„Frankreich und England überfielen Deutschland“: Vor 65 Jahren: Stalin, Molotow und die Komintern über den Zweiten Weltkrieg – „Man kann die Ideologie des Hitlerismus annehmen oder ablehnen, das ist eine Sache der politischen Anschauungen“

Von Hans-Werner Klausen

Am Abend des 29. November 1939 sendete der Moskauer Rundfunk die Antwort Stalins auf die Frage eines Redakteurs der „Prawda“. Diese Antwort Stalins, die am 30. November 1939 in der „Prawda“ gedruckt wurde, war die erste öffentliche Äußerung des „Vaters der Völker“ seit dem XVIII. Parteitag der KPdSU im März 1939. In Deutschland ist dieses bemerkenswerte Interview Stalins nur wenig bekannt, denn sowohl die SED nach 1945 als auch die maoistisch-stalinistischen „K-Gruppen“ der siebziger Jahre in Westdeutschland hatten aus naheliegenden Gründen kein Interesse an der Verbreitung dieses Textes. Hier zunächst der Text des Stalin-Interviews; der deutsche Text ist wiedergegeben nach der Zeitschrift „Die Welt“ (deutschsprachige Wochenzeitschrift der Komintern von 1939 bis 1943, erschien in Stockholm) vom 7. Dezember 1939 (Nr. 14):

Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes

Ein Redakteur der „Prawda“ wandte sich an Stalin mit der Frage: „Wie verhält sich Stalin zu der Meldung der Havas-Agentur über die ‚Rede Stalins‘, die er angeblich ‚am 19. August 1939 im Politbüro‘ hielt, und in der angeblich der Gedanke ausgeführt wurde, dass der Krieg möglichst lange dauern müsse, um die kriegführenden Seiten zu erschöpfen‘.“

Stalin sandte folgende Antwort:

„Diese Meldung der Havas-Agentur, wie auch viele andere ihrer Meldungen, ist eine Lüge. Ich kann natürlich nicht sagen, in welchem Tingeltangel diese Lüge fabriziert wurde. Aber wie immer die Herren aus der Havas-Agentur lügen mögen, sie können nicht leugnen, daß:

1. Nicht Deutschland hat Frankreich und England überfallen, sondern Frankreich und England überfielen Deutschland, indem sie die Verantwortung für den jetzigen Krieg übernahmen;

2. nach der Eröffnung der Kriegshandlungen wandte sich Deutschland mit Friedensvorschlägen an Frankreich und England, während die Sowjetunion offen die Friedensvorschläge Deutschlands unterstützte, da sie der Meinung war und weiterhin ist, dass die rascheste Beendigung des Krieges die Lage aller Länder und Völker von Grund auf erleichtern würde;

3. die herrschenden Kreise Englands und Frankreichs lehnten schroff sowohl die Friedensvorschläge Deutschlands als auch die Versuche der Sowjetunion ab, die rascheste Beendigung des Krieges zu erzielen.

Das sind die Tatsachen. Was können die Tingeltangelpolitiker aus der Havas-Agentur diesen Tatsachen entgegenstellen?“

Daß der „Völkische Beobachter“ die Antwort Stalins auf seiner Titelseite brachte ist ebenso verständlich wie das Verschwinden dieser Antwort im „Gedächtnisloch“ nach 1941. Es war nicht die erste sowjetische Äußerung in dieser Richtung. Am 28. September 1939 hatten Molotow und Ribbentrop zusammen mit dem deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, die sich zugunsten der Beendigung des Kriegszustands zwischen Deutschland einerseits und England und Frankreich andererseits aussprach und gemeinsame Friedensbemühungen der deutschen und sowjetischen Regierung ankündigte. „Sollten jedoch die Bemühungen der beiden Regierungen erfolglos bleiben, so würde damit die Tatsache festgestellt sein, daß England und Frankreich für die Fortsetzung des Krieges verantwortlich sind …“

