Kompetente Organe: Von der Tscheka zum KGB – eine sowjetische Behörde und ihre Leiter

Von Hans-Werner Klausen

Am 20. Dezember diesen Jahres (2006) feierten die Angehörigen der russischen Geheimdienste ihr Berufsfest. Bis 1995 wurde es als „Tag der Tschekisten“ begangen. 1995 wurde er zum „Tag der Mitarbeiter der russischen Geheimdienste“ erklärt. Der offizielle Berufsfeiertag wurde durch ein Dekret des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin eingeführt. Der 20. Dezember ist der Tag, an dem im Jahre 1917 der Rat der Volkskommissare die Gründung der „Gesamtrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage“ (Tscheka, nach dem russischen Initialen für „Außerordentliche Kommission“) verfügte. Aus diesem Anlaß wollen wir auf die Geschichte der kompetenten Organe in der Zeit von 1917 bis 1991 zurückblicken.

„Kompetente Organe“ – dies wird in Deutschland nur wenigen etwas sagen. In der verflossenen Sowjetunion dagegen wußte jeder, welches Staatsorgan gemeint war, wenn von den „kompetenten Organen“ oder einfach von „den Organen“ die Rede war – die Staatssicherheit, die mehrmals ihren Namen änderte und sich von ihrer Gründung bis zum Tod des großen Stalin gewaltige Verdienste um die „Reinigung der russischen Erde vom Ungeziefer“ (Lenin) erwarb.

Von Dzierzynski bis zum Beginn der Ära Berija

Am Anfang war die im Dezember 1917 geschaffene Gesamtrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage (Tscheka) unter der Leitung des polnischen Adligen Feliks Dzierzynski (1877 – 1926); seine engsten Mitarbeiter in der Bürgerkriegsperiode waren die Letten Lazis und Peters (beide 1938 exekutiert). Unter den Bedingungen des Bürgerkrieges wuchs der Apparat der Tscheka sehr schnell. Zur Tscheka gehörten neben der eigentlichen Staatssicherheit die inneren Truppen, die vor allem für die Niederwerfung von Bauernaufständen eingesetzt wurden; außerdem wurden sie in Bereitschaft gehalten um gegen einen eventuellen Militärputsch vorzugehen. Der Tscheka waren auch Heime für verwahrloste Kinder (bekannt durch Makarenko) unterstellt.

Aus optischen Gründen wurde die Tscheka im Februar 1922 zur Staatlichen Politischen Verwaltung (GPU), die dem Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik unterstellt wurde; da Dzierzynski zum damaligen Zeitpunkt auch das NKWD leitete, war er sich selbst unterstellt. In den nichtrussischen Republiken wurde analog verfahren, faktisch war die GPU in den nichtrussischen Republiken der Moskauer GPU unterstellt. Dieser Zustand wurde im September 1923 legalisiert; aus der GPU wurde die Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung (OGPU) als unionsweites Staatsorgan. Als OGPU wurden die „Organe“ (einschließlich Grenztruppen und innere Truppen) wieder zu einer selbständigen Behörde. Das NKWD existierte im Unterschied zur OGPU damals nur auf der Ebene der einzelnen Republiken, war für nichtpolitische Bereiche (gewöhnliche Polizei, Feuerwehr, Standesämter, Gefängnisse für unpolitische Delikte usw.) zuständig, und wurde nach und nach von der OGPU geschluckt. 1930 wurde das NKWD aufgelöst.

Als die GPU gegründet wurde, hatte sie im Unterschied zur Tscheka keine Gerichtsbefugnisse. Bereits im August 1922 bekam die GPU das Recht, Banditen am Tatort der außergerichtlichen Bestrafung zuzuführen und feindliche Elemente zu verbannen oder ins Lager einzuweisen. Bereits 1923 wurde dieses Recht gegenüber oppositionellen Gruppen am Rande der herrschenden Partei angewandt; auch Trotzki, den seine Bewunderer bis heute für einen freiheitlichen Sozialisten halten, befürwortete diese Maßnahmen. Dafür zeterte Trotzki, als ihm die OGPU 1928 Gelegenheit gab, die Umgebung von Alma-Ata kennenzulernen (als Trotzki an der Macht war, repräsentierten die Organe natürlich das Proletariat; als Trotzki entmachtet wurde, repräsentierte die Organe nicht mehr das Proletariat). Nach 1923 wurden die Befugnisse der Organe immer weiter ausgedehnt und seit 1927 waren sie ebenso unbegrenzt wie bei der Tscheka.

Feliks Dzierzynski blieb bis zu seinem Tod (20. Juli 1926) Leiter der Organe. Gleichzeitig übernahm er 1924 die Leitung des Obersten Volkswirtschaftsrats. Der ehemalige Menschewik Nikolai Walentinow, der in den zwanziger Jahren im Obersten Volkswirtschaftrat arbeitete und später emigrierte, hielt Dzierzynski für den besten und fähigsten unter den Vorsitzenden des Obersten Volkswirtschaftsrats. Dzierzynski schätzte die nichtkommunistischen Fachleute im Obersten Volkswirtschaftsrat und sorgte dafür, daß sie von Belästigungen durch die Staatssicherheit verschont blieben. Er war ein überzeugter Verfechter der NEP und widersetzte sich der bauernfeindlichen Linie der Trotzkisten und Sinowjewisten.

Da die Arbeit im Obersten Volkswirtschaftsrat viel Zeit beanspruchte, wurde ein großer Teil der Amtsgeschäfte des OGPU-Vorsitzenden von Dzierzynskis Stellvertreter Wjatscheslaw Menshinski (1874 – 1934) übernommen. Menshinski, ein studierter Jurist aus einer in St. Petersburg ansässigen russifizierten polnischen Familie, übernahm nach Dzierzynskis Tod die Leitung der Organe.

