Länderschacher wie auf dem Wiener Kongreß: August Thalheimer – Kommunist der ersten Stunde und Gegner der Potsdamer Beschlüsse

Von Hans-Werner Klausen

1. August Thalheimer über die Potsdamer Beschlüsse

Eine allgemein verbreitete Phrase ist die vom „deutschen Sonderweg“. Einen „deutschen Sonderweg“ gibt es allerdings tatsächlich, und das ist der Glaube „links“ und „national“ (damit ist nicht „chauvinistisch“ oder „rassistisch“ gemeint – Anmerkung für Esel) schlössen einander aus. Dieser „deutsche Sonderweg“ ist allerdings ein Holzweg und es gab nach dem Ende des NS-Staates viele Linke, die durchaus nicht auf dem Boden dieses Glaubenssatzes standen. Zu den Zeugnissen gegen das antinationale Dogma gehört die Broschüre „Die Potsdamer Beschlüsse. Eine marxistische Untersuchung der Deutschlandpolitik der Großmächte nach dem zweiten Weltkrieg“, die August Thalheimer im Sommer 1945 im kubanischen Exil schrieb und die anschließend in Deutschland illegal verbreitet wurde.

Thalheimer sah in den Potsdamer Beschlüssen einen Kompromiß, den die sozialistische Sowjetunion mit den imperialistischen Mächten USA und Großbritannien geschlossen hatte. Thalheimer bestritt angesichts des internationalen Kräfteverhältnisses nicht die Notwendigkeit von Kompromissen, doch kritisierte er, daß solche Kompromisse gegenüber dem russischen Volk und der internationalen Arbeiterklasse als große Siege angepriesen wurden, und daß auch die kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Ländern und im besetzten Deutschland darauf festgelegt wurden. Thalheimer charakterisierte die Art und Weise des Zustandekommens der Potsdamer Beschlüsse als Geheimdiplomatie und Diktat. (Tatsächlich beweisen sowohl die Konferenzprotokolle als auch die Memoiren von Akteuren, daß sich bei den Gipfel- und Außenministerkonferenzen über das Schicksal Europas und des Fernen Ostens ein Länderschacher wie auf dem Wiener Kongreß abgespielt hatte). „Die Nazis sind geschlagen; aber ihre Methode, nämlich diktatorisch mit Staaten, Völkern und Individuen zu schalten und zu walten, ist von den Siegern übernommen“.

Anschließend zerpflückte Thalheimer die scheinheiligen Argumente von der „Kollektivschuld“ aller Deutschen. Diese „Schuld- und Sühneformel…soll die allgemeine Begründung der Behandlung sein, die dem deutschen Volk…zuteil wird und zuteil werden soll. Diese Formel ist auf einer dreifachen Lüge aufgebaut“. „Erstens ist sie wirklich unwahr. Zweitens ist der wirkliche Grund der Besetzung und der Strafmaßnahmen gegen das deutsche Volk das gerade Gegenteil des vorgegebenen Grundes. Drittens werden alle Bußprediger von ihren eigenen Handlungen widerlegt.“ Die Behauptung vom blinden Gehorsam werde durch den Widerstand der Arbeiterklasse widerlegt, denn die Konzentrationslager dienten dazu, diesen Widerstand zu brechen oder im Keim zu ersticken. Die Handlungen, die die Alliierten als Bußprediger selbst widerlegten, waren nach Meinung Thalheimers bei den Westalliierten der Beistand für die Rettung der Bourgeoisie, der Junker und des Militarismus vor der proletarischen Revolution nach dem Zusammenbruch 1918 und die zeitweilige direkte und indirekte Unterstützung des internationalen Faschismus.