In den deutschen Aufzeichnungen über die deutsch-sowjetischen Verhandlungen wird über Ausführungen Stalins berichtet: „ Der Herr Reichsaußenminister, so sagte Herr Stalin, hätte in vorsichtiger Form gesagt, daß Deutschland unter der Zusammenarbeit nicht eine militärische Hilfe verstehe und nicht die Absicht habe, die Sowjetunion in einen Krieg hineinzuziehen. Das sei sehr taktvoll und gut gesagt. Es sei Tatsache, daß Deutschland zur Zeit keine fremde Hilfe brauche und vermutlich auch in Zukunft keine fremde Hilfe brauchen würde. Sollte Deutschland aber wider Erwarten in eine schwere Lage geraten, so könne es sicher sein, daß das Sowjetvolk Deutschland zu Hilfe kommen und nicht zulassen würde, daß man Deutschland erwürge. Die Sowjetunion sei an einem starken Deutschland interessiert, und würde es nicht zulassen, daß man Deutschland zu Boden wirft.“

Über die Westmächte meinte Stalin: „…die Sowjetregierung denke nicht daran, mit diesen ‚vollgefressenen‘ Staaten wie England, Amerika und Frankreich irgendwelche Bindungen einzugehen. Chamberlain sei ein Schafskopf, aber Daladier sei ein noch größerer Schafskopf.“ Über das gemeinsame Abendessen in Kreml meinte Ribbentrop zu Mussolini: „Bei seinem zweiten Aufenthalt in Moskau habe er Gelegenheit gehabt, anläßlich eines von Stalin gegebenen Abendessens mit allen Mitgliedern des Polit-Büros zu sprechen. Es seien auf deutscher Seite auch alte Parteigenossen wie der Gauleiter Forster dabeigewesen, und besonders Forster habe nach der Veranstaltung erklärt, es sei geradeso gewesen, als ob man mit alten Parteigenossen gesprochen hätte. Das sei auch sein [Ribbentrops] Eindruck gewesen.“

Am 31. Oktober 1939 hielt Molotow vor dem Obersten Sowjet der UdSSR eine große Rede „Über die Außenpolitik der Sowjetunion“. Molotow brachte seine Genugtuung über den Zerfall des polnischen Staates zum Ausdruck. „Die herrschenden Kreise Polens brüsteten sich nicht wenig mit der ‚Stabilität‘ ihres Staates und der ‚Macht‘ ihrer Armee. Es genügte jedoch ein kurzer Schlag gegen Polen, geführt zunächst von der deutschen Armee und danach von der Roten Armee, damit von diesem missgestalteten Geschöpf des Versailler Vertrages, das von der Unterjochung der nichtpolnischen Nationalitäten lebte, nichts übrigblieb.“ Molotow, der sich bereits in seiner Rede zur Ratifizierung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von einer „versimpelten antifaschistischen Agitation“ verabschiedet hatte, sprach über „einige alte Formeln, von denen wir unlängst noch Gebrauch gemacht haben – und an die viele sich so sehr gewöhnt haben.“

So hätten Begriffe wie „Aggression“ und „Aggressor“ in den letzten Monaten einen neuen konkreten Inhalt bekommen. „Wenn man heute von den europäischen Großmächten spricht, so befindet sich Deutschland heute in der Lage eines Staates, der die schnellste Beendigung des Krieges und den Frieden anstrebt, England und Frankreich aber, die gestern noch gegen die Aggression stritten, sind für die Fortsetzung des Krieges und gegen den Abschluß eines Friedens. Wie Sie sehen, werden die Rollen getauscht.“