In der Ära Menshinski (1926 – 1934) übernahm die OGPU die Verwaltung der Arbeitslager (vorher hatte die OGPU nur die „Konzlager“ für „Politische“ verwaltet; der seit 1918 gängige Begriff „Konzlager“ verschwand erst 1935 aus dem offiziellen sowjetischen Wortschatz); 1930 wurde die Hauptverwaltung für die Lager (GULAG) gegründet. Während der Kollektivierung wuchs die Zahl der Lagerinsassen sprunghaft; die Lager wurden zu einem bedeutenden Zweig der Volkswirtschaft. In seinen letzten Lebensjahren war der schwerkranke Menshinski immer weniger in der Lage seine Amtsgeschäfte wahrzunehmen. Offiziell blieb Menshinski bis zu seinem Tod (10. Mai 1934) Leiter der OGPU, doch wurde er auf dem XVII. Parteitag der KPdSU (26. Januar – 10. Februar 1934) nicht mehr ins Zentralkomitee gewählt; die Organe wurden im neuen Zentralkomitee von Menshinskis Stellverteter Jagoda und vom ukrainischen GPU-Chef Balizki (1937 exekutiert) repräsentiert. Die faktische Leitung der kompetenten Organe lag bereits in den Händen von Genrich Jagoda (1891 – 1938), der nach Menshinskis Tod kommissarischer Leiter der OGPU wurde.

Am 10. Juli 1934 wurde aus der OGPU das unionsweite Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) mit Jagoda als Volkskommissar. Das NKWD war in mehrere Hauptverwaltungen gegliedert, darunter die Hauptverwaltungen für die Grenztruppen und Inneren Truppen (GUPVO), für Staatssicherheit (GUGB) und für die Lager (GULAG). Die GUGB wurde von Jagoda persönlich und seinem Ersten Stellverteter Jakow Agranow (1938 exekutiert) geleitet. Die Umwandlung der OGPU in das NKWD wurde mit allgemeiner Erleichterung zur Kenntnis genommen; man glaubte, das Schlimmste sei jetzt überstanden. Der neue Volkskommissar stammte aus einer jüdischen Handwerkerfamilie. Sowohl sein Vater als auch seine Frau waren Verwandte des ersten sowjetischen Staatsoberhaupts Jakow Swerdlow. Kurz vor Swerdlows Tod (1919) begann Jagodas tschekistische Karriere infolge eines Empfehlungsschreibens Swerdlows an Dzierzynski. 1923 wurde er zweiter Stellvertreter des Vorsitzenden der OGPU, nach Dzierzynskis Tod wurde er Menshinskis Erster Stellvertreter.

Jagodas Schwager Leopold Awerbach tyrannisierte als Generalsekretär der „Russischen Assoziation Proletarischer Schriftsteller“ (RAPP) seit 1926 die Literaten, bis Stalin 1932 die RAPP plötzlich auflöste; bereits vorher hatte Stalin einige Schriftsteller (z. B. Michail Bulgakow) gegen die Awerbach-Clique beschützt. Es dürfte kaum einen Schriftsteller gegeben haben, der 1937 die Liquidierung Awerbachs bedauerte. Jagoda und Agranow selbst suchten und fanden seit den zwanziger die Nähe zum Schriftstellermilieu. 1933 unternahm eine Gruppe prominenter Schriftsteller einen Ausflug an die (von den Organen betriebene) Großbaustelle des Weißmeer-Ostsee-Kanals (eine Einladung Jagodas war ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte). Anschließend veröffentlichten die beteiligten Schriftsteller ein dickes Buch (über 600 Seiten), wo sie das humanistische Wirken der Organe würdigten und ihre Anstrengungen, Verbrecher und subversive Elemente durch Arbeit zu guten Bürgern umzuerziehen.

Im November 1935 wurden in der Staatssicherheit die ersten personengebundenen Dienstgrade verliehen (bis dahin gab es sowohl in der Staatssicherheit als auch in der Armee nur Dienststellungen). Jagoda wurde Generalkommissar der Staatssicherheit (entsprach dem Rang eines Marschalls in der Roten Armee). Die höchsten Dienstgrade (Generalkommissar der Staatssicherheit, Kommissar der Staatssicherheit Ersten Ranges, Zweiten Ranges und Dritten Ranges) wurden 1935 insgesamt 39 Tschekisten verliehen. Keiner von ihnen starb eines natürlichen Todes.

Nachdem das NKWD den Prozeß gegen das „terroristische trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum“ (August 1936) organisiert hatte, wurde Jagoda am 26. September 1936 aus dem NKWD in das Volkskommissariat für Post- und Fernmeldewesen versetzt. Nach Meinung Stalins (Telegramm vom 25. September 1936) stand Jagoda „deutlich nicht auf der Höhe der Aufgaben bei der Entlarvung des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks. Die OGPU ist in dieser Frage um vier Jahre im Verzug“. In seinem neuen Kommissariat blieb Jagoda bis Ende März 1937. Dann zog Jagoda erneut in die Lubjanka ein – diesmal als Gefangener. Im Prozeß gegen den „Block der Rechten und Trotzkisten“ (März 1938) saß Jagoda als Verschwörer und Giftmischer auf der Anklagebank, am 15. März 1938 wurden er und 17 seiner Mitverurteilten (Bucharin, Rykow, Krestinski, Rosengolz u. a.) erschossen. Die Überreste der Erschossenen wurden auf dem Grundstück von Jagodas Datsche verscharrt. Auch Jagodas Frau, zwei seiner Schwestern und sein Schwager Leopold Awerbach wurden erschossen.