Der SU hielt Thalheimer ihren „wesentlichen Anteil an der Schuld für den Sieg des Nazismus dank der verhängnisvollen Taktik – charakterisiert durch das Stichwort ‚Sozialfaschismus‘“ vor. Die eigentliche Funktion der Schuld- und Sühneformel lag für Thalheimer darin, das tatsächliche Motiv der Besetzung zu verbergen. Während des Krieges war die politische Kriegführung der Westalliierten auf ein doppeltes Ziel abgestellt: Deutschland als stärksten kapitalistischen Konkurrenten auszuschalten und gleichzeitig die sozialistische Revolution in Deutschland zu verhindern. Um letzteres zu erreichen, stellte man die Forderung der „bedingungslosen Kapitulation“, die nicht nur für die Nazis galt, sondern für jedes antinazistische Regime. Der Krieg war von Seiten der Westmächte „ein Krieg gegen den Imperialismus in Deutschland und gegen die sozialistische Revolution in Deutschland“.

Die Nachkriegspolitik ist für Thalheimer eine Fortsetzung dieses Krieges mit anderen Mitteln. Zur Verhinderung der Revolution wurden auch eine Kriegsverlängerung und erhöhte Opfer an Menschen und Geld in Kauf genommen. „Eine Revolution ist unmöglich, wenn sie nur die Aussicht eröffnet auf Zerstückelung und Versklavung des Landes“. Die Forderung der bedingungslosen Kapitulation verhinderte, „daß die große Masse der Arbeiter sich mit der Masse der gemeinen Soldaten verband zum Sturz des Regimes“. Die Repräsentanten der SU waren an dieser politischen Kriegführung beteiligt. „Sie können sich vielleicht damit entschuldigen, daß der Koalitionskrieg sie zwang, mit den imperialistischen Wölfen zu heulen; aber sie haben keine Befugnis, als Ankläger oder Bußprediger gegenüber der deutschen Arbeiterklasse aufzutreten.“

Zur Versicherung, die Alliierten würden nicht die Vernichtung oder Versklavung des deutschen Volkes beabsichtigen, meinte Thalheimer: „Was ist Versklavung, wenn es nicht die Vernichtung des Staates, die Errichtung einer fremden Militärdiktatur über das Land, wenn es nicht das ist, daß das Land verstümmelt und gevierteilt wird, daß es ökonomisch entmündigt und in seiner Entwicklung um 100 Jahre zurückgeworfen wird und daß Millionen Menschen von Haus und Hof vertrieben oder zur Zwangsarbeit geführt werden? Wenn das nicht Versklavung ist, was bedeutet das Wort dann?“

Thalheimer ließ sich von den Phrasen über die Einheit der „großen Drei“ nicht täuschen. Er sah die sich aus den unterschiedlichen Gesellschaftssystemen ergebenden Interessengegensätze der Besatzungsmächte, die natürlich versuchen würden, ihr Besatzungsgebiet in ihr System zu integrieren. Die Beschlüsse über „Demokratisierung“ und „Dekartellisierung“ würden zwangsläufig von den Westmächten anders ausgelegt werden als von der Sowjetunion. Gerade die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungsgebiete, wo jede Besatzungsmacht tun und lassen konnte was sie wollte, bewiesen das Vorhandensein unvereinbarer Gegensätze, denn wenn es eine einheitliche Auffassung über Beweggründe und Ziele der Okkupation gäbe, dann wären einheitliche und gemeinsame Regierung und Verwaltung des Landes von selbst gegeben.

Für das Verhalten von Revolutionären gegenüber den Besatzungsbehörden gab Thalheimer die allgemeine Richtschnur, „daß sie den revolutionären Interessen der deutschen Arbeiterklasse dienen müssen und nicht der Unterwerfung unter die Ziele der Okkupationsmacht“. Dazu hielt Thalheimer den Aufbau politischer und gewerkschaftlicher Organisationen, die von den Okkupationsmächten wirklich unabhängig sind, für notwendig. „Kein wirklicher Revolutionär kann sich zur Verfügung stellen für Regierungs- oder Verwaltungsfunktionen im Dienste der Besatzungsmächte.“ Thalheimer war der Meinung, daß Deutschland von den objektiven Bedingungen her reif für die sozialistische Revolution sei und hielt die deutsche sozialistische Räterepublik für die einzig mögliche Form einer lebensfähigen Demokratie in Deutschland. Zur Politik gegenüber der Jugend meinte Thalheimer: „Die nazistische Ideologie, die Wurzeln geschlagen hat in breiten Schichten der Jugend aller Klassen, kann man nicht überwinden mit einer pazifistischen und scheindemokratischen Suppe, serviert von einer fremden Militärdiktatur.

