Deutsche Kommunisten: Ein “Abweichler” schreibt über Ideale, Rituale und deren reale Entwicklung

Von Hans-Werner Klausen

Für die marxistisch-leninistische Parteigeschichtsschreibung der SED war er der Lieblingsfeind: der Mannheimer Kommunismusforscher Hermann Weber (Jahrgang 1928), der als „Renegat“ und ehemaliger Absolvent der SED-Parteihochschule seinem Forschungsgegenstand auf besondere Weise verbunden war und mit Sachkenntnis oft auf die „Gedächtnislöcher“ seiner Gegenseite hingewiesen hat. Wenn vor 1989 jemand gesagt hätte, der Dietz-Verlag würde einmal ein Buch Webers herausbringen, dann hätte man höchstens ein mitleidiges Lächeln geerntet.

Inzwischen hat die Partei nicht mehr immer recht, der Dietz- Verlag (im Besitz der PDS) hat die Wende überlebt und zur diesjährigen Leipziger Buchmesse präsentierte dieser Verlag nun „Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 – 1945“ von Hermann Weber und Andreas Herbst (Jahrgang 1955). Die Erarbeitung des Buches wurde von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziert, von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gab es einen Druckkostenzuschuß. Der Vorläufer dieses Buches war der zweite Band von Webers 1969 erschienener Arbeit „Die Wandlung des deutschen Kommunismus“ mit ca. 500 Kurzbiographien von KPD-Funktionären der Jahre 1924 – 1929. Das jetzt vorliegende Handbuch enthält ca. 1400 Kurzbiographien (davon 129 Frauen) und eine von Weber verfaßte Einleitung. Zum Personenkreis, der in das Buch aufgenommen wurde gehören die Mitglieder der Zentrale, des Zentralkomitees und des Zentralausschusses, die Reichstags- und Landtagsabgeordneten, Politische und Organisationssekretäre der Bezirksleitungen, Kader der Massenorganisationen, der Komintern, der Parteizeitungen, Verlage.

Besonders interessant sind die Kurzbiographien von Mitarbeitern der geheimen Militär- und Nachrichtenapparate, über deren Lebenswege vor 1989 meist nur sehr wenig bekannt war. Kulturschaffende wurden aufgenommen, wenn sie in der Partei oder den Nebenorganisationen Funktionen hatten oder wenn sie in der sowjetischen Emigration eine politische Rolle spielten. Max Hoelz, der keine Parteifunktion hatte, wurde als einer der populärsten Kommunisten der Weimarer Republik trotzdem aufgenommen, ebenso prominente Überläufer aus anderen Lagern wie Erwin Eckert (ehemals Pfarrer und religiöser Sozialist) und Richard Scheringer (wegen nationalsozialistischer Zellenbildung in der Reichswehr verurteilt, in der Festungshaft von kommunistischen Haftkameraden für den Kommunismus gewonnen).

Viele Namen in diesem Buch (vor allem aus dem kommunistischen Widerstand gegen das NS-Regime) werden dem gelernten DDR-Bürger bekannt vorkommen, weil nach ihnen Straßen, Schulen, Betriebe, Institutionen oder Arbeitskollektive benannt waren. Gleichzeitig findet man auch Namen, die in der DDR so selten wie möglich genannt wurden, weil es sich um Abweichler handelte oder um Leute die von den sowjetischen Sicherheitsorganen in Obhut genommen wurden (1970 war in der DDR das „Biographische Lexikon zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ erschienen, das in 10 Lebensläufen den Vermerk enthielt „verstorben in der UdSSR, 1937 unter falschen Anschuldigungen verhaftet“. Das Buch wurde kurz nach Auslieferung der ersten Exemplare aus dem Handel zurückgezogen und zwei Jahre später erneut in den Buchhandel gebracht, wobei der Verlag jegliche Werbung unterließ).

Etwa 400 der 1400 im Buch behandelten Personen nahmen ein gewaltsames Ende: 222 unter Hitler, 178 unter Stalin, andere sind in Spanien gefallen oder wurden bereits 1919 umgebracht. Im Buch findet man auch mehrere Personen aus der Geschichte des „Nationalbolschewismus“: Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim vom Hamburger Nationalbolschewismus, Hans von Hentig (1923 militärischer Oberleiter im Bezirk Mitteldeutschland), Bodo Uhse (vom linken Flügel der NSDAP und der Landvolkbewegung zur KPD gekommen), Beppo Römer vom „Aufbruchkreis“ und Richard Scheringer. In der Biographie Wilhelm Zaissers (1936 als „General Gomez“ in Spanien, 1950 – 1953 Minister für Staatssicherheit) findet man einen Hinweis, daß ihn 1919 zuerst eine nationalbolschewistische Broschüre von Paul Eltzbacher dazu brachte, sich näher mit dem Bolschewismus zu befassen.

In der Einleitung skizziert Weber die politische Entwicklung der KPD von 1918 – 1945, die Vorstellungen und Zielsetzungen der verschiedenen Gruppen im Führungskorps, den „Typus des Parteiführers“, das Polbüro als führendes Parteiorgan und die Veränderung des Führungskorps. Weber spricht mehrfach, wie auch in früheren Veröffentlichungen, von einer „Stalinisierung“ der KPD („Die Stalinisierung bedeutete für die KPD den Wandel von einer Partei mit innerer Demokratie in eine straff disziplinierte Organisation mit strikt hierachischer Befehlsgewalt“, Seite 14).