Jagodas Nachfolger Nikolai Jeshow (1895 – 1940) war kein berufsmäßiger Tschekist, sondern kam aus dem Parteiapparat. Er führe jede übertragene Aufgabe aus, ohne daß eine weitere Kontrolle nötig sei, meinte Iwan Moskwin, der ihn in den Apparat des ZK geholt hatte. Sein einziger Fehler sei, daß er nicht wisse, wann er aufhören müsse. Sowohl Nadeshda Mandelstam (Frau des Dichters Ossip Mandelstam) als auch Anna Larina Bucharina (Frau Bucharins) hatten ihn in dieser Zeit als bescheidenen und angenehmen Menschen erlebt.

Seit 1935 war Jeshow Sekretär des ZK und Leiter der Zentralen Parteikontrollkommission; beide Ämter behielt er auch nach seiner Ernennung zum Nachfolger Jagodas. Nachdem Jeshow im September 1936 in die Lubjanka eingezogen war, blieb Agranow zunächst Erster Stellvertreter des Volkskommissars und übernahm offiziell die Hauptverwaltung für Staatssicherheit. An seine Stelle trat im April 1937 Michail Frinowski, bisher Chef der Grenztruppen und Inneren Truppen. Mit dem Duo Jeshow-Frinowski standen erstmalig ethnische Russen an der Spitze der Staatssicherheit.

Die Jahre 1937/38 sind in das Gedächtnis der Sowjetmenschen als „Jeshowschtschina“ eingegangen. Das Großreinemachen betraf sowohl die normale Bevölkerung als auch die Nomenklatura und auch den NKWD-Apparat selbst. Etwa 690 000 Volksfeinde wurden in diesen beiden Jahren erschossen. Der größte Teil der tschekistischen Führungsgarnitur aus den Zeiten Dzierzynskis, Menshinskis und Jagodas wurde ins Jenseits befördert. In den leitenden Dienststellungen des NKWD (sowohl im zentralen Apparat als auch auf regionaler Ebene) wurden oft mehrere Amtsinhaber hintereinander als Volksfeinde entlarvt. Der Auslandsnachrichtendienst war durch zahlreiche Verhaftungen (viele Residenten und Agenten im Ausland wurden nach Moskau zurückgerufen und liquidiert) 1938 faktisch lahmgelegt. Im April 1937 wurde eine „Ständige Kommission des Politbüros“, bestehend aus Stalin, Molotow, Kaganowitsch, Woroschilow und Jeshow, gebildet. Jeshow, der erst im Oktober 1937 Kanidat des Politbüros wurde, hatte damit mehr Macht als einige Mitglieder des Politbüros. In den Jahren 1937/38 verbrachte Jeshow insgesamt 933 Stunden in Stalins Arbeitszimmer; nur Molotow war dort häufiger. Im April 1938 übernahm Jeshow neben dem NKWD das Volkskommissariat für Schiffahrt.

Im Dezember 1937 beging das Sowjetvolk das zwanzigste Jubiläum der ruhmreichen Organe. Am 20. Dezember 1937 fand im Moskauer Bolschoj-Theater die zentrale Feier statt. Der Festredner Anastas Mikojan (unter Chruschtschow ein eifriger Entstalinisierer) würdigte die selbstlose humanistische Arbeit der Organe:

„Genosse Mikojan geht ausführlich auf die letzte Periode der Tätigkeit des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten ein, als die Partei an die Spitze der sowjetischen Straforgane den begabten, treuen Stalin-Schüler Nikolai Iwanowitsch Jeshow gestellt hatte, bei dem das Wort niemals von der Tat abweicht. Das NKWD hat in dieser Zeit gute Arbeit geleistet!…Das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten hat das Leben von Hunderttausenden Werktätigen unseres Landes gerettet, hat zahlreiche Betriebe und Fabriken vor der Zerstörung bewahrt… Das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten ging gegen die Feinde des Volkes so vor, wie es Genosse Stalin lehrt, denn an der Spitze unserer Straforgane steht der Stalinsche Volkskommissar Genosse Jeshow.

Lernt bei Genossen Jeshow Stalinschen Arbeitsstil – ruft Genosse Mikojan die Tschekisten auf, – so wie er bei Genossen Stalin gelernt hat und lernt! … Der sowjetische Nachrichtendienst dient dem Volk, stützt sich auf das Volk, arbeitet mit Hilfe des Volkes…Bei uns ist jeder Werktätige ein Mitarbeiter des NKWD!“ (Deutsche Zentral-Zeitung, 22. Dezember 1937).

Während des Prozesses gegen den Block der Rechten und Trotzkisten dichtete der Volkssänger Dshambul:

„Schützt Völker vor den Schlangen unsern Staat,
Wie ihn verteidigt Stalins Kamerad,
Lenins und Stalins treuer, großer Schüler,
Der stahlhart-strenge Feind der schmutz’gen Wühler,
Dess‘ Adlerblick spricht ihrem Treiben Hohn –
Er, Jeshow, ist der Liebling der Union!“

Jeshows Abstieg begann im Spätsommer 1938. Am 22. August 1938 wurde Stalins georgischer Landsmann Lawrenti Berija (1899 – 1953) zum Ersten Stellvertreter Jeshows ernannt, am 8. September 1938 übernahm er auch die Hauptverwaltung für Staatssicherheit. Frinowski wechselte zunächst in das Volkskommissariat für die Seekriegsflotte, wurde im April 1939 verhaftet und im Februar 1940 erschossen; seine Frau und sein Sohn teilten sein Schicksal. Am 25. November 1938 wurde Jeshow durch Berija ersetzt. Die Massenverhaftungen wurden eingestellt, die im Sommer 1937 für die Durchführung der „Massenoperationen“ gebildeten Troikas wurden aufgelöst.

