Der „deutsche Oktober“ fand nicht statt: Im Herbst 1923 scheiterte ein Revolutionsplan der KPD und entschied mit über den Aufstieg Stalins


Weimarer Republik; Bild: kgberger, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Von Hans-Werner Klausen

Das Jahr 1923 ist im historischen Gedächtnis vor allem mit dem Hitlerputsch, der Ruhrbesetzung und der Inflation verbunden. Fast vergessen ist, daß 1923 eine „deutsche Oktoberrevolution“ geplant war, die das Zentrum der Weltrevolution von Moskau nach Berlin verlagern sollte und für die sogar das Datum (9. November) bereits mehr oder weniger feststand. Auf diesen Versuch einer kommunistischen Revolution beziehen sich zwei neue Publikationen, die beide bereits eine eigene Geschichte hinter sich haben.

Otto Wenzels Buch, das die Politik der KPD während des ganzen Jahres 1923 behandelt, beruht auf seiner bereits 1955 fertiggestellten Dissertation (geschrieben vom Standpunkt eines rechten Sozialdemokraten). Anhand von Dokumenten aus dem früheren SED-Parteiarchiv und neueren Forschungsergebnissen wurde die damalige Dissertation für die Veröffentlichung geringfügig überarbeitet. Auf der Grundlage kommunistischer Veröffentlichungen der zwanziger Jahre und der Auskünfte, die Wenzel von ehemaligen KPD-Funktionären, darunter Heinrich Brandler, erhalten hatte, konnte der Autor bereits 1955 die KPD-Politik des Jahres 1923 in der Sache weitgehend zutreffend schildern. Die Dokumentation aus dem Aufbau-Verlag ist ein deutsch-russisches Gemeinschaftsprojekt und sollte ursprünglich bereits Mitte der neunziger Jahre in einem anderen Verlag veröffentlicht werden. Die Dokumente (beginnend mit dem Sommer 1923) stammen aus den ehemaligen Archiven der SED, der KPdSU, der Komintern und dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation (ehemaliges Geheimarchiv des Generalsekretärs der KPdSU).

Die KPD war im Dezember 1920 durch den Zusammenschluß mit dem linken Flügel der USPD zur Massenpartei geworden. Die KPD begann jetzt mit der Taktik der „proletarischen Einheitsfront“, die nach dem putschistischen Zwischenspiel der „Märzaktion“ auf Drängen Lenins durch den 3. Kongreß der Komintern (Sommer 1921) autorisiert wurde. Die Einheitsfronttaktik sollte die in der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften organisierten Arbeiter zum Teil in deren eigener Sprache ansprechen, dadurch den Einfluß der Kommunisten vergrößern und die Reihen des sozialdemokratischen Gegners zersetzen. Dieser Politik lag die Erkenntnis zugrunde, daß die Kommunisten die Mehrheit der Arbeiter vor der Machtergreifung gewinnen mußten. Seit Anfang 1923 (Ruhrbesetzung, Beschleunigung der Inflation) verschlechterte sich schnell die Lebenslage breiter Volksschichten.

In den folgenden Monaten wuchs schnell der Masseneinfluß der Kommunisten. Im Januar 1923 bestätigte der Leipziger Parteitag die Taktik der proletarischen Einheitsfront. Als Zwischenstufe zur Diktatur des Proletariats wurde eine „Arbeiterregierung“ (sozialdemokratisch-kommunistische Koalition) ins Auge gefaßt. Die Parteizentrale wurde seit Ende 1922 von Heinrich Brandler geleitet, seine rechte Hand war der Parteitheoretiker und Chefredakteur der „Roten Fahne“, August Thalheimer. Als Anhänger Brandlers gelangte 1923 Walter Ulbricht zum erstenmal in die Zentrale.