Molotow polemisierte gegen die Regierungen Englands und Frankreichs mit den Worten: „In der letzten Zeit bemühen sich die regierenden Kreise Englands und Frankreichs, sich als Kämpfer für die demokratischen Rechte der Völker gegen den Hitlerismus auszugeben, wobei die englische erklärt hat, das Ziel des Krieges gegen Deutschland bestehe angeblich in nicht mehr oder weniger als in der ‚Vernichtung des Hitlerismus‘. Es ergibt sich also, daß die englischen und mit ihnen auch die französischen Kriegsanhänger gegen Deutschland so etwas wie einen ‚ideologischen Krieg‘ erklärt haben, der an die alten Religionskriege erinnert…Man kann die Ideologie des Hitlerismus, wie auch jedes andere ideologische System, anerkennen oder ablehnen, das ist eine Sache der politischen Anschauungen. Doch wird jedermann begreifen, daß man eine Ideologie nicht mit Gewalt vernichten, daß man ihr nicht durch den Krieg ein Ende machen kann. Daher ist es nicht nur sinnlos, sondern auch verbrecherisch, einen Krieg wie den Krieg für die ‚Vernichtung des Hitlerismus‘ zu führen, einen Krieg, der drapiert wird mit der falschen Flagge eines Kampfes für die ‚Demokratie‘.“

Molotow fuhr fort: „Die regierenden Kreise Englands und Frankreichs haben selbstverständlich andere, realere Motive für ihren Krieg gegen Deutschland. Diese Motive liegen nicht auf dem Gebiet irgendeiner Ideologie, sondern in der Sphäre überaus materieller Interessen als mächtige Kolonialreiche“. Der „Völkische Beobachter“ veröffentlichte auf der Titelseite wesentliche Auszüge aus Molotows Rede und deutsche Flugzeuge warfen über Frankreich entsprechende Flugblätter ab.

Am 24. Dezember meldete sich Stalin noch einmal selbst zu Wort. Die „Prawda“ druckte Stalins Danktelegramme für die Glückwünsche ausländischer Staatsmänner zu seinem sechzigsten Geburtstag. Besonders herzlich war Stalins Telegramm an Ribbentrop: „Ich danke Ihnen, Herr Minister, für die Glückwünsche. Die mit Blut besiegelte Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion hat alle Aussicht, langandauernd und beständig zu werden.“

Nicht nur die offizielle sowjetische Agitation und Propaganda, sondern auch die ausländischen Sektionen der Komintern verabschiedeten sich im Herbst 1939 von der „versimpelten antifaschistischen Agitation“ und von „alten Formeln“. In den ersten Tagen nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts, dem deutschen Angriff auf Polen und der englisch-französischen Kriegserklärung hatten die kommunistischen Parteien im Ausland keine Anweisungen aus Moskau und waren sich selbst überlassen. Sie versuchten ihre Zustimmung zum Hitler-Stalin-Pakt mit der alten, seit 1934 (Beitritt der SU zum Völkerbund, Wendung der Komintern von der Sozialfaschismuslinie zur Volksfrontlinie) gültigen antifaschistischen Linie zu vereinbaren. Mitte bis Ende September 1939 kamen neue Anweisungen aus Moskau und bis zum Oktober 1939 wurde die Umstellung von der alten antifaschistischen Linie auf die noch ältere antikapitalistische Linie vollzogen. Die neue Linie der Komintern zum Krieg könnte man mit den Worten zusammenfassen: Der Krieg ist ein imperialistischer Krieg, beide Seiten sind schuld, aber die englisch-französische Seite hat mehr Schuld als die andere.

In der kommunistischen Agitation und Propaganda wurde – bei einigen kritischen Sätzen gegen die deutsche Seite – das Feuer gegen den anglo-französischen Imperialismus und die Sozialdemokratie gerichtet. So veröffentlichte die Monatszeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ (1940, Nr.3/4) einen Artikel „Wie Englands Herrenklasse ihre Kriege führt“, der einige maßvoll-kritische Worte über die mit England konkurrierenden Imperialismen enthielt, während 90 Prozent des Artikels auch als Begleittext zu Filmen wie „Mein Leben für Irland“ oder „Ohm Krüger“ hätten Verwendung finden können. Die Polemik gegen die gestern noch als Volksfrontpartner umworbene Sozialdemokratie war wieder ebenso heftig wie vor 1934, nur das die Sozialdemokraten jetzt nicht als Sozialfaschisten, sondern als Helfershelfer der Londoner City entlarvt wurden. Sozialdemokraten wie Leon Blum, Attlee oder Morrison wurden heftiger angegriffen als Daladier oder Chamberlain. „Die Welt“ (Ausgabe vom 11. Oktober 1939) stellte in einer Karikatur Leon Blum mit den aus der NS-Literatur vertrauten Gesichtszügen und Gestik eines jüdischen Schwarzmarkthändlers dar.