Berija lies zahlreiche Untersuchungshäftlinge und GULAG-Insassen auf freien Fuß setzen. Jetzt wurde die NKWD-Führungsgarnitur aus der Zeit Jeshows (darunter die übriggebliebenen höheren Chargen aus der Dzierzynski-Menshinski-Jagoda-Zeit) gesäubert. Jeshow behielt zunächst seine Ämter im Volkskommissariat für Schiffahrt und im zentralen Parteiapparat. Am 21. Januar 1939 trat er das letztemal in der Öffentlichkeit auf. Am 10. April 1939 wurde er verhaftet. Da er die Arbeitsmethoden der Organe kannte, gestand er sofort seine Spionagetätigkeit für Deutschland, Polen und England und die Bildung einer Verschwörerorganisation im NKWD. Gleichzeitig denunzierte er die Liebhaber seiner Frau als Spione und Trotzkisten. Man verurteilte ihn am 4. Februar 1940 zur Erschießung.

Die von Jeshow begonnene und von Berija vollendete Säuberung des NKWD-Führungspersonals führte zu bemerkenswerten Veränderungen (russische Patrioten würden sagen: Verbesserungen) in der Zusammensetzung des Führungspersonals: Es kam hier zu einer Verjüngung, Proletarisierung und Slawisierung. Bis 1937 waren auf der Führungsebene der Organe (Volkskommissare und ihre Stellvertreter, Chefs der Verwaltungen und Abteilungsleiter des zentralen Apparats, Volkommissare der Unionsrepubliken und Autonomen Republiken, Chefs der NKWD-Gebietsverwaltungen) sowohl „Fremdstämmige“ als auch „klassenfremde Elemente“ und ehemalige Angehörige nichtbolschewistischer Parteien überproportional stark vertreten.

Vom 1. Oktober 1936 bis zum 1. Januar 1940 stieg der Anteil der Russen, Ukrainer und Weißrussen im NKWD-Führungspersonal von zusammen 37,27% auf 84,13 %, im gleichen Zeitraum sank der Anteil der Juden von 39,09% auf 3,49%. Letten und Polen (am 1. Oktober 1936 mit 8,18%, bzw. 4,55% vertreten) befanden sich am 1. Januar 1940 überhaupt nicht mehr unter dem Führungspersonal.

Von Berija zum Ende der Sowjetunion

Der aus einer georgischen Bauernfamilie stammende Lawrenti Berija (1899 – 1953) war als Hydraulikingenieur ausgebildet worden und hatte seit 1921 in den kompetenten Organen seiner Heimat Karriere gemacht. Von 1931 – 1938 war er Parteichef Georgiens, von 1932 – 1936 gleichzeitig in der Transkaukasischen Föderation. Auch nach seinem Umzug in die Lubjanka blieb er der Pate für die transkaukasischen Republiken. Er führte die Säuberungen in Georgien zur Zufriedenheit Stalins durch und war einer von vier regionalen Parteichefs, die die „Jeshowschtschina“ überlebten (die anderen drei waren Shdanow in Leningrad, Chruschtschow in der Ukraine und Bagirow in Aserbaidshan).

In seiner georgischen Zeit hatte er eine Vorliebe für Schulmädchen; dieser Neigung blieb er auch in Moskau treu. Nachdem Berija in die Lubjanka eingezogen war, besetzte er zahlreiche verantwortliche Posten im NKWD mit Leuten aus den Sicherheits- und Parteiapparaten Georgiens. Zum Chef der Hauptverwaltung für Staatssicherheit wurde Wsewolod Merkulow (1895 – 1953), ein intellektueller Typ, der Physik studiert hatte, ernannt. Auf dem XVIII. Parteitag (März 1939) hatte Berija seinen ersten großen Auftritt vor einer Moskauer Öffentlichkeit; in seiner Parteitagsrede warnte er davor, die Gründe für sämtliche Schwierigkeiten in der Volkswirtschaft auf das Wirken von Volksfeinden zurückzuführen.

Im neuen Zentralkomitee waren 10 Angehörige des NKWD vertreten, Berija selbst wurde Kandidat des Politbüros (1946 zum Mitglied befördert). Wladimir Dekanosow, dem Berija die Leitung der Auslandsabteilung und der Spionageabwehr übertragen hatte, wechselte im Mai 1939 in das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten als stellvertretender Volkskommissar mit Zuständigkeit für Kaderfragen., damit hatte Berija auch in dieser Behörde seinen Mann. Dies hing mit der Absetzung Litwinows und seiner Ersetzung durch Molotow zusammen. Daraufhin warf Dekanosow die Günstlinge Litwinows hinaus (einige tauschten ihr Büro gegen eine Zelle), die freigewordenen Stellen wurden von Söhnen der russischen Arbeiterklasse und werktätigen Bauernschaft besetzt.

Mit der durch den Hitler-Stalin-Pakt ermöglichten sowjetischen Westexpansion kamen neue verantwortungsvolle Aufgaben auf die Organe zu. Im Rahmen von drei großen Operationen wurden im Frühjahr 1940 ca. 400 000 Bewohner Vorkriegspolens deportiert (im Frühjahr 1941 folgten Massendeportationen aus dem Baltikum). Im April 1940 wurden 22 000 polnische Offiziere, Polizisten und andere Staatsdiener auf Weisung des Politbüros erschossen.