Da man aber auch nicht einfach diese Jugend ausrotten kann, kann man sie mit den jetzigen Methoden höchstens zum Schweigen bringen, sie zur Heuchelei erziehen oder auf andere Weise verkrüppeln. Der wertvollste und wichtigste Teil dieser Jugend sind die jungen Menschen, die von dem falschen revolutionären und sozialistischen Schein der Naziideologie irregeführt worden sind. Der Nationalismus, der auf der Unterdrückung und Ausbeutung fremder Nationen beruhte, kann nur überwunden werden, wenn die arbeitenden Klassen in Verbindung mit dem Kampf um die soziale Befreiung auch den Kampf für die nationale Freiheit des eigenen Volkes und anderer Länder aufnehmen.“ Das Dilemma der imperialistischen Westmächte beschrieb Thalheimer mit den Worten: „entweder einen lebensfähigen bürgerlichen Staat in Deutschland wieder zu errichten, das bedeutet jedoch unbedingt die Wiedererrichtung des deutschen Imperialismus und Militarismus, oder auf einen lebensunfähigen bürgerlichen Staat abzuzielen, das bedeutet jedoch, daß man für das deutsche Volk keinen anderen Weg offen läßt, als die sozialistische Revolution.“ (Bekanntlich haben sich die USA im Kalten Krieg für das erstere entschieden.)

Die ökonomischen Bestimmungen der Potsdamer Beschlüsse kennzeichnete Thalheimer als Aufteilung in vier ökonomische Kolonialgebiete. Für das durchschnittliche Lebensniveau ist nur eine obere Grenze festgelegt, während die untere Grenze unbestimmt ist. Der Abschnitt über Schadenersatz ist für Thalheimer eine Regelung der Ausplünderung Deutschlands: „1. Jede Besatzungsmacht kann von ihrem eigenen Gebiet wegtransportieren was sie will. 2. Die Russen können darüber hinaus 25% der noch brauchbaren Maschinen von den westlichen Zonen nehmen, davon 10% auf Reparationskonto und 15% auf Gegenleistungen. Es ist also keine Grenze für die Ausplünderung Deutschlands gesetzt, sondern nur für die Ausplünderung der Siegerherren untereinander. Das was hier geschehen ist und noch geschieht, ist ein würdiges Gegenstück zur Ausplünderung Europas durch die Nazis.“ Der Kampf für die elementarsten Lebensbedürfnisse und Rechte der Werktätigen, der nur gegen die Besatzungsbehörden und gegen die deutschen Kapitalisten – nicht mit ihnen – geführt werden könne, müsse „mit Naturnotwendigkeit revolutionären Charakter annehmen und sich verschmelzen mit dem Kampf für die Befreiung des Landes von der Fremdherrschaft“.

Besonders scharfe Worte fand Thalheimer für die Abtrennung der deutschen Ostgebiete und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Unter der Überschrift „Der Landraub“ schrieb Thalheimer: „Die Russen erhalten Königsberg und Umgebung; die Polen erhalten die Gebiete zur ‚Verwaltung‘, die die Russen ihnen bereits faktisch abgetreten haben. Bei ihrem Vormarsch hat die Rote Armee mit den dazu geeigneten Mitteln diese Gebiete von deutscher Bevölkerung gesäubert. Alle sind sich darüber klar, daß hiermit vollendete Tatsachen geschaffen sind, und daß die kommenden Friedensbedingungen und ihre Annahme nur Theater sein werden. Alle wissen auch, daß es sich mit Ausnahme eines kleinen Gebiets in Oberschlesien um Landgebiete mit deutscher Bevölkerung handelt. Es handelt sich also ganz einfach um Landraub. Es lohnt nicht, der Entschuldigung viele Worte zu widmen, daß es sich um früher polnische (oder andere slawische) Gebiete handelt. Nach diesem Prinzip könnte man ganz Deutschland unter die Slawen und die Kelten aufteilen.“