In England wurde eine in den ersten Kriegstagen erschienene Broschüre des KP-Generalsekretärs Harry Pollitt („How to win the war“) schnell aus dem Verkehr gezogen und die KP agitierte statt dessen gegen den imperialistischen Krieg und für einen schnellen Friedensschluß. So schrieb der „Daily Worker“ am 1. Februar 1940: „Hitler hat wiederholt erklärt, daß der Krieg ihm von England aufgezwungen worden sei. Diese geschichtliche Tatsache ist unwiderlegbar. Der Krieg wurde von England, nicht von Deutschland erklärt. Und die sowjetisch-deutschen Friedensangebote waren von England zurückgewiesen worden…“ Der Verleger Victor Gollancz – bis zum Hitler-Stalin-Pakt ein Fellow-Traveller – entzog der KP daraufhin den „Left Book Club“ und damit ihr wirksamstes Propagandainstrument. Da die englische KP in der Arbeiterklasse keinen Masseneinfluß hatte, konnte ihre Agitation und Propaganda jedoch keine Wirkung erzielen.

Anders sah es in Frankreich aus, wo es eine kommunistische Massenpartei gab. Beim Kriegsbeginn hatte die kommunistische Parlamentsfraktion für die Kriegskredite gestimmt und Maurice Thorez ging als Soldat an die Front. Dann folgte die Wendung um 180 Grad. Für die Reaktion war dies der Vorwand für das Verbot der KP. Thorez desertierte und setzte sich nach Moskau ab. Daraufhin agitierte die KP in der Illegalität weiter auf der Linie des „revolutionären Defätismus“. Die Partei trat für ihre defätistische Linie auch in der Rüstungsindustrie und in der Armee ein. Die Anfang 1940 verbreitete illegale Ausgabe des theoretischen Parteiorgans „Cahiers du bolchevisme“ (mit einer Selbstkritik des ZK, das bei Kriegsausbruch schwere Fehler begangen habe, da es den imperialistischen Charakter des Krieges nicht erkannte) wurde 1951 in Paris von Antikommunisten nachgedruckt und als Waffe im Kalten Krieg verwendet.

Während die kommunistische Propaganda in England wirkungslos blieb, dürfte sie in Frankreich, wo der Krieg unpopulär war, dazu beigetragen haben, ohnehin vorhandene defätistische Stimmungen zu verstärken. „Kommunistische“ Propaganda besonderer Art kam 1939/40 aus Deutschland nach Frankreich. Das Reichspropagandaministerium betrieb damals den Schwarzsender „Humanité“ (zu dessen Mitarbeitern der ehemalige Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion Ernst Torgler gehörte), der sich zwecks Zersetzung von Front und Hinterland in Frankreich der kommunistischen Rhetorik bediente.

Ein Schwerpunkt in der Agitation der Komintern war der Kampf gegen die Ausweitung des Krieges. In den USA entzog die KP Roosevelt ihre Unterstützung, da sie ihn – zu Recht – verdächtigte, daß seine Neutralitätsversprechen Betrug seien. Das deutschsprachige Kominternorgan „Die Welt“ lobte die burischen Nationalistenführer Hertzog und Malan für ihren Kampf gegen den Kriegseintritt der Südafrikanischen Union ebenso wie die Irisch-Republikanische Armee für ihren Wunsch nach der Niederlage Englands im Krieg. Nach der deutschen Besetzung Norwegens (April 1940) schrieb das norwegische KP-Organ „Arbeideren“ (erschien bis zum August 1940 als legale Zeitung) am 18. April 1940: „Wenn wir nun Deutschland sowie jeder anderen Macht das Recht bestreiten, solche Okkupationen vorzunehmen, so dürfen wir nicht davon absehen, daß diese Aktion Deutschlands eine Antwort auf die kurz vorher erfolgte Verletzung unserer Neutralität und Integrität durch die Engländer darstellte. Daher ist England der Schuldige an unserer heutigen Lage. England trägt auch die Verantwortung für das norwegische Blut, das jetzt fließt.“