Am 20. August 1940 wurde ein weiteres Problem erfolgreich gelöst; der NKWD-Agent Ramon Mercader erschlug Trotzki (in einem Nachruf unter dem Titel „Tod eines internationalen Spions“ würdigte die „Prawda“ Trotzki als langjährigen Spion Englands, Frankreichs, Deutschlands und Japans). Die Operation wurde von Moskau aus vom stellvertretenden Leiter der NKWD-Auslandsabteilung, Pawel Sudoplatow, geleitet. Für die Durchführung dieser Operation war Sudoplatow nicht seinem unmittelbaren Dienstvorgesetzten, sondern Berija und Stalin persönlich verantwortlich. Sudoplatow arbeitete mit Berija bis zu dessen Verhaftung eng zusammen. In seinen Memoiren, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erschienen, schildert Sudoplatow seinen früheren Chef mit unverkennbaren Respekt, denn im Unterschied zum Dilettanten Jeshow sei Berija in der geheimdienstlichen Arbeit ein Profi gewesen.

Mercaders Führungsoffizier vor Ort war Naum Eitingon. Eitingon war von 1936 – 1938 in Spanien als „Leonid Kotow“ Stellvertreter des NKWD-Residenten Alexander Orlow (Orlow alias Lew Feldbin hatte 1937 den Chef der POUM, Andrés Nin, liquidieren lassen). Nachdem sich Orlow im Sommer 1938 in die USA abgesetzt hatte (er fürchtete nach Moskau abberufen und dort liquidiert zu werden) wurde „Kotow“, der Mercader für die Organe geworben hatte, Orlows Nachfolger (bis 1939). Eitingon kehrte im Frühjahr 1941 nach Moskau zurück und wurde am 17. Juni 1941 durch einen geheimen Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets mit dem Leninorden ausgezeichnet.

Eitingons früherer Chef Orlow wiederum legte sich in den USA eine ganz besondere Lebensversicherung zu: in einem Brief an Jeshow versprach er zu schweigen und listete die Decknamen von 62 Agenten auf, unter ihnen den von Kim Philby (war von Orlow in England betreut worden). Wenige Tage später wurde die Fahndung nach Orlow eingestellt. Als ihm das aus Spanien mitgenommene Geld ausging, veröffentlichte Orlow 1953 ein Buch über die sowjetischen Säuberungen (deutsche Übersetzung erschien 1956 unter dem Titel „Kreml-Geheimnisse“) . Sowohl in seinem Buch als auch in seinen Aussagen vor dem FBI und dem USA-Kongreß konnte er jedoch wichtige Dinge verbergen; so erfuhren die Amerikaner erst nach dem Ende der Sowjetunion von Orlows Zeit in England und seiner Rolle bei der Schaffung des Cambridge-Netzwerks (Philby, Burgess, Maclean u.a.).

Am 3. Februar 1941 wurde die Hauptverwaltung für Staatssicherheit zu einem selbständigen Volkskommissariat für Staatssicherheit (NKGB) mit Berijas bisherigen Stellvertreter Merkulow als Volkskommissar. Am 20. Juli 1941 wurde die Staatssicherheit erneut dem NKWD eingegliedert, am 14. April 1943 wurde erneut das NKGB mit Merkulow als Volkskommissar gebildet. Als aus den Volkskommissariaten Ministerien wurden, wurde das NKGB am 19. März 1946 zum Ministerium für Staatssicherheit (MGB).

Berija blieb bis zum 29. Dezember 1945 an der Spitze des NKWD (1945 wurde er Marschall der Sowjetunion), danach konzentrierte er sich auf seine Aufgaben als Vorsitzender des am 20. August 1945 gebildeten „Staatskomitees Nr. 1“. Dieses Komitee war für Atomforschung, Atomspionage und Atomwaffenproduktion zuständig. Das Atomprojekt war fast das einzige Großprojekt Stalins, bei dem fast niemand verhaftet wurde und alle Termine eingehalten wurden. An diesem Projekt waren auch deutsche Ingenieure und Wissenschaftler wie Manfred von Ardenne beteiligt; diese wurden von Berija sehr geschätzt.

Merkulow wurde am 4. Mai 1946 durch Wiktor Abakumow (1908 – 1954), bisher Chef der militärischen Spionageabwehr „Smersch“ (Smert schpionam = Tod den Spionen), ersetzt, er fiel jedoch nicht ins Bodenlose (1950 wurde Merkulow Minister für Staatskontrolle). Im Unterschied zu Merkulow war der großgewachsene, gutaussehende Abakumow gewalttätig und unkultiviert. Abakumow wurde am 4. Juli 1951 abgesetzt und am 12. Juli 1951 verhaftet. Man warf ihm vor, eine zionistische Verschwörung nicht entlarvt zu haben. Jetzt wurden die letzten Juden aus leitenden Stellungen des Sicherheitsapparats entfernt. Ende 1951 wurde im Rahmen der „mingrelischen Affäre“ der georgische Partei- und Sicherheitsapparat gesäubert; dies betraf Günstlinge Berijas. Abakumows Nachfolger Semjon Ignatjew (1904 – 1983) war kein Tschekist, sondern Parteiapparatschik. Seine Aufgabe bestand vor allem in der Entlarvung der „Arztschädlinge“. Im Januar 1953 wurde die Entlarvung der „Ärzteverschwörung“ bekanntgegeben. Eine neue Säuberungswelle wurde erwartet, doch am 5. März 1953 starb Stalin (oder wurde gestorben).

