Die andere Seite der Barrikade – Der „Schlageter-Kurs“ der KPD 1923

Von Hans-Werner Klausen

Im Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, in Deutschland verschlechterte sich im Laufe des Jahres 1923 rapide die Lebenslage breiter Schichten des Volkes (Inflation), und so kam es zu einer schnellen Radikalisierung sowohl in der Arbeiterklasse als auch in den Mittelschichten. Die Kommunisten erkannten, daß sie ihre Basis verbreitern mußten, wenn sie in der Revolution die Führung übernehmen wollten. 1921 hatten sie mit der Taktik der „proletarischen Einheitsfront“ begonnen, um die Anhängerschaft der Sozialdemokraten und Freien Gewerkschaften für sich zu gewinnen.

Schlageter-Denkmal

1923 dehnten die Kommunisten die Einheitsfronttaktik auf die Mittelschichten aus. Durch die nationale Einheitsfronttaktik wollten die Kommunisten den „Völkischen“ (NSDAP, Deutschvölkische Freiheitspartei, rechtsradikale Kleinparteien, diverse Wehrverbände) die Massenbasis entziehen und gleichzeitig einzelne Aktivisten aus deren Reihen auf ihre Seite bringen (umgekehrt wollten auch die „Völkischen“ die kommunistischen Arbeiter von ihrer Führung trennen und auf die eigene Seite ziehen). Die Schlageter-Linie wurde Ende Juni 1923 verkündet, sie bahnte sich jedoch schon seit Februar 1923 an.

Anfang Februar 1923 hatte der führende Parteitheoretiker August Thalheimer bedauert, daß eine vereinfachende Auffassung des Marxismus „eine Reihe sich besonders radikal dünkender Genossen“ dazu bringt, daß sie „einen Anfall bekommen, wenn man das Wort ‚Nation‘ oder ‚national‘ in den Mund nimmt“. Deshalb sah er die Kommunisten noch nicht in der Lage, „an die nationale Ideologie des Kleinbürgertums anzuknüpfen“. Am 13. Februar wurden die Kommunisten in einem Artikel des theoretischen Parteiorgans „Die Internationale“ dazu aufgefordert, die nationalistische Welle, die im Mittelstand die beiden gleichsam im Fremdenhaß und im Antikapitalismus begründeten Erscheinungsformen des Nationalsozialismus und des Nationalbolschewismus hatte, für sich auszunützen, „statt daß sie gegen uns ausgenützt wird“. Dabei ging es vor allem um „die Gewinnung der heute im nationalbolschewistischen Sumpf versunkenen werktätigen Mittelschichten“.

Am 25. März schrieb Karl Radek (Deutschlandspezialist des bolschewistischen Zentralkomitees und der Komintern-Exekutive) in der „Roten Fahne“: „Das Proletariat… versteht noch nicht, im Namen seiner ganzen Zukunft und im Namen seines Volkes zu kämpfen, und dadurch stößt es in die Arme der Phantasten des Nationalismus auch solche Schichten der Bevölkerung, die infolge ihres sozialen Standes durch die Herrschaft des Proletariats viel mehr gewinnen als verlieren würden.“ Am 18. April schließlich versicherte Thalheimer in der „Internationale“, der proletarischen Revolution sei es vorbehalten, nicht allein Deutschland zu befreien, sondern das Werk Bismarcks mit dem Anschluß Österreichs zu vollenden. Diese Aufgabe sollte das Proletariat „an der Seite des Kleinbürgertums und Halbproletariats“ erfüllen. Die Partei müsse jedoch „zuvor die Führung im Abwehrkampf gegen den französischen Imperialismus an sich reißen, da sonst die Volksmassen über die Partei hinweggehen würden“ (Zitate nach Dupeux, S. 184 – 185). Am 29. Mai 1923 rief der Zentralausschuß der KPD unter der Überschrift „Nieder mit der Regierung der nationalen Schmach und des Volksverrats“ zur „Einheitsfront aller Arbeitenden“ auf, d. h. nicht nur der „Arbeiter“, wie bisher in der kommunistischen Terminologie üblich.