Auch auf die deutsche politische Emigration wirkte sich die neue Linie aus. Bei Kriegsbeginn wurden die meisten deutschen und österreichischen Emigranten in Frankreich interniert und die deutschen Kommunisten – die in den ersten Kriegstagen noch vom antifaschistischen Charakter des Krieges ausgingen – traten auf Anweisung des Pariser Sekretariats des ZK der KPD freiwillig den Weg in die Internierung an (bei den Parteisäuberungen in der SED ab 1950 wurde diese „Abweichung“ als Material gegen Paul Merker und Franz Dahlem verwendet). Die Presse der Kommunisten und Fellow-Traveller wurde verboten, legal blieben die Presseorgane, die sowohl antinazistisch als auch antisowjetisch waren. Als Sprachrohre für die deutschsprachige kommunistische Propaganda außerhalb der Sowjetunion verblieben die Monatszeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ (die deutsche Ausgabe wurde ab Herbst 1939 in Stockholm gedruckt) und die Wochenzeitschrift „Die Welt“.

In den Reaktionen der nichtkommunistischen deutschen Presse und Organisationen im Exil gab es bemerkenswerte Nuancen. Beim sozialdemokratischen „Neuen Vorwärts“ und beim rechtsliberalen „Neuen Tagebuch“ gab es einen Unterton der Genugtuung im Sinne von: „Wir haben schon immer gewußt, daß Bolschis und Nazis gut zusammenpassen.“ Bei den Linkssozialisten dagegen – etwa bei der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), „Neu Beginnen“ oder bei der Gruppe von Willi Münzenberg (der in Moskau in Ungnade gefallene „rote Hugenberg“ hatte seit 1938 mit französischen Subventionen die Zeitung „Die Zukunft“ herausgegeben, an der die späteren Kalten Krieger Arthur Koestler und Manès Sperber mitarbeiteten) – führte die Wendung der kommunistischen Politik zu einem Aufschrei. Für sie war der Antifaschismus der kleinste gemeinsame Nenner mit der Sowjetunion und der Komintern (nachdem die sowjetischen Säuberungen und die Schmutzkampagnen der kommunistischen Presse gegen die linke Konkurrenz – nach der Devise „Jeder Kritiker ein Trotzkist, jeder Trotzkist ein Gestapoagent“ – das Verhältnis zwischen dem offiziellen Kommunismus und den linken Splittergruppen bereits nachhaltig vergiftet hatten).

Jetzt mußten sie feststellen, daß der Antifaschismus für die Sowjetunion keine Sache des Prinzips war und daß auch für die kommunistischen Parteien außerhalb der Sowjetunion der Antifaschismus im Zweifelsfall der Moskauer Staatsräson untergeordnet war (für den sowjetischen Staat gab es gute Gründe für den Hitler-Stalin-Pakt: der Zweifrontenkrieg mit einem 1937/38 dezimierten Offizierskorps gegen Deutschland und Japan wurde so vermieden, gleichzeitig bekam die SU durch das Geheime Zusatzprotokoll zum Pakt die Möglichkeit zur Expansion ohne Krieg; die intensiven deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen nutzten beiden Staaten). Der Hitler-Stalin-Pakt erleichterte die sich ab 1939 vollziehende Annäherung von Linkssozialisten und rechten Sozialdemokraten. Gleichzeitig wurden Verbindungen von Linkssozialisten und Sozialdemokraten zu westlichen Geheimdiensten und Propagandadienststellen geknüpft und bereits bestehende Verbindungen verstärkt.