Unter der Überschrift „Ein besonders dunkles Kapitel“ schrieb Thalheimer: „Es ist jetzt bekannt, daß Millionen Deutscher aus Ostdeutschland, dem Sudetenland und Ungarn mit dem barbarischsten Methoden von Haus und Hof verjagt worden sind. Ihre überwiegende Mehrheit sind natürlich deutsche Arbeiter, Landarbeiter, Kleinbauern, Handwerker. Nach einem Ersuchen der englischen und amerikanischen Repräsentanten, die ‚ihre‘ Gebiete von solchen Flüchtlingen überschwemmt sahen, wurde in Potsdam – im Hinblick auf eine ‚humane und geordnete Durchführung‘ – ein vorläufiges Verbot gegen weitere gewaltsame Vertreibungen erlassen. – Welche Schande für alle Siegermächte, die diese Barbarei durchgeführt oder zugelassen haben! “ (Hervorhebung im Original)

Wer die Gebietsabtrennungen im Osten, die Vertreibung der deutschen Werktätigen oder die alliierte Kriegs- und Nachkriegspolitik heute so charakterisieren würde wie Thalheimer in seiner Schrift, der würde von unseren Gesinnungspolizisten sowohl rosa-grüner als auch „linker“ Couleur unweigerlich als „Geschichtsrevisionist“, „geistiger Brandstifter“, „Revanchist“ oder „Nazi“ verdammt werden. Wer war der Autor dieser Schrift, der vor Hitler aus Deutschland geflohen war und dem die Besatzer nach 1945 die Rückkehr in seine Heimat verwehrten?

2. Thalheimer im Urteil von Zeitgenossen

Hier zunächst drei Urteile von Zeitgenossen über Thalheimer: Fenner Brockway, englischer Sozialist: „Thalheimer sieht aus wie ein Universitätsprofessor oder Arzt: groß, distinguiert, weißhaarig, gut gekleidet, kultiviert, höflich. Er war einer der Verfasser der ersten Thesen der Kommunistischen Internationale, und seine Äußerungen sind immer noch Thesen – klare Analysen und Aufstellungen von Prinzipien, aber oft ohne Bezug zu den Tatsachen und Kräften der Wirklichkeit.“

M. N. Roy, indischer Revolutionär: „meine Beziehung zu August Thalheimer war vom ersten Augenblick an persönliche Freundschaft. Er war eher ein Gelehrter als ein Revolutionär, obwohl seine Hingabe an die Sache der sozialen Befreiung keineswegs dilettantisch war. Aber mit dieser Fähigkeit hätte er es in einer Hochschullaufbahn weit gebracht…Oft war Thalheimer von den Sitzungen des Politbüros abwesend. Aber wir wußten, wo er zu finden war. Er saß dann in einem kleinen Café mit einem Glas Bier, das niemals leergetrunken wurde, und war in irgendein Problem höherer Mathematik vertieft. Aber die Erinnerung an die Pflicht riß ihn aus dem Traumland der Abstraktion, und sein Verstand wandte sich den Problemen der Theorie und Praxis mit gleicher Scharfsinnigkeit zu. Außer Mathematik war auch Philologie ein Gegenstand seiner Studien, und er wurde in akademischen Kreisen als eine Autorität für Panini erkannt. Von Bucharin abgesehen war er der beste Theoretiker der internationalen kommunistischen Bewegung und behielt diesen Ruf sogar nach seinem Parteiausschluß.

Rosa Meyer-Leviné, Witwe des führenden KPD-Funktionärs Ernst Meyer, nennt ihn einen „belesenen Marxisten und kühnen Revolutionär“, aber „nie einen Mann der Tagespolitik“.

3. Sozialdemokrat und Parteikommunist

August Thalheimer, der am 18. März 1884 im württembergischen Affaltrach als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde, studierte ab 1902/03 zuerst Medizin, dann Sprachwissenschaft und Völkerkunde, und promovierte 1907. Seit 1904 (nach anderen Angaben seit 1910) Sozialdemokrat, schloß er sich dem radikalen linken Flügel an. Wegen seiner radikalen Positionen wurde er 1912 als Chefredakteur des Parteiorgans „Freie Volkszeitung“ in Göppingen abgesetzt. In dieser Zeit begann er, eng mit Karl Radek zusammenzuarbeiten. 1916 gehörte er zu den Mitbegründern der „Spartakusgruppe“, vom Gründungsparteitag der KPD bis Anfang 1924 gehörte er der Zentrale der neuen Partei an.