Stalins Nachfolger verloren keine Zeit, um die Posten unter sich aufzuteilen. Bereits am 5. März (Stalin lag noch im Sterben) wurde dem Plenum des Zentralkomitees die neue Zusammensetzung der Führungsspitze von Partei und Staat bekanntgegeben. Das MGB wurde wieder dem Innenministerium (MWD) einverleibt; Berija wurde erneut Hausherr in der Lubjanka und wurde hinter Malenkow die „Nummer zwei“ in der Partei- und Staatsführung. Er ließ die „Mörderärzte“ und die in der „mingrelischen Affäre“ Verhafteten auf freien Fuß setzen, ebenso die Frau Molotows und einige Militärs. Berija zeigte, daß er nicht nur Tschekist, sondern auch ein begabter Politiker war; der oberste Henker war der erste Reformkommunist. Berija verbot die Anwendung der Folter, nichtpolitische Lagerinsassen mit Strafen bis zu fünf Jahren wurden amnestiert, die Ermittlungsverfahren von 400 000 Untersuchungshäftlingen wurden eingestellt und in den nichtrussischen Republiken setzte sich Berija für die Ernennung einheimischer Kader auf hohe Posten an Stelle von Russen ein.

Auch in der Außenpolitik wurde Berija aktiv. Berija wies auch auf die Unwirtschaftlichkeit der Häftlingsarbeit hin und wollte die Rechte der „Sonderberatung“ beim Innenministerium (diese konnte Haftstrafen bis zu 25 Jahren verhängen) einschränken (Die „Sonderberatung“ wurde im September 1953 aufgelöst). Er befürwortete die Wiederaufnahme von Stalins Deutschlandpolitik vom Frühjahr 1952 und unter seiner Beteiligung wurde Imre Nagy (ein alter NKWD-Mitarbeiter) zum ungarischen Ministerpräsidenten bestimmt. Berija wollte auch die Beziehungen zu Jugoslawien normalisieren, die Vorbereitungen zur Ermordung Titos wurden abgeblasen.

Die Regierung Costa Ricas dürfte sich damals gewundert haben, daß sich ihr Botschafter in Rom Teodoro Castro (gleichzeitig in Belgrad akkrediert) plötzlich in Luft auflöste. Hinter dieser Person verbarg sich der sowjetische Geheimdienstler Iosif Grigulewitsch, der seit den dreißiger Jahren in Lateinamerika (zeitweilig auch unter Orlow in Spanien) eingesetzt war. 1940 hatte Grigulewitsch einen bewaffneten Überfall auf Trotzkis Villa (unter dem Kommando des Malers Siquieros) organisiert; nach dem Scheitern dieses Attentats kam die Gruppe Eintingon-Mercader zum Einsatz. 1952 wurde er zum Botschafter Costa Ricas in Rom und Belgrad ernannt. Anfang 1953 bekam er aus Moskau den Auftrag, eine persönliche Audienz bei Tito zu erwirken und während der Audienz den imperialistischen Agenten Tito der gerechten Strafe zuzuführen. Nach Stalins Tod wurde die Operation gestoppt und Grigulewitsch nach Moskau zurückgerufen. Grigulewitsch wechselte später in die Wissenschaft und veröffentlichte sowohl unter dem Pseudonym „Lawrezki“ als auch unter seinem Klarnamen mehrere gut lesbare Bücher (einige auch ins Deutsche übersetzt) zur Geschichte Lateinamerikas und zur Kirchengeschichte, darunter eine Geschichte der Inquisition (für einen Tschekisten sicher das richtige Thema).

Aus Furcht vor Berija schlossen sich die übrigen Mitglieder des ZK-Präsidiums (1952 – 1966 Bezeichnung des Politbüros) in einer Verschwörung gegen Berija zusammen. Berija wurde am 26. Juni 1953 während einer Präsidiumssitzung verhaftet und als Verschwörer und englischer Agent (seit 1919) am 23. Dezember 1953 zum Tode verurteilt und unverzüglich exekutiert; im gleichen Verfahren wurden auch Merkulow, Dekanosow und weitere Mitstreiter Berijas zum Tode verurteilt.

In den Führungsrängen des Sicherheitsapparats wurde eine Säuberungsaktion durchgeführt, die jedoch weniger blutig als unter Jeshow oder nach Jeshows Absetzung war. Unter den Verhafteten waren auch Sudoplatow und Eintingon (Eitingon war bereits 1951 verhaftet und von Berija nach Stalins Tod wieder freigelassen worden); diese wußten zu viel (Sudoplatow war einer der engsten Vertrauten Berijas und hatte zuletzt das Büro geleitet, in dessen Aufgabenbereich Diversionsakte und Morde im Ausland fielen; Eitingon war sein Stellvertreter). Eintingon wurde 1957 zu 12 Jahren Haft verurteilt (1964 entlassen), Sudoplatow bekam 1958 15 Jahre, die er (unter Anrechnung der Untersuchungshaft) bis zum letzten Tag (August 1968) absaß. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde er rehabilitiert und veröffentlichte 1994 seine Memoiren, die sowohl in Rußland als auch in mehreren westlichen Ländern erschienen. Abakumow blieb auch nach Stalins Tod in Haft; er wurde mit mehreren Mitarbeitern im Dezember 1954 zum Tode verurteilt und am 19. Dezember 1954 exekutiert.

Berijas Nachfolger im Innenministerium wurde Sergej Kruglow (1907 – 1977). Am 13. März 1954 wurde die Staatssicherheit unter dem Namen Komitee für Staatssicherheit (KGB) wieder zu einer selbständigen Behörde. Erster Vorsitzender des KGB wurde Iwan Serow (1905 – 1990). Serow war von 1939 – 1941 Chef der Organe in der Ukraine (dort arbeitete er eng mit Chruschtschow, damals Parteichef der Ukraine, zusammen), von 1941 – 1947 Stellvertreter des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten, ab 1947 Erster Stellvertreter des Ministers für Innere Angelegenheiten. In der Ukraine bewährte er sich bei den Massendeportationen aus den bis 1939 polnischen Gebieten der Ukraine, ab 1941 organisierte er die Deportationen der Wolgadeutschen, Kalmücken, Krimtataren und mehrerer Kaukasusvölker (darunter der Tschetschenen). An die Spitze des KGB kam er als Vertrauter Chruschtschows.

