over“ (1997) und „Up!“ (2002); die dort enthaltenen Lieder wurden von beiden Eheleuten gemeinsam geschrieben. „The Woman In Me“ soll von den Produktionskosten her die bis dahin teuerste Countryplatte gewesen sein, doch bald nach dem Erscheinen konnten sowohl die Plattenbosse als auch das Ehepaar Lange zufrieden sein: bis zum Februar 1997 wurden 9 Millionen Exemplare verkauft und damit wurde „The Woman In Me“ das bis dahin meist verkaufte Album einer Countrysängerin. „Come On Over“ übertraf diesen Erfolg noch. Diesmal hatten sich Shania Twain und Lange vorgenommen, auch auf dem Popmarkt Fuß zu fassen, ohne die Countryfans zu vergraulen. Um den Tonträger auch für den countryresistenten europäischen Musikmarkt kompatibel zu machen, produzierte Lange zwei unterschiedliche Versionen für die unterschiedlichen Märkte: Country-Pop für die USA und eine „entcountryfizierte“ Version für Europa. Das Kalkül ging auf : von „Come On Over“ wurden mindestens 34 Millionen Exemplare weltweit verkauft und das Album wurde das meistverkaufte Musikalbum einer Einzelkünstlerin.

Mit dem Erfolg von „The Woman In Me“ und „Come On Over“ bewies Lange erneut seine Fähigkeit, unterschiedliche Musikrichtungen miteinander zu verbinden und auf dem Musikmarkt Trends zu setzen: viele Countrysängerinnen lehnten sich danach (zum Ärger der Country-Puristen) an den Musikstil von Shania Twain an. Das Nachfolgealbum „Up!“ konnte zwar nicht die Rekordumsätze seiner Vorgänger erreichen, wurde jedoch trotzdem auf den europäischen wie auf den nordamerikanischen Märkten ein großer Erfolg. Diesmal gab es gleich drei Versionen: für Europa eine Pop-Version, für Nordamerika eine Country-Version und für die asiatischen Märkte eine orientalisch klingende (und nach dem persönlichen Geschmack des Schreibers dieser Zeilen ziemlich mißlungene) Version.

„Mutt“ Lange war in diesen Jahren auch für andere Interpreten tätig. Für Michael Bolton, die Corrs und Céline Dion produzierte Lange einzelne Lieder, für Bryan Adams produzierte Lange im Jahre 1996 ein Album und immer mal wieder einzelne Songs . Da auch gute Produzenten hin und wieder kleinere musikalische Sünden begehen, befinden sich unter den Produktionen von „Mutt“ Lange auch einige Stücke, die nicht unbedingt rühmenswert sind . Dazu gehören die erwähnte orientalische Version von „Up!“ und Songs für die Backstreet Boys. Die größte der kleinen Musiksünden Langes (an der auch Shania Twain als Co-Autorin beteiligt war) dürfte eine im Jahre 2000 veröffentlichte Single für Britney Spears gewesen sein.

Über „Mutt“ Lange als Privatperson ist nur sehr wenig bekannt. Lange will kein Star sein und geht der Öffentlichkeit aus dem Wege: er gibt keine Interviews, es gibt nur wenige Fotos von ihm und er wurde nur selten mit Shania Twain zusammen in der Öffentlichkeit gesehen. Lange, der seit den siebziger Jahren einer indischen Glaubensgemeinschaft angehört, ist aus religiösen Gründen Vegetarier. Man weiß über ihn, daß er Hobbygärtner, Fußballfan (Shania Twain: „Ich höre seinen Erzählungen über Fußall zu, wie es jede gute Ehefrau täte“) und (für einen Südafrikaner verständlich) Rugby-Fan ist. Shania Twain sagte vor drei Jahren in einem Interview über ihn: „He’s a lot more sociable than I am. He’s got a lot more friends than I do, and he’s just a real active guy. He’s much more interested in talking about politics than he is about music.“

Die neueste Produktion von „Mutt“ Lange ist ein Album für Nickelback („Dark Horse“) , das in der zweiten Novemberhälfte auf den Markt kommen soll. Dann wird sich zeigen, ob der „Köter“ immer noch seine Spürnase für den Musikmarkt besitzt.
Anhang

Von „Mutt“ Lange produzierte Musikalben (Auswahl)
1979: AC/DC – Highway To Hell
1980: AC/DC – Back In Black
1981: Foreigner – 4
1981: Def Leppard – High ’n‘ Dry
1981: AC/DC – For Those About to Rock (We Salute You)
1983: Def Leppard – Pyromania
1984: The Cars – Heartbeat City
1987: Def Leppard – Hysteria
1988: Romeo’s Daughter – Romeo’s Daughter
1991: Bryan Adams – Waking Up the Neighbours
1995: Shania Twain – The Woman In Me
1995: Stevie Vann – Stevie Vann
1996: Bryan Adams – 18 ‚Til I Die
1997: Shania Twain – Come On Over
2002: Shania Twain – Up!

Erstveröffentlichung am 14. November 2008 in der Berliner Umschau