Mit Heinrich Brandler, einem gelernten Maurer, der während des Ersten Weltkriegs zusammen mit Fritz Heckert die Chemnitzer Linken geführt hatte, verband ihn seit 1919 eine menschliche und politische Freundschaft, die bis an Thalheimers Lebensende halten sollte. Thalheimer wurde bald der führende theoretische Kopf der neuen Partei, was sich darin ausdrückte, daß er Redakteur des theoretischen Organs „Die Internationale“ und zeitweilig Chefredakteur des Zentralorgans „Die Rote Fahne“ war. 1921 lieferte er mit der „Offensivtheorie“ die theoretische Rechtfertigung der putschistischen „Märzaktion“, danach stand er in den politischen Auseinandersetzungen im deutschen Kommunismus immer auf dem rechten Flügel. Ende 1922 übernahm Heinrich Brandler die Führung der Partei; in dieser Parteiführung war Brandler der Organisator und Thalheimer der Kopf, deshalb sprach man auch von der „Brandler-Thalheimer-Zentrale“. Nach dem gescheiterten Revolutionsversuch vom Herbst 1923 wurden Brandler, Thalheimer und Radek als Sündenböcke in die Wüste geschickt.

Da gegen Brandler und Thalheimer in Deutschland Haftbefehle ausgestellt waren und beide keine Abgeordnetenmandate hatten, lebten sie seit 1924 in Moskau, wo sie „kominterniert“ wurden und als Mitglieder der KPdSU lebten. Anfang 1925 forderte die deutsche Parteizentrale unter Ruth Fischer den Parteiausschluß Brandlers und Thalheimers, die Russen begnügten sich mit der Androhung des Ausschlusses. Thalheimer arbeitete in Moskau im Marx-Engels-Institut und war Professor an der Sun-Yat-sen-Universität (einer Ausbildungsstätte für chinesische kommunistische Kader, unter ihnen Deng Xiaoping). Aus einer an dieser Universität gehaltenen Vorlesungsreihe ging das 1928 erschienene Buch „Einführung in den dialektischen Materialismus“ hervor. 1926 endete die jahrelange enge Zusammenarbeit von Brandler und Thalheimer mit Radek, der sie für die Unterstützung des Blocks Trotzki-Sinowjew gewinnen wollte.

Brandler und Thalheimer hielten die Politik Stalins und Bucharins für richtig, außerdem hatten sie eine tiefe Abneigung gegen Sinowjew, mit dessen selbstherrlichen Führungsstil in der Komintern sie schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Nachdem infolge einer Amnestie die Ermittlungsverfahren gegen die Mitglieder der KPD-Zentrale von 1923 eingestellt worden waren, kehrte Thalheimer im Mai 1928 nach Berlin zurück. Da Brandler, Thalheimer und ihre politischen Freunde sich dem 1928 eingeleiteten „Linkskurs“ von KPD und Komintern widersetzten und sich als Fraktion organisierten, wurden sie Ende 1928/Anfang 1929 aus der Partei hinausgesäubert.

4. Kommunistischer Häretiker

Zur Jahreswende 1928/29 gründeten die „Rechten“ die Kommunistische Partei Deutschlands-Opposition (KPO). Zentralorgan der KPO war die „Arbeiterpolitik“, theoretisches Organ „Gegen den Strom“. Auch aus anderen Sektionen der Komintern wurden 1929 und 1930 „Rechte“ hinausgesäubert. Die Organisationen der „Rechten“ bildeten 1930 die „Internationale Vereinigung der Kommunistischen Opposition“ (IVKO). Mit Ausnahme Schwedens und des Elsaß, wo die „Rechten“ die Mehrheit der Partei auf ihrer Seite hatten und bis Mitte der dreißiger Jahre stärker als die Kominternsektionen waren, handelte es sich überall um kleine Kaderorganisationen.