Gegen die Zentrale wandte sich eine linke Opposition, deren Schwerpunkt in den Parteibezirken Berlin-Brandenburg (geführt von Ruth Fischer und Arkadi Maslow) und Wasserkante (geführt von Ernst Thälmann) lag. Da in der KPD damals noch eine breite innerparteiliche Demokratie bestand, konnte die Opposition in der Parteipresse ihren Standpunkt ungehindert darlegen. In Moskau unterstützte der Deutschlandspezialist der Bolschewiki und der Komintern, Karl Radek, die Politik Brandlers, während der Kominternvorsitzende Sinowjew die Linken begünstigte. Der Umgangston zwischen Moskau und Berlin war freimütig und etwas burschikos. So schrieb Radek im Juli über Thalheimer an Brandler: „Das ganze Abrakadabra von Eurem gelehrten Juden versteht kein Vieh, geschweige denn ein Mensch, der hungrig ist.“ Im Protokoll der Polbürositzung vom 20. Februar heißt es: „Mit Ausnahme des Gen. Ewert betonen alle Genossen mehr oder weniger scharf, daß die Berichte des Gen. Radek aus einem Gemisch aus Dichtung und Wahrheit bestehen.“ Im Mai 1923 wurden nach einer Konferenz in Moskau vier Vertreter der Linken (darunter Ruth Fischer und Thälmann) in die Zentrale kooptiert. Wer geglaubt hatte, auf diese Weise den Frieden innerhalb der Partei herzustellen, hatte sich allerdings getäuscht. Am 12. Juli beschwerte sich Brandler bei Radek, Ruth Fischer komme zu den Polbürositzungen zu spät, gehe früher weg, lese „schöngeistige“ Literatur, grinse und beteilige sich fast nicht.

Sowohl die KPD als auch der Sowjetstaat hatten die Ruhrbesetzung von Anfang an verurteilt. Die französischen Kommunisten versuchten die Besatzungstruppen zu zersetzen. Die „Humanité“ war 1923 ein Blatt, das auch von der nichtkommunistischen deutschen Presse mit Genugtuung zitiert werden konnte. Die Soldatenausgabe der „Humanité“ wurde trotz strengsten Verbots täglich in zehntausenden Exemplaren verteilt. Die drohende Haltung des Sowjetstaates gegenüber Polen führte dazu, daß Pläne für Aktionen gegen Oberschlesien, Danzig oder Ostpreußen bald wieder fallengelassen wurden. (Bereits am 22. Dezember 1922 erklärte Trotzki dem deutschen Botschafter: „Sollte Polen auf Geheiß Frankreichs gleichzeitig über Schlesien herfallen, so werden wir unter keinen Umständen untätig zusehen; wir können das nicht dulden und wir werden eingreifen.“)

Im Sommer 1923 erweiterte die KPD die proletarische Einheitsfronttaktik zur nationalen Einheitsfronttaktik, um die Reihen der Faschisten und Reichswehr zu zersetzen und um über die Reihen der Arbeiterklasse hinaus Einfluß unter dem Mittelstand und der Intelligenz zu gewinnen. Bereits im Februar 1923 forderte das theoretische Organ der KPD „Die Internationale“ die Kommunisten auf, die nationalistische Welle für sich auszunutzen, „statt daß sie gegen uns ausgenützt wird“. Dabei ging es vor allem um „die Gewinnung der heute im nationalbolschewistischen Sumpf versunkenen Mittelschichten“. Ein Teil des Bundes „Oberland“ unter Beppo Römer zeigte Neigungen, mit der KPD gegen die Entente zusammenzugehen, Wenzel berichtet unter Berufung auf ein Gespräch mit Brandler, daß es bei Sabotageakten während des Ruhrkampfes auch zu einer losen Zusammenarbeit gekommen sei.

Am 21. Juni hielt Radek mit Genehmigung Sinowjews vor der Erweiterten Exekutive der Komintern die Rede „Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts“ (am 26. Juni auf der Titelseite der „Roten Fahne“ veröffentlicht). Radek erklärte in dieser Rede offen, daß Schlageter ein Klassengegner der Kommunisten war und würdigte ihn zugleich: „Wir sind keine sentimentalen Romantiker die am Grab die Feindschaft vergessen, und wir sind keine Diplomaten, die sagen: am grabe Gutes reden oder schweigen. Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution verdient es, von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden…Wenn die Kreise der deutschen Faschisten, die ehrlich dem deutschen Volke dienen wollen, den Sinn der Geschicke Schlageters nicht verstehen wollen, so ist Schlageter umsonst gefallen, und dann sollten sie auf sein Denkmal schreiben: der Wanderer ins Nichts.“ Radek fragte: „Gegen wen wollen die Deutschvölkischen kämpfen: gegen das Ententekapital oder gegen das russische Volk? Mit wem wollen sie sich verbinden? Mit den russischen Arbeitern und Bauern zur gemeinsamen Abschüttelung des Joches des Ententekapitals oder mit dem Ententekapital zur Versklavung des deutschen und russischen Volkes?“

