Das Ende eines Machtkampfs – Vor 75 Jahren wurde Trotzki aus der Sowjetunion ausgewiesen

Leo Trotzki in Mexiko

Von Hans-Werner Klausen

Am 20. Januar 1929 übergab ein Bevollmächtigter der GPU dem seit 1928 in Alma-Ata in der Verbannung lebenden Trotzki die Kopie dieses Beschlusses: „Auszug aus dem Protokoll der Sondersitzung des Präsidiums der OGPU, 18. Januar 1929. Wir verhandelten: Den Fall des Bürgers Trotzki Lew Dawydowitsch gemäß Artikel 58 Absatz 10 des Strafgesetzbuchs und beschuldigen ihn konterrevolutionärer Betätigung durch den Aufbau einer illegalen antisowjetischen Partei, deren Aktivitäten in letzter Zeit darauf abzielten, antisowjetische Reden zu provozieren und den bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht vorzubereiten. Wir haben verfügt: Bürger Trotzki Lew Dawydowitsch aus dem Territorium der UdSSR auszuweisen.“

Trotzki wurde in die Türkei ausgewiesen, wo er am 12. Februar 1929 zusammen mit seiner Frau, seinem Sohn Leo Sedow und seinem umfangreichen Privatarchiv eintraf. Trotzki dürfte zunächst wohl geglaubt haben, sein Exil sei sein „Elba“, aus dem er wie Napoleon sehr bald wieder zurückkehren würde. Doch sollte er das Land, in dem er einmal der zweitmächtigste Mann gewesen war, nicht mehr wiedersehen. Mit Trotzkis Ausweisung endete ein Machtkampf, der 1922 mit der Erkrankung Lenins begonnen hatte.

Damals hatte eine breite Öffentlichkeit Trotzki für den wahrscheinlichsten Nachfolger Lenins gehalten. Seine Kollegen im Politbüro waren von dieser Aussicht jedoch nicht begeistert. Trotzki war erst 1917 der bolschewistischen Partei beigetreten und gleich zur „Nummer zwei“ der sowjetischen Führung geworden. Trotzki hielt sich selbst für ein Genie und die anderen (mit Ausnahme Lenins) für Mittelmäßigkeiten und gab sich keine Mühe dies zu verheimlichen. Seine Kollegen fürchteten ihn als möglichen „roten Bonaparte“ und die bei Trotzki sehr ausgeprägte Verbindung von Arroganz und glänzenden Geistesgaben trug nicht dazu bei, diese Befürchtungen zu zerstreuen. Um einen Griff Trotzkis nach der Macht zu verhindern schlossen sich im Politbüro Sinowjew (Vorsitzender des Petrograder Sowjets und der Komintern), Kamenew (Vorsitzender des Moskauer Sowjets und stellvertretender Vorsitzender des Rats der Volkskommissare) und Stalin (Generalsekretär) zu einer informellen „Troika“ zusammen. Sinowjew war seit Jahren mit Trotzki in herzlicher Feindschaft verbunden und hielt sich selbst für den richtigen Anwärter auf Lenins Nachfolge.

Trotzkis Schwager Kamenew, ein kultivierter Mann mit Neigung zu „bourgeoisem“ Lebensstil und ohne besonderen Ehrgeiz, bewegte sich politisch meistens im Fahrwasser Sinowjews. Stalin, der aus der Zeit des Bürgerkriegs mit Trotzki noch einige Rechnungen zu begleichen hatte, war im Frühjahr 1922 zum Generalsekretär bestimmt worden, um den Parteiapparat auf Vordermann zu bringen. Männer wie Trotzki, Sinowjew, Kamenew und Bucharin hielten es für unter ihrer Würde, sich um den Organisationskram zu kümmern; sie wollten lieber Reden halten, theoretische Abhandlungen schreiben und gegeneinander intrigieren.