Die KPO hatte niemals mehr als 6000 Mitglieder (es gibt auch niedrigere Schätzungen), unter denen jedoch viele der erfahrensten kommunistischen Gewerkschafter und Kommunalpolitiker waren. 1932 verließen viele Mitglieder die KPO und gingen zur von der SPD abgespaltenen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Die KPO wandte sich gegen die von der KPD betriebene Spaltung der Gewerkschaften, Arbeitersportverbände und proletarischen Kulturorganisationen, gegen die Sozialfaschismustheorie der KPD, gegen die Kapitulationspolitik der SPD und warb (erfolglos) für eine proletarische Einheitsfront gegen die NSDAP. Thalheimer versuchte eine Faschismustheorie zu formulieren, die sich an Marx‘ Bonapartismustheorie anlehnte. Da die linken Splittergruppen die von der NSDAP ausgehende Gefahr realistischer eingeschätzt hatten als KPD und SPD und die Staatsmacht sich nach der Machtergreifung Hitlers zuerst auf die Zerschlagung der beiden Großparteien konzentrierte, konnten sich die Kaderorganisationen (KPO, SAP, ISK, Neu Beginnen u.a.) schneller auf die Illegalität umstellen als die beiden Großparteien. Im Verhältnis zu ihren kleinen Mitgliederzahlen entfalteten die Splittergruppen in den ersten Jahren der NS-Herrschaft eine überdurchschnittliche Aktivität im Widerstand.

Brandler und Thalheimer gingen 1933 ins französische Exil, bildeten dort zusammen mit ihrem Genossen Borochowicz das Auslandskomitee der KPO und das Büro der IVKO, die ab 1935 im wesentlichen auf die Deutschen und die US-Amerikaner (unter dem späteren CIA-Agenten Jay Lovestone) zusammengeschmolzen war, und gaben ab 1936 das IVKO-Organ „Der internationale Klassenkampf“ (erschien bis zum Frühjahr 1939 vierteljährlich) heraus. Die IVKO lehnte die Volksfrontpolitik mit bürgerlichen Kräften ab und unterstützte im spanischen Bürgerkrieg die POUM. Gegenüber der KPdSU vertraten Brandler, Thalheimer und Lovestone bis Anfang 1937 eine Politik der gegenseitigen Nichteinmischung; sie unterstützten Stalins Innenpolitik einschließlich der Kollektivierung und der ersten Schauprozesse.

In ihren Augen waren Stalins Methoden für entwickelte Industrieländer ungeeignet und für Rußland gut genug. Nach der Zerschlagung der POUM (Mai 1937) und der Liquidierung Tuchatschewskis (Juni 1937) wandte sich die IVKO gegen Stalins Innenpolitik; der Prozeß gegen Bucharin (mit dem Thalheimer in seiner Moskauer Ehrenverbannung freundschaftlich verbunden war) im März 1938 wurde von der IVKO eindeutig verurteilt. Ende 1938 kam es zum Bruch Brandlers und Thalheimers mit den Amerikanern, die sich zunehmend von den kommunistischen Grundsätzen entfernten. Bei Kriegsausbruch wurden Brandler und Thalheimer als feindliche Ausländer interniert. 1941 gelang ihnen die Ausreise aus dem unbesetzten Frankreich nach Kuba. Mehrere Verwandte Thalheimers kamen in der Shoah ums Leben.

5. Kubanisches Exil und Nachkriegszeit

Da Brandler und Thalheimer die nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wiederbelebte Volksfrontlinie weiterhin ablehnten (die KP Kubas befand sich damals in einer Volksfront mit Batista), waren sie in der kleinen deutschen Emigrantenkolonie völlig isoliert. Thalheimer lebte von Sprachunterricht, Übersetzungen und bescheidenen Unterstützungen durch Verwandte seiner Frau und politische Freunde. Brandler und Thalheimer bemühten sich um die Wiederaufnahme politischer Verbindungen zu den in alle Welt verstreuten KPO-Genossen im Exil. Nach dem Ende des NS-Regimes wurden auch wieder Verbindungen zu Genossen in Deutschland hergestellt. Da Thalheimers Broschüre über die Potsdamer Beschlüsse auch von den „zuständigen Stellen“ gelesen wurde, ist es nicht verwunderlich, daß Brandler und Thalheimer von den Besatzern die Rückkehr nach Deutschland verwehrt wurde.