Diese Verbindungen dürften 1945 nicht plötzlich zu Ende gewesen sein. Unter Schumacher und Ollenhauer bestand ein Drittel des SPD-Vorstands aus London-Emigranten, die für das OSS und britische Dienste gearbeitet hatten; im Kalten Krieg sprach die SED-Propaganda nicht zu Unrecht davon, daß anglo-amerikanische Agenten die Politik von SPD und DGB bestimmten. Die Grundlagen für die in der Zeit des Kalten Krieges bestehende internationale antikommunistische Front unter Einbeziehung früherer Linkssozialisten (z. B. Willy Brandt, Rix Löwenthal und George Orwell), Kommunisten (z. B. Koestler und Sperber) und Trotzkisten (z. B. James Burnham, Melvin Lasky und Irving Kristol) sind Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre geschaffen worden.

In der „Kommunistischen Internationale“ und der „Welt“ trugen auch die deutschen Kommunisten zur Polemik gegen die Sozialdemokraten bei. An Stelle des NS-Regimes traten als Hauptfeinde die „Thyssen-Klique“ und ihre Helfershelfer aus den Reihen der sozialdemokratischen und katholischen Führer. Hitlers einstiger Gönner Fritz Thyssen war der einzige deutsche Großkapitalist, der sich 1939 von Hitler losgesagt hatte: Er floh bei Kriegsbeginn in die Schweiz, Anfang 1940 folgten seine Ausbürgerung und die Beschlagnahmung seines Vermögens.

„Die Welt“ veröffentlichte in ihrer Nummer 6 von 1940 (9. Februar 1940) einen Aufsatz von Walter Ulbricht „Hilferding über den ‚Sinn des Krieges‘“, dessen ideologische Linie den Sinn hatte: mit den nationalsozialistischen Werktätigen für die deutsch-sowjetische Freundschaft, gegen den englischen Imperialismus, gegen „die Thyssen-Klique und ihre Freunde in den Reihen der sozialdemokratischen und katholischen Führer in Deutschland“. Ulbricht polemisierte gegen Hilferding, der im „Neuen Vorwärts“ dafür eingetreten war, den Sieg Englands und Frankreichs rückhaltlos zu bejahen. Der englische Imperialismus war für Ulbricht „die reaktionärste Kraft in der Welt“. „Der englische Imperialismus stellte sein reaktionäres Wesen aufs Neue unter Beweis, indem er den Vorschlag Deutschlands, der von der Sowjetregierung unterstützt wurde, auf Beendigung des Krieges, ablehnte…“

Ulbricht kritisierte die nationale Unterdrückung im sogenannten „Großdeutschland“, denn „ohne die nationale Unterdrückung würden die Volksmassen Österreichs und der Tschechoslowakei entschlossener gegen den englischen Plan kämpfen“. „Das werktätige Volk Deutschlands kämpft heroisch gegen die Unterdrückung und Ausbeutung der Werktätigen durch das gegenwärtige Regime in Deutschland, weil diese terroristische Herrschaft dem deutschen Volk schwersten Schaden bringt und Deutschland in der Welt diskreditiert, weil es damit die Widerstandskraft des deutschen Volkes schwächt und damit der Reaktion in England und Frankreich hilft, das eigene Volk über die wahren Kriegsziele des englischen Imperialismus hinwegzutäuschen.“ Unterdrückung und Ausbeutung im NS-Staat waren für Ulbricht also nicht mehr an sich bekämpfenswert, sondern weil sie das Reich im Kampf gegen England schwächten.

Ulbricht machte auch klar, daß der Hauptfeind nicht das Hitlerregime, sondern die Gegner des Hitler-Stalin-Paktes waren: „nicht nur die Kommunisten, sondern auch viele sozialdemokratische Arbeiter und nationalsozialistische Werktätige“ sähen „ihre Aufgabe darin, unter keinen Umständen einen Bruch des Paktes zuzulassen. Wer gegen die Freundschaft des deutschen und des Sowjetvolkes intrigiert, ist ein Feind des deutschen Volkes und wird als Helfershelfer des englischen Imperialismus gebrandmarkt. Im werktätigen Volke Deutschlands verstärken sich die Bemühungen, die Anhänger der Thyssen-Klique, dieser Feinde des sowjetisch-deutschen Paktes aufzudecken. Vielfach wurde die Entfernung dieser Feinde aus der Armee und dem Staatsapparat und die Konfiszierung ihres Eigentums gefordert.“