Der Verlauf des Kampfes um Lenins Nachfolge, der zunächst versteckt und seit Herbst 1923 offen geführt wurde, kann hier nicht in allen Einzelheiten dargelegt werden. Trotzki wurde Anfang 1925 seines Postens als Volkskommissar für Armee und Flotte enthoben. 1926 verbündete er sich mit seinen alten Rivalen Sinowjew und Kamenew gegen Stalin. Ende 1927 wurden Trotzki, Sinowjew und ihre Anhänger aus der KPdSU ausgeschlossen. Danach gaben Sinowjew und Kamenew Reueerklärungen ab, Trotzki wurde nach Alma-Ata verbannt. Der Kampf um die Macht wurde von allen Beteiligten mit Lenin-Zitaten geführt. Die veröffentlichten Reden und Artikel über „Trotzkismus“ oder „Leninismus“ und über „permanente Revolution“ oder „Sozialismus in einem Land“ erinnern an mittelalterliches Pfaffengezänk über theologische Dogmen. Die Konsequenzen aus Stalins 1924 verkündeter Theorie des „Sozialismus in einem Land“, die seit den dreißiger Jahren eine allmähliche Nationalisierung des Bolschewismus nach sich zog, waren Mitte der zwanziger Jahre noch nicht absehbar. 1928 sprach Trotzki polemisch von Stalins „National-Sozialismus“; wenn man dies wörtlich und nicht im Sinne einer Rassenideologie versteht, so war das nicht an den Haaren herbeigezogen.

Trotzki motivierte seinen Kampf um die Macht sowohl mit der Sorge um die ideologische Reinheit als auch mit der Sorge um die Demokratie. Die Sorge um die Demokratie kam bei Trotzki allerdings sehr plötzlich. Gerade Trotzki war 1919 – 1920 der feurigste Verfechter der Militarisierung der Arbeit (Unterstellung der Arbeiter unter militärische Disziplin, Verbot des eigenmächtigen Arbeitsplatzwechsels, Einweisung von „Arbeitsdeserteuren“ in Konzentrationslager), die damals von den führenden Bolschewiki nicht als kriegsbedingter Notbehelf, sondern als Ausdruck des wahren Wesens der sozialistischen Wirtschaft verstanden wurde. Er hatte die Unterdrückung der nichtbolschewistischen Sozialisten (die erst nach dem Ende des Bürgerkriegs konsequent durchgeführt wurde) ebenso mitgetragen wie das 1921 verhängte Fraktionsverbot in der eigenen Partei. Als sich die „Arbeiteropposition“ (Schljapnikow, Kollontai u. a.) 1922 bei der Komintern über die Unterdrückung der innerparteilichen Demokratie beschwerte, war Trotzki nicht auf der Seite der Kritiker, sondern der Kritisierten. Er warf der „Arbeiteropposition“ vor, ihre Kritik nütze dem Klassenfeind; das gleiche bekam er selbst seit 1923 zu hören, nachdem er der „Arbeiteropposition“ einen Teil ihrer Argumente gestohlen hatte.

Im Exil entfaltete Trotzki eine rege publizistische Tätigkeit (seine Artikel und Bücher waren oft glänzend formuliert und sein Stil in Polemiken war durch Sarkasmus und Ironie gekennzeichnet) und versuchte in aller Welt „trotzkistische“ Gruppen zu organisieren. Die russischen Trotzkisten (sowohl diejenigen, die vor Stalin kapituliert hatten als auch diejenigen, die ihrem Führer treu geblieben waren) wurden in den Jahren 1936 – 1938 fast ausnahmslos liquidiert. Die trotzkistischen Gruppen außerhalb der Sowjetunion bestanden vorwiegend aus Studenten und Intellektuellen und fanden keine Massenbasis. Trotzki versuchte sich als eine Art Gegenpapst zu etablieren und versandte in alle Welt Bannbullen gegen Reformisten, Stalinisten, konkurrierende linke Splittergruppen und Ketzer aus den eigenen Reihen.

Da Trotzki es nicht ertrug, wenn man ihm in irgendeiner wichtigen Frage widersprach, verbrachten die trotzkistischen Organisationen einen großen Teil ihrer Zeit mit Ausschlüssen. Wie Napoleon auf St. Helena arbeitete Trotzki eifrig an seiner eigenen Legende. Da Trotzki seine Bücher und Artikel unter den Augen einer kritischen Öffentlichkeit schrieb (schließlich lebten und publizierten im Westen auch Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Anarchisten) log er nicht so unverschämt wie die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung, sondern bemühte sich auf subtilere Weise, die Gedanken seiner Leser in die gewünschte Richtung zu lenken. Wenn er an Ereignisse erinnert wurde, die seinem Ruf abträglich waren (z. B. Kronstadt) reagierte er sehr gereizt.

Als Trotzki am 21. August 1940 den Folgen eines Attentats erlag, veröffentlichte die „Prawda“ einen Nachruf unter dem Titel „Tod eines internationalen Spions“. Der Titel eines 1973 erschienenen Buches dürfte zutreffender sein: „Trotzki – der gescheiterte Stalin“.

Ersteröffentlichung am 2. Februar 2004 in der Berliner Umschau