Dann erweiterte Radek seinen Aufruf an die „ehrlichen patriotischen Massen“ und erklärte: „Die Mehrheit des deutschen Volkes besteht aus arbeitenden Menschen, die kämpfen müssen gegen die Not und das Elend, das die deutsche Bourgeoisie über sie bringt. Wenn sich die patriotischen kreise Deutschlands nicht entscheiden, die Sache der Mehrheit der Nation zu der ihrigen zu machen und so eine Front herzustellen, gegen das ententistische und deutsche Kapital, dann war der Weg Schlageters in Weg ins Nichts…Will Deutschland imstande sein zu kämpfen, so muß es eine Einheitsfront der Arbeitenden darstellen, so müssen die Kopfarbeiter sich mit den Handarbeitern vereinigen zu einer eisernen Phalanx. Die Lage der Kopfarbeiter erfordert diese Einigung. Nur alte Vorurteile stehen ihr im Wege. Vereinigt zu einem siegreichen arbeitenden Volk, wird Deutschland imstande sein, große Quellen der Energie und des Widerstandes zu entdecken, die jedes Hindernis überwinden werden. Die Sache des Volkes zur Sache der Nation gemacht, macht die Sache der Nation zur Sache des Volkes.“

Wenzel kommt zu der zutreffenden Einschätzung: „Diese Rede ist eine Meisterleistung an Einfühlungsvermögen. Sie ist für den, der sie Wort für Wort durchliest und mit der damaligen kommunistischen Parteilinie vergleicht, keine Aufgabe des kommunistischen Standpunkts. Aber mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten kann man an Hand dieser Rede Radek zum wildesten Nationalisten stempeln“. Auf Radeks Rede antworteten in den folgenden Wochen von nationalistischer Seite Moeller van den Bruck und Graf Reventlow, einen Diskussionsartikel Reventlows druckte am 2. August die „Rote Fahne“ mit der redaktionellen Vorbemerkung, daß sie jeden zu Wort kommen lasse, der sachlich etwas zu den Zeitfragen zu sagen habe. Radeks Rede und diese Artikel wurden zusammen mit entsprechenden Antworten Radeks und des Mitglieds der KPD-Zentrale Paul Frölich vom Verlag der KPD als Broschüre unter dem Titel „Schlageter – eine Auseinandersetzung. Kommunismus und nationale Bewegung“ veröffentlicht.

Die Kommunisten versuchten den Schlageterkurs auch in öffentlichen Versammlungen umzusetzen. In einer Rede vor Berliner Studenten am 25. Juli schreckte Ruth Fischer (Tochter eines jüdischen Vaters) auch vor Konzessionen an den Antisemitismus nicht zurück. Nach einem Bericht der ultralinken Zeitschrift „Die Aktion“ (vom sozialdemokratischen „Vorwärts“ übernommen) erklärte sie: „Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es noch nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner…?“

Ruth Fischer dementierte den Bericht über ihre Rede erst 1948, als sie Amerikanerin und Bundesgenossin Richard Nixons im Kampf gegen den Kommunismus geworden war. Der Schlageterkurs bedeutete keine Unterbrechung der organisatorischen Bekämpfung des Rechtsradikalismus. In den Wochen nach Radeks Rede liefen die Vorbereitungen für den „Antifaschistentag“ (29. Juli).

Ende Juli begann Sinowjew die deutschen Kommunisten zu einer härteren Gangart zu drängen, während Radek, der sich in dieser Frage die Unterstützung Stalins gesichert hatte, zur Vorsicht mahnte. Am 12. August erzwang ein Generalstreik den Rücktritt der Regierung Cuno, der neue Reichskanzler Stresemann bildete eine Regierung der großen Koalition. Die Bolschewiki hielten die neue Regierung für das deutsche Pendant zur Regierung Kerenski. Sinowjew schrieb am 15. August Thesen, in denen er von einer unmittelbar bevorstehenden deutschen Revolution ausging. Gleichzeitig versprach Trotzki den deutschen Kommunisten Jacob Walcher und August Enderle: „Soweit der Aufstand im Gang ist, werden wir mit der Roten Armee einrücken.“

Jetzt schlossen sich auch Radek und Stalin den Revolutionsbefürwortern an. In den Augen der sowjetischen Führer schien jetzt das Ereignis bevorzustehen, auf das sie seit 1917 sehnsüchtig gewartet hatten. Eine siegreiche deutsche Revolution sollte auch aus den inneren Schwierigkeiten heraushelfen. 1923 war die wirtschaftliche Lage miserabel und in mehreren Betrieben wurde gestreikt. In Sinowjews Thesen heißt es: „Die heraufziehende zweite, wirklich, proletarische Revolution wird Sowjetrußland endgültig zum Siege verhelfen auf dem Felde des sozialistischen Wirtschaftsaufbaus.“ Durch die Erkrankung Lenins war an der Spitze ein Machtvakuum entstanden; sowohl Trotzki als auch Sinowjew hofften durch einen Erfolg in Deutschland ihre eigene Position im Kampf um Lenins Nachfolge zu verbessern.