So fragwürdig der Begriff auch ist (die Angleichung des organisierten Kommunismus an das sowjetische Vorbild, die sich über Jahre hinzog, hatte nicht 1924, sondern bereits 1920 mit den 21 Aufnahmebedingungen der Komintern begonnen und der Begriff „Stalinismus“ wurde von den Trotzkisten erfunden und von den Titoisten, „Neuen Linken“ und Eurokommunisten aufgegriffen, um den „guten“ Lenin vom „schlechten“ Stalin zu unterscheiden), so zutreffend ist doch, daß es in der Entwicklung des deutschen Kommunisten viele Brüche gab. Dies kam sowohl in den zahlreichen politischen Wendungen und in der organisatorischen Angleichung an das sowjetische Vorbild zum Ausdruck, als auch im Kaderverschleiß, auf den man in den vorliegenden Biographien zahlreiche Hinweise findet.

Fast jede politische Wendung in der Weimarer Republik war mit personellen Säuberungen verbunden: 1919/20 wurde der antiparlamentarische Flügel, der 1920 die KAPD gründete, hinausgesäubert, 1921 die Levi-Gruppe, 1924 (nach der Übernahme der Führung durch den linken Flügel) wurden die Anhänger Brandlers aus verantwortlichen Funktionen entfernt, 1926/27 wurden die Ultralinken ausgeschlossen, 1928/29 folgten der Ausschluß der Rechten und die Kaltstellung der Versöhnler. „Im allgemeinen blieb für die meisten Kommunisten, gerade die Führer, der Einsatz für die Armen und Unterdrückten, für eine Welt ohne Ausbeutung und Klassen, ohne Entbehrung und Zwang ohne Rassenhaß und Krieg der beispielhafte Antrieb ihres Handelns, auch wenn die hehren Ideale dann oft in Rituale erstarrten und instrumentalisiert wurden“ (S. 29).

Im Laufe der Zeit entstand „jener Prototyp des ergebenen Funktionärs, der jederzeit die (oft wechselnde) Linie kritiklos mitmachte, der sich freiwillig unterordnete und wie ein ‚Parteisoldat‘ Disziplin einhielt. Nach außen, gegenüber dem Feind, war er kämpferisch und selbstlos einsatzbereit, aber innerhalb der Organisation völlig angepaßt; mit seiner Parteidisziplin zeigte er mangelnde Zivilcourage, war ein Untertan“ (Seite 32). Diese Feststellung bleibt auch dann richtig, wenn man weiß, daß Weber Sozialdemokrat ist und daß dies auf die Einleitung abfärbt. Um die Bildung lokaler „Seilschaften“ zu verhindern, wurden die Kader im Laufe ihrer Tätigkeit oft mehrmals an andere Orte versetzt.

Zu den Kadern, die aus der Partei entfernt wurden, gehörten auch drei frühere Parteivorsitzende (Paul Levi, Heinrich Brandler und Ruth Fischer) und ein Generalsekretär (Ernst Reuter-Friesland). Die späteren politischen Lebensläufe dieser vier Spitzenkader verliefen höchst unterschiedlich: Levi führte bis zu seinem Tod (1930) den linken SPD-Flügel, Ruth Fischer war in den vierziger und frühen fünfziger Jahren als Amerikanerin militante Antikommunistin (die gleichzeitig weiterhin Lenin bewunderte) und wurde 1956 begeisterte Anhängerin Chruschtschows (über ihr letztes Buch meinte der Rezensent im „Monat“: „Ruth Fischers Buch hat die Funktion, die durch Stalin heimatlos gewordene Linke in den Schoß der Partei zurückzuführen“),

Brandler war nach seiner Rückkehr aus dem Exil (1949) in der KPO-Nachfolgeorganisation „Gruppe Arbeiterpolitik“ aktiv und Reuter wurde zum Symbol der „Frontstadt“. Von den 821 im Buch vorgestellten Personen die bei Kriegsende überlebt hatten, gehörten 418 zur Nomenklatur der SED, 99 gehörten der westdeutschen KPD an. Damit hatten zwei Drittel der überlebenden Spitzenfunktionäre dem Parteikommunismus die Treue gehalten, einige wurden allerdings in neuen Parteisäuberungen abgesetzt, ausgeschlossen und z. T. inhaftiert. 195 ehemalige Funktionäre waren nach 1945 überhaupt nicht mehr politisch organisiert, 85 waren in der SPD (der ehemalige Kanidat des Polbüros Kurt Funk sollte es unter seinem richtigen Namen Herbert Wehner dort sehr weit bringen), 17 in der rechtskommunistischen Gruppe Arbeiterpolitik, 7 bei anderen Gruppen von der reaktionären Deutschen Partei bis zur Bayernpartei.

Hier und da haben sich in die Biographien auch sachliche Fehler eingeschlichen. So war Ruth Fischer in den letzten Jahren der Weimarer Republik Sozialfürsorgerin in Berlin-Prenzlauer Berg und nicht in Wedding, Paul Merker gelangte zuerst Ende 1928 (nach der Wittorf-Affäre) ins Polbüro und nicht 1926, die Zusammenkunft der Harich-Gruppe mit Merker in der Wohnung Walter Jankas war am 21. November und nicht am 21. Februar 1956. Trotzdem kann man schon jetzt davon ausgesehen, daß dieses Buch ein Standardwerk der Kommunismusforschung wird. Autoren und Verlag ist für das Zustandekommen des Buchs zu danken und dem Buch kann man viele Leser wünschen.

Hermann Weber/Anreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 – 1945.
Karl Dietz Verlag, Berlin 2004
ISBN 3-320-02044-7

Erstveröffentlichung am 11. Mai 2004 in der Berliner Umschau