Ein Teil des Bundes „Oberland“ (ehemals Freikorps Oberland) unter der Führung von Hauptmann a. D. Beppo Römer zeigte Neigungen, mit der KPD im Kampf gegen die Entente zusammenzugehen. Beppo Römer (damals der populärste Führer des Freikorps Oberland) hatte bereits 1921 Verbindungen mit den KPD-Aktivisten Graf und Thomas aufgenommen. Römer war im Mai 1921 Stabschef von „Oberland“, doch tatsächlich führte er das Kommando bei der Erstürmung des von polnischen Aufständischen besetzten Annaberges in Oberschlesien. „Oberland“ umfaßte damals etwa 1000 Mann, davon drei Viertel Handwerker und Arbeiter. Ende Juni 1921 weigerte sich Römer in Beuthen oder Ratibor, seine Truppe gegen streikende Arbeiter einzusetzen. 1923 leitete er Sabotageakte im Ruhrgebiet. Dem Historiker Otto Wenzel zufolge, der sich auf ein Gespräch mit Heinrich Brandler (1923 KPD-Vorsitzender) beruft, ist es bei Sabotageakten während des Ruhrkampfes auch zu einer losen Zusammenarbeit zwischen Römer und Kommunisten gekommen (siehe Wenzel, S. 111). Wahrscheinlich begann in dieser Zeit die Evolution, die Beppo Römer in der Endphase der Weimarer Republik schließlich zum Kommunismus führte.

Am 21. Juni 1923 hielt Karl Radek auf der Tagung der Erweiterten Exekutive der Komintern in Moskau (mit schriftlicher Genehmigung des Komintern-Vorsitzenden Sinowjew) die Rede „Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts“, die am 26. Juni die gesamte Titelseite der „Roten Fahne“ einnahm. Diese Rede war sowohl durch ihren Inhalt als auch durch ihre Form bemerkenswert. Radek erklärte offen, daß der von den Franzosen am 26. Mai erschossene Freikorpskämpfer Schlageter ein Klassengegner der Kommunisten war und würdigte ihn zugleich:

„Ich kann diese Rede (der Genossin Zetkin über den internationalen Faschismus) weder erweitern noch ergänzen. Ich konnte sie nicht einmal gut verfolgen, weil mir immerfort vor den Augen der Leichnam des deutschen Faschisten stand, unseres Klassengegners, der zum Tode verurteilt und erschossen wurde von den Schergen des französischen Imperialismus, dieser starken Organisation eines anderen Teils unserer Klassenfeinde. Während der ganzen Rede der Genossin Zetkin über die Widersprüche des Faschismus schwirrte mir im Kopfe der Name Schlageter herum und sein tragisches Geschick. Wir sollen seiner gedenken hier, wo wir politisch zum Faschismus Stellung nehmen. Die Geschicke dieses Märtyrers des deutschen Nationalismus sollen nicht verschwiegen, nicht mit einer abwertenden Phrase erledigt werden. Sie haben uns, sie haben dem deutschen Volk vieles zu sagen.

Wir sind keine sentimentalen Romantiker, die an der Leiche die Feindschaft vergessen, und wir sind keine Diplomaten, die sagen: am Grabe Gutes reden oder schweigen. Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution verdient es, von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden… Wenn die Kreise der deutschen Faschisten, die ehrlich dem deutschen Volke dienen wollen, den Sinn der Geschicke Schlageters nicht verstehen werden, so ist Schlageter umsonst gefallen, und dann sollten sie auf sein Denkmal schreiben: Der Wanderer ins Nichts.“

Radek fragte: „Gegen wen wollen die Deutschvölkischen kämpfen: Gegen das Ententekapital oder gegen das russische Volk? Mit wem wollen sie sich verbinden? Mit den russischen Arbeitern und Bauern zur gemeinsamen Abschüttelung des Joches des Ententekapitals oder mit dem Ententekapital zur Versklavung des deutschen und russischen Volkes?“ Dann erweiterte Radek seinen Aufruf an die „ehrlichen patriotischen Massen“ und erklärte: „Die Mehrheit des deutschen Volkes besteht aus arbeitenden Menschen, die kämpfen müssen gegen die Not und das Elend, das die deutsche Bourgeoisie über sie bringt. Wenn sich die patriotischen Kreise Deutschlands nicht entscheiden, die Sache der Mehrheit der Nation zu der ihrigen zu machen und so eine Front herzustellen, gegen das ententistische und deutsche Kapital, dann war der Weg Schlageters ein Weg ins Nichts.“ „Will Deutschland imstande sein zu kämpfen, so muß es eine Einheitsfront der Arbeitenden darstellen, so müssen die Kopfarbeiter sich mit den Handarbeitern vereinigen zu einer eisernen Phalanx. Die Lage der Kopfarbeiter erfordert diese Einigung. Nur alte Vorurteile stehen ihr im Wege. Vereinigt zu einem siegreichen arbeitenden Volk, wird Deutschland imstande sein, große Quellen der Energie und des Widerstandes zu entdecken, die jedes Hindernis überwinden werden. Die Sache des Volkes zur Sache der Nation gemacht, macht die Sache der Nation zur Sache des Volkes.“