Am 22. August beschloß das Politbüro der Kommunistischen Partei Rußlands, Kurs auf die deutsche Revolution zu nehmen. Die gesamte Tätigkeit der KPR und der Komintern sollte auf die Vorbereitung des bewaffneten Aufstands in Deutschland gerichtet sein. Der Beschluß wurde anschließend vom Präsidium des EKKI bestätigt. Nach der Kenntnisnahme dieses Beschlusses bildete das Polbüro der KPD am 28. August einen Revolutionären Kriegsrat, bestehend aus Brandler, dem Zentralemitglied Kleine (Guralski) und dem sowjetischen Divisionskommandeur Rose alias Skoblewski alias Hellmuth. Eine Kommission unter Leitung Sinowjews legte dem Politbüro der KPR am 21. September ausführliche Thesen vor, die am 22./23. September vom ZK bestätigt wurden. Die Thesen gingen von der Voraussetzung aus: „Die KP Deutschlands hat die Mehrheit der aktiven Schichten des Proletariats gewonnen. In allernächster Zukunft wird die KP Deutschlands in der Lage sein, die Mehrheit des gesamten Proletariats mit sich zu führen…Schon jetzt hat die KP Deutschlands in einer verhältnismäßig kurzen Zeit die Unterstützung beträchtlicher Schichten des Kleinbürgertums gewonnen.“ Sinowjew erwartete für die nächste Zukunft den Zusammenbruch der deutschen Sozialdemokratie. Die deutsche Räterepublik sollte einen äußeren Konflikt möglichst vermeiden, bei einer französischen oder polnischen Intervention in Deutschland sollte Sowjetrußland jedoch auch einen Krieg riskieren.

Am 4. Oktober legte das Politbüro den 9. November als provisorischen Termin für den Aufstand fest, die endgültige Entscheidung sollte von den deutschen Genossen vor Ort getroffen werden. Brandler, der am 18. September in Moskau eintraf, wünschte die Übernahme der Leitung des Aufstands durch Trotzki. Trotzki hätte diesem Wunsch sicherlich gerne entsprochen, um nach einem Erfolg entweder von Berlin aus die weiteren Operationen der Weltrevolution zu leiten oder als Triumphator nach Moskau zurückzukehren. Das Politbüro erklärte es für unmöglich, Trotzki oder Sinowjew nach Deutschland zu schicken, da bei einer Verhaftung diplomatische Verwicklungen befürchtet wurden. Eine Vierergruppe sollte die Leitung des Aufstands übernehmen, von den vorgesehenen Mitgliedern fuhren schließlich nur Radek und Pjatakow nach Deutschland.

Am 20. September begann in Moskau eine Serie von Konferenzen mit den deutschen Parteiführern, die bis zum 5. Oktober dauerten. Brandler, der bis August eine sehr vorsichtige Linie vertreten hatte, wußte was man in Moskau hören wollte und schilderte die Lage in den schönsten Farben. Er erklärte, die Partei habe in den „bewaffneten Arbeitergruppen“ schon 200 000 Mann, im Laufe von sechs Wochen müßten 15 Divisionen aufgestellt werden. Die Partei besitze Handwaffen für diese ganzen Divisionen. Nur die Verteilung der Waffen bereite technische Schwierigkeiten. Bei den Besprechungen wurde der Eintritt der Kommunisten in die Regierungen von Sachsen und Thüringen vereinbart (die KPD hatte dort seit einigen Monaten linkssozialdemokratische Minderheitsregierungen toleriert). Von Sachsen und Thüringen aus sollte die Bewaffnung der Arbeiterschaft vorangetrieben werden.