Von der „Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft“ in London (bestehend aus den Revolutionären Sozialisten Österreichs, dem ISK, „Neu Beginnen“ und der SAP) wurde Ulbrichts Artikel so interpretiert: „die KPD-Stellen werden mit der Gestapo keinen ‚Block bilden‘, d.h. nicht mit ihr in direktem Briefverkehr treten; sie werden die Gegner des Russenpakts nur ‚aufdecken‘, d.h. öffentlich angreifen und dabei die Gestapo kritisieren, daß sie nicht schon lange zugeschlagen hat. Die Gestapo wird sich nicht lange bitten lassen…“ Für die Londoner Linkssozialisten (und künftigen anglo-amerikanischen Agenten) bedeutete dies: „nachdem sie (die KPD-Führung) jedes Band der politischen Gemeinsamkeit mit den Gegnern der Hitlerschen Kriegspolitik zerrissen hat, zerreißt sie öffentlich und in aller Form auch das Band der Solidarität!“ Dies war für die Linkssozialisten „der Schritt über die Grenze, der eine, wenn auch entartete, Organisation der Arbeiterbewegung von einer reinen Auslandsabteilung der GPU trennt.“

Besondere Komplimente an die Adresse der Sozialdemokraten richtete Genosse Kurt Funk, der nach 1945 unter seinem richtigen Namen Herbert Wehner eine steile Karriere machen sollte. Im Januar 1940 veröffentlichte Wehner in der Zeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ einen Artikel („Betrachtungen zu einer Nummer ,Neuer Vorwärts‘“), in dem er die Imperialisten Englands und Frankreichs als die „wahren Aggressoren“ entlarvte. Im schönsten VB-Stil zog er über „die ehemaligen Führer der deutschen Sozialdemokratie im Solde des englischen Imperialismus“, „die im Solde des englischen Imperialismus Kriegshetze betreibenden ehemaligen Führer der deutschen Sozialdemokratie“, „die sozialdemokratischen Soldschreiber des englischen Imperialismus“ her. „Der englische Imperialismus greift …nach ihnen und benützt sie…als Zersetzungsfaktoren, weil die anglo-französischen Vorherrschaftspläne in Europa wenig Aussicht auf Verwirklichung haben, wenn es nicht gelingt, die deutsch-sowjetische Freundschaft zu zerstören.“ „Der im Solde des anglo-französischen Imperialismus stehende Hilferding“ war für Wehner ein „volks- und landesverräterischer Agent“.

Sowohl Walter Ulbricht als auch Herbert Wehner haben in den Nachkriegsjahrzehnten Sammlungen ihrer alten Reden und Aufsätze veröffentlicht. Natürlich waren dort weder „Hilferding über den ‚Sinn des Krieges‘“ noch die „Betrachtungen zu einer Nummer ,Neuer Vorwärts‘“ enthalten.

Die „Frankfurter Zeitung“, die als publizistisches Aushängeschild des „Dritten Reiches“ mit größerer Offenheit schreiben konnte als andere deutsche Zeitungen, machte am 29. August 1939 bemerkenswerte Ausführungen über die Voraussetzungen der deutsch-sowjetischen Annäherung:

„Was die Sowjetunion anlangt, haben während der jüngstvergangenen Jahre wesentliche Veränderungen sowohl in ihrer Struktur wie in der Besetzung der führenden Stellen stattgefunden. Wir müssen sie jetzt als unvermeidliche Voraussetzungen für die historische Entwicklung ansehen. Die Entfernung der Oberschicht, die unter dem Namen Trotzkisten bekannt war, und die mit dieser Begründung aus dem sozialen Leben der Sowjetunion ausgeschaltet wurde, war zweifellos ein wesentlicher Faktor in der Annäherung zwischen Deutschland und der Sowjetunion.“

Erstveröffentlichung am 1. Dezember 2004 in der Berliner Umschau