Radek machte deutlich, daß die Bündnispolitik gegenüber den kleinbürgerlichen Massen keine Einstellung des Kampfes gegen den Faschismus bedeutete: „Die Kommunistische Partei Deutschlands muß offen den nationalistischen kleinbürgerlichen Massen sagen: wer im Dienste der Schieber, der Spekulanten, der Herren von Eisen und Kohle versuchen will, das deutsche Volk zu versklaven, es in Abenteuer zu stürzen, der wird auf den Widerstand der deutschen kommunistischen Arbeiter stoßen. Sie werden auf Gewalt mit Gewalt antworten. Wer aus Unverständnis sich mit den Söldlingen des Kapitals verbinden wird, den werden wir mit allen Mitteln bekämpfen. Aber wir glauben, daß die große Mehrheit der national empfindenden Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit gehört. Wir wollen und wir werden zu diesen Massen den Weg suchen und finden. Wir werden alles tun, daß Männer wie Schlageter, die bereit waren, für eine allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit werden…“

Otto Wenzel meint über Radeks Rede zutreffend: „Diese Rede ist eine Meisterleistung an Einfühlungsvermögen. Sie ist für den, der sie Wort für Wort durchliest und mit der damaligen kommunistischen Parteilinie vergleicht, keine Aufgabe des kommunistischen Standpunkts. Aber mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, kann man an Hand dieser Rede Radek zum wildesten Nationalisten stempeln“ (Wenzel, S. 114 – 115).

Die Rede Radeks erregte großes Aufsehen. Der sozialdemokratische „Vorwärts“ berichtete über Radeks Rede unter der Überschrift: „Der neue Nationalheld. Radek feiert Schlageter.“ Radek fertigte den „Vorwärts“ in der „Roten Fahne“ vom 7. Juli mit den Worten ab: „Und wie steht es mit den ,Komplimenten‘, die ich Schlageter gemacht habe, indem ich ihn einen ‚mutigen Soldaten der Konterrevolution‘ nannte? Es steht sehr einfach damit. Ich habe immer menschliche Achtung für jeden, der für seine Idee sein Leben einsetzt, mag es auch mein Klassengegner sein, den ich aufs äußerste bekämpfen werde. Ich habe dagegen das Gegenteil der Achtung für Leute, die weder für die Revolution noch für die Konterrevolution ihre Persönlichkeit einzusetzen wagen und die nur wie alte Weiber zu heulen verstehen.“ (zitiert nach Schlageter. Eine Auseinandersetzung, S. 13)

In der rechtsradikalen Presse wurde auf Radeks Rede meistens mit Beschimpfungen reagiert. Das wichtigste „Argument“ war dabei, daß Radek Jude war. Auf sachliche Weise setzten sich von rechtsradikaler Seite Moeller van den Bruck in der Zeitschrift „Das Gewissen“ und Ernst Graf Reventlow in seiner Zeitschrift „Reichswart“ mit der Rede Radeks auseinander. Auf diese Beiträge antworteten zunächst Radek und das Mitglied der KPD-Zentrale Paul Frölich in der „Roten Fahne“. Am 2. August veröffentlichte die „Rote Fahne“ einen Diskussionsbeitrag Reventlows mit der redaktionellen Vorbemerkung, daß sie jeden zu Wort kommen lasse, der sachlich etwas zu den Zeitfragen zu sagen habe. „Die Kommunisten waren damals in ihrer Presse noch relativ weitherzig. Die Furcht, durch zu große Objektivität die eigenen Reihen zu verwirren, die damals die gesamte Rechtspresse beherrschte – nicht einmal das ,Gewissen‘ hat die Schlageter-Rede abgedruckt – kannten sie nicht“ (Wenzel, S. 119).