Am 4. Oktober erläuterte Sinowjew den Deutschen die Beschlüsse der Politbürositzung vom gleichen Tag. Hinsichtlich der Taktik gegenüber den linken Sozialdemokraten erklärte Sinowjew: „Wir müssen uns klar sein, daß die Leute nicht mit uns kämpfen werden, aber wir halten es für zulässig, mit ihnen Unterredungen zu haben, ihnen manches zu versprechen, aber nicht zu halten. Wir können ihnen sagen: ‚Macht den Bruch mit den Rechten‘ und dann sie stürzen. Wir können ihnen sagen, daß wir in eine gemeinsame Regierung mit ihnen gehen werden, aber es niemals halten.“ Am 10. Oktober wurde in Sachsen eine sozialdemokratisch-kommunistische Koalition gebildet, am 16. Oktober in Thüringen. Am 12. Oktober nahm die KPD-Zentrale die Beschlüsse „von drüben“ an und legte sich auf den Termin 9.November fest. Für diesen Tag wurde ein Reichsbetriebsrätekongreß einberufen, der am Tag des Aufstands die Rätemacht proklamieren sollte.

Zu dieser Zeit gaben sich die Kommunisten keine große Mühe, ihre Absichten zu verheimlichen. Am 10. Oktober druckte die „Rote Fahne“ ein Schreiben Stalins an Thalheimer, wo es hieß: „Die kommende Revolution in Deutschland ist das wichtigste Weltereignis unserer Tage. Der Sieg der Revolution in Deutschland wird für das Proletariat in Europa und Amerika eine größere Bedeutung haben, als der Sieg der russischen Revolution vor sechs Jahren. Der Sieg des deutschen Proletariats wird ohne Zweifel das Zentrum der Weltrevolution aus Moskau nach Berlin versetzen.“ Am 19. Oktober 1923 begann die „Internationale Pressekorrespondenz“ mit der Veröffentlichung einer Artikelserie Sinowjews „Probleme der deutschen Revolution“, in der die Thesen der Sinowjew-Kommission vom September zum Teil wörtlich wiederholt wurden.

Die Einzelheiten der Bürgerkriegsvorbereitungen unter Teilnahme sowjetischer Militärberater können hier nicht dargelegt werden. Der ganze Aktionsplan ging von falschen Voraussetzungen aus. Weder hatte die KPD die Mehrheit der Arbeiterschaft hinter sich noch war die SPD im Zerfall begriffen. Die Bewaffnung war höchst unzureichend. Am 19. Oktober entsandte Reichswehrminister Geßler größere Reichswehrformationen nach Sachsen (wenige Tage später auch nach Thüringen). Die KPD-Zentrale beschloß am 20. Oktober die Vorverlegung des Aufstands. Am 21. Oktober forderte Brandler auf einer Konferenz der Betriebsräte und Kontrollausschüsse Sachsens und Thüringens in Chemnitz den Generalstreik, der für die KPD-Zentrale der Auftakt zum bewaffneten Aufstand sein sollte. Brandlers Forderung fand jedoch keinen Widerhall, daraufhin verschob die Parteizentrale den Aufstand auf unbestimmte Zeit.

Nur in Hamburg kam es am 22. Oktober zum Aufstand, der jedoch isoliert blieb und am 24. Oktober zusammenbrach. Brandlers russischer Militärberater Rose schrieb am 26 Oktober (Freitag) in einem Bericht an die KPD-Zentrale: „Am Montag war schon ersichtlich, daß es keine Massenaktion, sondern ein Putsch war. Die Arbeiter Hamburgs – im ganzen genommen – reagierten nicht mit dem Generalstreik auf den Aufstand.“ „Da der Kampf keine Massenbewegung bei den Hamburger Arbeitern auslöste, ebenso keine Rückwirkung im Reich fand, ist es ersichtlich, daß unsere Funktionäre und besonders die Opposition mit ihrer Behauptung, ‚daß die Massen nicht mehr zu halten sind‘, die Situation falsch einschätzen.“

Der Rückzugsbefehl der Zentrale wurde von Radek und Pjatakow gebilligt. Zum damaligen Zeitpunkt ging man immer noch von einer revolutionären Situation aus. Die militärischen Aufstandsvorbereitungen wurden weiter fortgesetzt. Ab Dezember nahmen die Aktivitäten der KPD und ihrer illegalen Apparate zur Aufstandsvorbereitung spürbar ab. Am 24. März wurde der militärische Leiter Rose verhaftet, im Mai 1924 kehrten die letzten sowjetischen Militärberater nach Rußland zurück. Ab November 1923 sollte mit dem Zusammenbruch des Hitlerputsches und der Einführung der Rentenmark die innenpolitische Stabilisierung begonnen. Am 23. November verbot General von Seeckt die KPD, NSDAP und die Deutschvölkische Freiheitspartei.