Als im Juni 1957 die „parteifeindliche Gruppe“ (Molotow, Malenkow, Kaganowitsch u. a.) einen Beschluß des ZK-Präsidiums über die Absetzung Chruschtschows durchgesetzt hatte, organisierte Serows KGB gemeinsam mit der Armee den Transport der ZK-Mitglieder aus der Provinz nach Moskau; diese setzten die Einberufung eines ZK-Plenums durch, das zum Tribunal gegen die Rädelsführer der „parteifeindlichen Gruppe“ wurde. Serow wurde im Dezember 1958 aus dem KGB zur Leitung der militärischen Aufklärung (GRU) versetzt. Seine Karriere endete 1963, nachdem der GRU-Mitarbeiter Oleg Penkowski als anglo-amerikanischer Spion entlarvt worden war. Serow wurde vom Armeegeneral zum Generalmajor degradiert, auf unbedeutende Posten in der Provinz versetzt und 1965 in den Ruhestand versetzt und aus der Partei ausgeschlossen (wegen „Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit und Ausnutzung der Dienststellung zu persönlichen Zwecken“).

Serows Nachfolger im KGB wurde am 25. Dezember 1958 Alexander Schelepin (1918 – 1994). Dieser war von 1952 – 1958 Erster Sekretär des Komsomol, danach von April – Dezember 1958 Abteilungsleiter im ZK. Im November 1961 fiel er als ZK-Sekretär die Karriereleiter hinauf, von 1962 – 1965 war er außerdem Leiter des Komitees für Partei- und Staatskontrolle und stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats. Schelepin sorgte dafür, daß viele mit ihm verbundene ehemalige Komsomolkader auf Führungspositionen im Partei- und Staatsapparat kamen.

Sein Nachfolger im KGB, Wladimir Semitschastny (1924 – 2001) hatte im Apparat des Komsomol eng mit Schelepin zusammengearbeitet und war von 1958 bis 1959 dessen Nachfolger im Komsomol, bekleidete dann einen hohen Posten in der Republik Aserbaidshan ,bevor er am 13. November 1961 die Leitung der Organe übernahm. Landesweit bekannt wurde er 1958 während der Affäre Pasternak (Verleihung des Literaturnobelpreises an Boris Pasternak für den Roman „Doktor Schiwago“). Auf einer im Fernsehen übertragenen Massenkundgebung gab Semitschastny dem gerechten Zorn der ehrlichen Sowjetmenschen mit den Worten Ausdruck:

„Ein Schwein besudelt niemals den Ort, wo es frißt und schläft. Wenn man daher Pasternak mit einem Schwein vergleicht, so ist festzustellen, daß ein Schwein nicht getan hätte, was er tat.“

Das Duo Schelepin-Semitschastny spielte 1964 eine wichtige Rolle in der Verschwörung gegen Chruschtschow, der im Oktober 1964 gestürzt wurde; Schelepin wurde zur Belohnung im November 1964 Mitglied des ZK-Präsidiums (seit 1966 wieder Politbüro). Damals wurde Breshnew als neuer Parteiführer für eine Übergangslösung gehalten; in Schelepin sah man den kommenden Mann. Schelepin (genannt der „eiserne Schurik“) besaß jedoch in den Augen seiner Kollegen im Präsidium und vieler Nomenklaturafunktionäre einige Nachteile. Er war relativ jung und energiegeladen, die von ihm geförderte Komsomolriege war ebenfalls jung und ehrgeizig, während Breshnew für die Nomenklatura ein bequemer Erster Mann war; von energiegeladenen Männern an der Spitze hatte die Nomenklatura, die sich vor allem nach Ruhe sehnte und deshalb den Sturz Chruschtschows allgemein begrüßt hatte, erst einmal genug.

Im Mai 1967 benutzte Breshnew die Flucht von Stalins Tochter Swetlana Allilujewa in den Westen, um Semitschastny wegen mangelnder Wachsamkeit die Leitung des KGB zu entziehen. Im September 1967 wurde Schelepin aus dem ZK-Sekretariat an die Spitze der Gewerkschaften versetzt; dieser Posten war repräsentativ genug für ein Mitglied des Politbüros und gleichzeitig machtpolitisch bedeutungslos. Seine Ämter im Politbüro und an der Spitze der Gewerkschaften verlor er 1975 „auf eigenen Wunsch“. Semitschastny war 1967 – 1981 Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats der Ukraine (verantwortlich für Sport), dann verschwand er politisch in der Versenkung; für die Geschichtsschreibung wurde er wie die meisten seiner Vorgänger (mit Ausnahme von Dzierzynski und Menshinski) zur Unperson; allerdings blieben Schelepin und Semitschastny bis zur Pensionierung (1984 bzw. 1988) Nomenklaturkader. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde Semitschastny ein gefragter Talkshowgast und Interviewpartner.

Juri Andropow (1914 – 1984), der am 18. Mai 1967 die Leitung des KGB übernahm, war wie Schelepin und Semitschastny kein berufsmäßiger Tschekist. Er hatte eine Komsomol- und Parteikarriere in der Provinz gemacht, war von 1954 – 1957 Botschafter in Ungarn und als Abteilungsleiter im ZK von 1957 – 1967 (1962 – 1967 gleichzeitig als ZK-Sekretär) für die Beziehungen zu den regierenden Bruderparteien zuständig. In der Amtszeit Andropows befaßten sich die Organe innenpolitisch vor allem mit dem Kampf gegen die Dissidenten; Anfang der achtziger Jahre war die Dissidentenbewegung weitgehend zerschlagen. Andropow war seit 1967 Kanidat und seit 1973 Mitglied des Politbüros; damit gehörte zum erstenmal seit der Verhaftung Berijas der Leiter der Organe wieder dem Politbüro an.