Reventlow erklärte in der „Roten Fahne“, daß er im Gegensatz zur KP die Bezeichnung Arbeiter keineswegs auf das Proletariat beschränke. „Für den völkischen Gedanken soll der Staat, also der Volksstaat an Vollbürgern alle Arbeitenden und arbeitsunfähig gewordenen begreifen, aber nur sie. Die übrigen sind Drohnen, somit Schädlinge. Auch aus diesem Grunde verwerfe ich Demokratie und Sozialdemokratie, die beide kapitalistisch sind“ (zitiert nach Schlageter…, S. 43)

In seiner Antwort an Reventlow erweiterte Paul Frölich den Begriff „Proletariat“ in einer Weise, die an Lassalle und Laufenberg erinnert: „Was aber ist die Diktatur des Proletariats, was ist das Proletariat überhaupt? Gegen unsere Auffassung von der Klasse wendet Graf Reventlow ein, die Volkseinheit sei ein organisches Gebilde, in dem die Klassen ungesunde Erscheinungen sind. Nun, das Organische liegt noch immer in der Klassenhierarchie. Zerstört kann diese Hierarchie, aus den Völkern kann ein gesundes, organisches Gebilde nur werden, wenn die beherrschten Klassen die herrschende besiegt haben. Durch Klassenkampf zur Aufhebung der Klassen. Träger dieses Kampfes ist die Arbeiterklasse, das Proletariat. Aber das Proletariat umfaßt selbstverständlich nicht nur die Handarbeiter. Es umfaßt die Angestellten, die untere und mittlere Beamtenschaft, den größten Teil der Intelligenz, ,die mit Schädel und mit Hirn hungernd pflügt‘. Ins Proletariat werden immer breitere Schichten der Kleingewerbetreibenden, der Kleinhändler, der Rentner usw. hineingeworfen. Galoppierend und schrecklich grausam geht dieser Prozeß vor sich. Diese Schichten alle sind die Opfer des Großkapitals. Sie sind heute schon – auch wenn sie es nicht Wort haben wollen – Proletarier oder die natürlichen Verbündeten des Proletariats. Es gibt kein anderes Heil für sie. ‚Der Volksstaat soll an Vollbürgern alle Arbeitenden und arbeitsunfähig gewordenen begreifen, aber nur sie. Die übrigen sind Drohnen, somit Schädlinge.‘ Graf Reventlow hat recht!“ (zitiert nach Schlageter…, S. 47).

Radeks Rede und die nachfolgenden Artikel von Radek, Frölich, Moeller van den Bruck und Reventlow wurden vom Sommer bis Oktober 1923 vom Verlag der KPD als Broschüre unter dem Titel „Schlageter – eine Auseinandersetzung. Kommunismus und nationale Bewegung“ in drei Auflagen herausgegeben und besonders in nationalistischen und militärischen Kreisen verbreitet.

Mitte August 1923 schickte der Nationalbolschewist (weder Reventlow noch Moeller van den Bruck waren Nationalbolschewisten), und ehemalige Weltkriegs-Major Hans von Hentig der „Roten Fahne“ einen „Arbeiter und Soldat“ betitelten Artikel zu, der am 21. August in der „Roten Fahne“ und danach in kommunistischen Provinzzeitungen gedruckt wurde. Darin wird die Ansicht vertreten, daß nur der elementare Ausbruch des Selbsterhaltungsinstinkts der Arbeiterschaft Deutschland retten könne, und dieser versprochen, daß „Hunderte von alten Frontoffizieren, denen Deutschland wirklich über alles geht“, an der Seite des Kommunismus „im gleichen Schritt und Tritt marschieren werden, wenn einmal die Trommel zum Streite ruft“. Zu der in der Arbeiterschaft verkörperten Nation zu stehen, werde für den deutschen Offizier nichts ungewohntes, sondern nur Pflichterfüllung sein (zitiert nach Wenzel, S. 126). Hentig war im Herbst 1923 während der kommunistischen Revolutionsplanungen unter dem Decknamen „Heller“ militärischer Oberleiter des Militärpolitischen Oberbezirks Mitteldeutschland.

Die Kommunisten versuchten den Schlageter-Kurs auch in öffentlichen Versammlungen umzusetzen. Am 2. August 1923 hielt Hermann Remmele (Mitglied der KPD-Zentrale) eine große Rede bei einer nationalsozialistischen Versammlung in Stuttgart, die auch von zahlreichen Kommunisten besucht war. Das Protokoll (veröffentlicht in der „Roten Fahne“ vom 10. August) verzeichnet bei antikapitalistischen Äußerungen mehrmals „Beifall bei Arbeitern und Faschisten“. Remmele ging auch auf das Problem des Antisemitismus ein: „Der Antisemitismus ist keine neue Erscheinung, er ist uralt. Und er hat zu allen Zeiten dazu gedient, blinde, unwissende Massen von den wirklichen Ursachen ihrer traurigen Notlage abzulenken. (Widerspruch). Wie dieser Antisemitismus entsteht kann ich ja sehr leicht begreifen. Man braucht nur einmal auf den Stuttgarter Viehmarkt nach dem Schlachthof zu gehen, um dort zu sehen, wie Viehhändler, die größtenteils zum Judentum gehören, zu jedem Preis das Vieh aufkaufen, während die Stuttgarter Metzger wieder leer abziehen müssen weil sie einfach nicht so viel Geld haben, Vieh kaufen zu können. (Sehr richtig! bei den Faschisten). Das da in den bürgerlichen Mittelschichten, in den Kreisen der Händler und Gewerbetreibenden, ein Judenhaß entsteht, ist begreiflich.“