In Moskau begann jetzt die Suche nach Schuldigen. Mitte November 1923 erhielt die KPD-Zentrale einen Brief Sinowjews, in der die Berichterstattung Brandlers bei den Moskauer Beratungen Ende September/Anfang Oktober und die Taktik der Parteiführung im Oktober scharf kritisiert wurden. Am 7. Dezember verlor Brandler die Mehrheit in der Parteizentrale. In der Zentrale standen sich jetzt die „Linken“, die „Mittelgruppe“ und die „Rechten“ gegenüber. Der Brief Sinowjews gab den Linken Auftrieb, die darauf verweisen konnten, daß sie Brandlers Politik schon immer abgelehnt hatten.

Zur gleichen Zeit brach in der KPR der Fraktionskampf zwischen der herrschenden „Troika“ Sinowjew-Kamenew-Stalin und der „trotzkistischen“ Opposition offen aus. Radek und Pjatakow, die Anfang Dezember 1923 nach Moskau zurükgekehrt waren, wurden im Fraktionskampf auf der Seite Trotzkis aktiv. Am 27. Dezember verurteilte das Politbüro der KPR die Position Radeks und orientierte auf die Zusammenarbeit der Mittelgruppe mit den Linken. Im Januar 1924 wurden nach einer Konferenz des EKKI-Präsidiums mit Vertretern der drei Richtungen der KPD die Rechten für die Oktoberniederlage verantwortlich gemacht und eine provisorische Parteiführung aus Vertretern der Mittelgruppe und der Linken gebildet. Die Führungsschichten der Sozialdemokratie bezeichnete man als Fraktion des Faschismus unter sozialistischer Maske, die linken Führer der Sozialdemokratie galten jetzt als die gefährlichsten .Gleichzeitig wurde ein Beschluß gefasst, der die Bestätigung der gewählten Sekretäre aller Parteigremien durch die nächst höhere Instanz vorsah.

Auf dem Frankfurter Parteitag (Mai 1924) hatte die bisherige linke Opposition die überwältigende Mehrheit, Ruth Fischer und Arkadi Maslow übernahmen die Führung der Partei. Unter der neuen Führung wurde die Partei „bolschewisiert“. In Ruth Fischers dicken Buch „Stalin und der deutschen Kommunismus“ (geschrieben im Auftrag der Harvard University) sucht man den Ausdruck „Bolschewisierung“ vergebens. Der V. Kongreß der Komintern (Juli – August 1924) bekräftigte die Verurteilung des „Brandlerismus“ und „Radekismus“, allerdings konnten sich Brandler, Thalheimer und Radek auf dem Kongreß noch ausführlich rechtfertigen. Radek verlor seinen Sitz in der Exekutive der Komintern, Brandler und Thalheimer, gegen die in Deutschland Haftbefehle liefen, wurden in Moskau „kominterniert“.

Die neue Führung, der das innerparteiliche Leben nicht demokratisch genug sein konnte, solange sie in der Minderheit war, ging gegen ihre Gegner mit aller Energie vor. Parteibezirken, die noch keine linke Mehrheit hatten, wurden die Gelder gesperrt. Ruth Fischer forderte die „Ausrottung des Brandlerismus“ und verglich die Ideen Rosa Luxemburgs mit der Wirkung von Syphilisbazillen. Anfang 1925 beantragte die KPD-Zentrale bei der KPR den Ausschluss Brandlers, Thalheimers und Radeks, die Russen begnügten sich mit der Androhung des Ausschlusses. So erwies sich der nicht stattgefundene „deutsche Oktober“ als wichtige Etappe auf dem Weg zur Gleichschaltung der KPD. Im Herbst 1924 verkündete Stalin zum ersten Mal die Theorie vom „Sozialismus in einem Land“, damit wurde die Idee der Weltrevolution im herkömmlichen Sinn begraben

Deutscher Oktober 1923 : ein Revolutionsplan und sein Scheitern / hrsg. von Bernhard H. Bayerlein , Leonid G. Babičenko, Fridrich I. Firsov und Aleksandr Ju. Vatlin. – Berlin : Aufbau-Verlag, 2003. – (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts ; Band 3). – ISBN 3-351-02557-2

Otto Wenzel : 1923 : Die gescheiterte deutsche Oktoberrevolution. – Münster : Lit-Verlag, 2003. – (Diktatur und Widerstand ; Band 7). – ISBN 3-8258-7246-7

Erstveröffentlichung am 5. Januar 2004 in der Berliner Umschau