Ab Juli 1945 schrieb Thalheimer „Monatliche politische Übersichten“, die über London und Kopenhagen nach Deutschland gelangten und mit denen die Genossen über weltpolitische Entwicklungslinien und ihre Auswirkungen auf Deutschland informiert werden sollten. Zusammen mit Thalheimers Broschüre über die Potsdamer Beschlüsse wurden die Übersichten in Deutschland illegal verbreitet; eine legale publizistische Betätigung war bis 1949 an Lizenzen durch die jeweilige Besatzungsmacht gebunden und eine Lizenzierung lehnten die Brandleristen aus prinzipiellen Gründen ab. Die KPO-Genossen in den Westzonen legten ihrer politischen Tätigkeit die Analysen Thalheimers zugrunde und organisierten sich in der „Gruppe Arbeiterpolitik“.

Die Genossen in der Ostzone hielten viele Einschätzungen Thalheimers für richtig, doch wollten sie am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft mitwirken und traten deshalb der KPD und SED bei. Sie wollten gegenüber der Besatzungsmacht so weit wie möglich die Interessen der deutschen Arbeiterklasse vertreten und die Vertreter der Besatzungsmacht durch kameradschaftliche Diskussionen von der Falschheit der Reparations- und Demontagepolitik überzeugen. Dies war ein Irrtum, denn die Sowjetunion wollte in Mittel- und Osteuropa (sowohl in den befreiten und verbündeten Ländern wie Polen oder Jugoslawien als auch in den besiegten Feindstaaten wie Deutschland, Ungarn oder Rumänien) keine Partner, sondern Vasallen. Ein Teil der früheren Brandleristen ordnete sich in der SED völlig ein, andere unterhielten weiterhin politische Verbindungen zu Genossen in Westdeutschland. Diese wurden ab 1947 aus der SED hinausgesäubert und 1948 setzten Verhaftungen ein.

Alfred Schmidt etwa, Kommunist seit 1919, Gründungsmitglied der KPO, 1934 für zwei Monate und dann erneut von 1935 – 1939 in politischer Haft, danach illegal gegen das NS-Regime tätig, wurde 1945 Landesleiter der IG Nahrung, Genuß und Gaststättengewerbe. Da er seine kritische Einstellung zur Politik der SED und der Besatzungsmacht offen bekundete, wurde er 1947 aus der SED ausgeschlossen und seiner Gewerkschaftsfunktion enthoben. Als führender Kopf der Brandleristen in Thüringen wurde er 1948 verhaftet und bekam von einem Sowjetischen Militärtribunal 25 Jahre; davon verbüßte er 8 Jahre bis 1956 in Bautzen. Die sowjetische Besatzungsmacht bestrafte ihn damit für sein kommunistisches Engagement härter als der Klassenfeind.

August Thalheimer starb am 19. September 1948 in Havanna. Für die SED war er ein Renegat, im Westen wurde er vergessen. Nach der Studentenrevolte wurden seine Schriften zur Faschismustheorie wiedergelesen, mit dem Niedergang der „Neuen Linken“ verschwand dieses Interesse wieder. Die PDS versucht seit der Wende, Brandler und Thalheimer für ihre Tradition zu reklamieren. Ob die lebenslangen Kommunisten Brandler und Thalheimer mit der Vereinnahmung durch die „zivilgesellschaftlichen“ Neosozialdemokraten einverstanden wären, ist allerdings mehr als fraglich.

August Thalheimers Schrift „Die Potsdamer Beschlüsse. Eine marxistische Untersuchung der Deutschlandpolitik der Großmächte nach dem zweiten Weltkrieg“ ist nicht im Buchhandel erhältlich. Sie kann ebenso wie andere Broschüren der KPO bei der „Gruppe Arbeiterpolitik“ ( http://www.arbeiterpolitik.de) bestellt werden.

Erstveröffentlichung im Juli 2005 in der Berliner Umschau