Nachdem Remmele am 10. August 1923 in einer kommunistischen Versammlung gemeinsam mit einem nationalsozialistischen Korreferenten aufgetreten war (der eingeladene sozialdemokratische Korreferent kam nicht), verbot die NSDAP ihren Mitgliedern weitere derartige Kontakte und warnte alle Ortsgruppen vor den Versuchen, die völkische Bewegung unter eine „nationalbolschewistisch-jüdische Führung“ zu bringen.

Eine besonders wilde Rede hielt Ruth Fischer (Mitglied der KPD-Zentrale und politische Leiterin des Parteibezirks Berlin-Brandenburg am 26. Juli in einer Berliner Studentenversammlung. Einem Bericht der ultralinken Zeitschrift „Die Aktion“ (vom sozialdemokratischen „Vorwärts“ übernommen) zufolge erklärte die Rednerin (Tochter eines jüdischen Vaters): „Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner…?“ Ruth Fischer hat den Bericht über ihre Rede erst 1948 dementiert, als sie Amerikanerin und Bundesgenossin Richard Nixons im Kampf gegen den Kommunismus geworden war.

Im Zusammenhang mit dem Schlageter-Kurs muß man auch erwähnen, daß die Kommunisten gewaltsam gegen Kundgebungen der rheinländischen Separatisten vorgingen. Der Schlageter-Kurs bedeutete keine Abschwächung der organisatorischen Bekämpfung des Rechtsradikalismus. Gerade in den Wochen nach Radeks Rede liefen die Vorbereitungen für den „Antifaschistentag“ (29. Juli). Schlageter-Kurs und antifaschistischer Kampf waren kein Gegensatz, sondern zwei Seiten einer Medaille. Mit den Revolutionsvorbereitungen im Herbst 1923 wurde der Schlageter-Kurs zwar abgeschwächt, ohne jedoch aufgegeben zu werden. Die dritte Auflage der Schlageterbroschüre erschien Anfang Oktober 1923, als in Moskau die grundsätzliche Entscheidung für den Kurs auf den bewaffneten Aufstand bereits gefallen war; die Broschüre „Sowjetstern oder Hakenkreuz?“, mit dem Text der Stuttgarter Rede Remmeles wurde im November neu aufgelegt . Noch im Dezember 1923 warb das theoretische Organ der Komintern „Die Kommunistische Internationale“ im Inseratenteil für beide Broschüren. Erst 1924 verschwand der Schlageter-Kurs in der Versenkung.

„Wenn man die Soll- und Haben-Seiten dieser Taktik miteinander vergleicht, so muß man feststellen, daß die Erfolge, die die Kommunisten damit errangen, die Nachteile nicht aufwogen. Sie haben damit zwar einige Fachleute auf ihre Seite geholt, Militärs, Wirtschaftler und Ingenieure, die ihnen in und nach einer Revolution gute Dienste geleistet hätten. Aber die Rückwirkung auf die Arbeiterschaft war ungünstig“ (Wenzel, S. 123). Für die deutschen und französischen Sozialdemokraten war diese Politik ein willkommener Propagandaschlager gegen die Kommunisten, wobei der Schlageter-Kurs fälschlich als kommunistisch-völkische Verbrüderung dargestellt wurde. Ein nennenswerter Einbruch in die rechtsradikale Front gelang nicht.

Literatur:

Louis Dupeux: „Nationalbolschewismus“ in Deutschland 1919 – 1933. Kommunistische Strategie und konservative Dynamik. – München: C. H. Beck, 1985

Otto Wenzel: 1923. Die gescheiterte deutsche Oktoberrevolution. – Münster: Lit-Verlag, 2003

Schlageter. Eine Auseinandersetzung. Kommunismus und nationale Bewegung / Karl Radek, Ernst Graf Reventlow, Moeller van den Bruck, Paul Frölich. – Berlin: Vereinigung Internationaler Verlags-Anstalten, 1923
(Nachdruck erschien 1987 in Mainz als Helios‘ kleine Reprint-Reihe Nr. 8)

Erstveröffentlichung am 27. Januar 2004 in der Berliner Umschau