Im Mai 1982 wechselte er vom KGB in das Sekretariat des ZK, nach dem Tode Breshnews (10. November 1982) wurde er neuer Generalsekretär. Andropow war in der Sowjetunion der erste und in den kommunistisch regierten Staaten der zweite Leiter der Organe, der es an die Spitze der Partei gebracht hatte (vor ihm hatte es 1976 Hua Guofeng in China geschafft). Andropow versuchte Korruption und Schlamperei zu bekämpfen; ansonsten war Andropow aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, bis zu seinem Tod (9. Februar 1984) als Generalsekretär eigene Akzente zu setzen. Zu den von Andropow geförderten Funktionären gehörte Gorbatschow.

Andropows Nachfolger im KGB wurde am 26. Mai 1982 Witali Fedortschuk (1914 – ), der von 1970 – 1982 die Organe in der Ukraine geleitet hatte. Fedortschuk übernahm am 17. Dezember 1982 das Innenministerium (bis 1986), neuer KGB-Chef wurde Wiktor Tschebrikow (1923 – 1999), der seit 1968 einer von Andropows Stellvertretern im KGB und seit Januar 1982 Erster Stellvertreter des KGB-Vorsitzenden war. Tschebrikow wurde 1988 in den ZK-Apparat versetzt und 1989 pensioniert. Die Leitung des KGB übernahm am 1. Oktober 1988 Wladimir Krjutschkow (1923 – ). Krjutschkow hatte vor 1967 in der sowjetischen Botschaft in Ungarn und im ZK-Apparat unter Andropow gearbeitet. Seit 1967 leitete Krjutschkow das Sekretariat Andropows im KGB und von 1971 – 1988 die Auslandsaufklärung.

Im August 1991 gehörte Krjutschkow zu den Organisatoren des Putsches gegen Gorbatschow; nach dem Scheitern des Putsches wurde er am 22. August 1991 verhaftet (1993 freigelassen). Am 22. und 23. August 1991 war Leonid Schebarschin (1935 – ) Leiter des KGB, am 23. August 1991 wurde Wadim Bakatin (1937 – ), der von 1988 – 1991 das Innenministerium geleitet hatte, letzter Vorsitzender des KGB. Am 22. Oktober 1991 wurde die Aufgliederung des KGB (dem neben der eigentlichen Staatssicherheit auch die Grenztruppen unterstellt waren) in mehrere voneinander unabhängige Behörden angeordnet, die im November 1991 ihre Arbeit aufnahmen.

Organe der sowjetischen Staatssicherheit – Bezeichnungen:

– Dezember 1917 – Februar 1922: Tscheka (Gesamtrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage)
– Februar 1922 – September 1923: GPU (Staatliche Politische Verwaltung)
– September 1923 – Juli 1934: OGPU (Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung)
– Juli 1934 – Februar 1941: NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten)
– Februar 1941 – Juli 1941: NKGB (Volkskommissariat für Staatssicherheit)
– Juli 1941 – April 1943: NKWD
– April 1943 – März 1946: NKGB
– März 1946 – März 1953: MGB (Ministerium für Staatssicherheit)
– März 1953 – März 1954: MWD (Ministerium für Innere Angelegenheiten)
– März 1954 – Oktober 1991: KGB (Komitee für Staatssicherheit)

Organe der sowjetischen Staatssicherheit – Leiter:

– Dezember 1917 – Juli 1924: Feliks Edmundowitsch Dzierzynski (1877 – 1926)
– Juli 1926 – Mai 1934: Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinski (1874 – 1934)
– Juli 1934 – September 1936: Genrich Grigorjewitsch Jagoda (1891 – 1938)
– September 1936 – November 1938: Nikolai Iwanowitsch Jeshow (1895 – 1940)
– November 1938 – Februar 1941: Lawrenti Pawlowitsch Berija (1899 – 1953)
– Februar 1941 – Juli 1941: Wsewolod Nikolajewitsch Merkulow (1895 – 1953)
– Juli 1941 – April 1943: Lawrenti Pawlowitsch Berija (1899 – 1953)
– April 1943 – Mai 1946: Wsewolod Nikolajewitsch Merkulow (1895 – 1953)
– Mai 1946 – Juli 1951: Wiktor Semjonowitsch Abakumow (1908 – 1954)
– August 1951 – März 1953: Semjon Denisowitsch Ignatjew (1904 – 1983)
– März 1953 – Juni 1953: Lawrenti Pawlowitsch Berija (1899 – 1953)
– Juni 1953 – März 1954: Sergej Nikiforowitsch Kruglow (1907 – 1977)
– März 1954 – Dezember 1958: Iwan Alexandrowitsch Serow (1905 – 1990)
– Dezember 1958 – November 1961: Alexander Nikolajewitsch Schelepin (1918 – 1994)
– November 1961 – Mai 1967: Wladimir Nikolajewitsch Semitschastny (1924 – 2001)
– Mai 1967 – Mai 1982: Juri Wladimirowitsch Andropow (1914 – 1984)
– Mai 1982 – Dezember 1982: Witali Wassiljewitsch Fedortschuk (1914 – )
– Dezember 1982 – Oktober 1988: Wiktor Michailowitsch Tschebrikow (1923 – 1999)
– Oktober 1988 – August 1991: Wladimir Alexandrowitsch Krjutschkow (1924 – )
– August 1991: Leonid Wladimirowitsch Schebarschin (1935 – )
– August 1991 – Oktober 1991: Wadim Wiktorowitsch Bakatin (1937 – )

Erstveröffentlicht 2006 in der Berliner Umschau