„Wo ist die Meldung über die Verhaftung?“ – Genosse Kurt Funk, „trotzkistische Wühlarbeit“ und die kompetenten Organe: Ein neues Buch über „Herbert Wehner – Moskau 1937“


Sitz des sowjetischen Geheimdienstes; Bild: A. Savin; Lizenz: CC-by-sa 3.0

Von Hans-Werner Klausen

„Seit 1929 lebe ich mit Kurt zusammen – und ich kenne ihn nur so – er lebte buchstäblich nur für die Partei, wirklich nur für die Partei. Er arbeitete Tag und Nacht. Sonntag gab es bei uns nie. Er liebte die Partei. Er arbeitete freudig für die Partei. Kurt ohne Partei – unvorstellbar.“ So beschrieb Charlotte Treuber, die Moskauer Lebensgefährtin des KPD-Spitzengenossen Kurt Funk, der ab 1946 unter seinem bürgerlichen Namen Herbert Wehner eine steile Karriere machen sollte, im Jahre 1942 in einem Brief an Georgi Dimitroff den späteren „Zuchtmeister“ der SPD.

Absolute Hingabe an die Partei – diesem Charakterzug blieb Wehner auch treu, als ihn die alte Partei verstoßen hatte und er seine Fähigkeiten der SPD zur Verfügung stellte. Die Kehrseite davon war gnadenlose Härte gegenüber denen, die nach Wehners Auffassung durch politische Abweichungen oder charakterliche Mängel der Partei schadeten – sie mußten kaltgestellt und notfalls „ausgemerzt“ werden, und dies galt gegenüber Genossen in der KPD wie in der SPD (wer Parteifreunde hat, der braucht bekanntlich keine Feinde mehr). Hieraus – und nicht aus einem Komplott Wehners mit Honecker und Breshnew, wie die Witwe Seebacher-Brandt meint – dürfte sich auch erklären, weshalb Wehner seit 1973 an Willy Brandts Kanzlerstuhl sägte und 1974 die Ablösung Brandts als Kanzler betrieb, nachdem er vorher seit Ende der fünfziger Jahre Brandts Aufstieg gefördert hatte. „Onkel Herbert“ sorgte immer dafür, daß es ihm an Feinden nicht mangelte (der Rezensent kann sich aus dem Fernsehen noch an Wehners Pöbeleien erinnern und wenn ich mir das heutige politische Führungspersonal ansehe, dann sehnt er sich nach Wehner, Strauß und Schmidt zurück) und von der „National-Zeitung“ des Dr. Gerhard Frey bis zur Desinformation des MfS reichte das breite Spektrum derer, die dafür sorgten, daß Wehners kommunistische Vergangenheit nicht in Vergessenheit geriet.

Zu den vielen Wehner-Feinden gehörte Margarete Buber-Neumann, die Lebensgefährtin des KPD-Genossen Heinz Neumann (1929 – 1932 „Nummer zwei“ in der KPD-Führung, 1932 nach erfolglosen Intrigen gegen Thälmann aus der KPD-Führung entfernt, 1933 endgültig in Ungnade gefallen, 1937 in Moskau verhaftet und erschossen), die die Jahre 1938 – 1945 erst in sowjetischen und dann in deutschen Gefängnissen und Lagern verbracht hatte. Für ihre Feindschaft gegenüber Wehner hatte sie gleich zwei Gründe: Wehner war bei den Cliquenkämpfen in der KPD-Führung ein Gegner Neumanns; 1933 fiel ein Brief Neumanns an dessen Fraktionsfreund Remmele in Wehners Hände, Wehner leitete diesen Brief an die „zuständige Stelle“ weiter und trug damit zu Neumanns endgültigem Sturz bei. Noch in seinen 1946 geschriebenen autobiographischen „Notizen“ (1957 von Wehner an ausgewählte Politiker und Journalisten verteilt, Buber-Neumann kannte den Text), in denen Wehner ein geschöntes Bild seiner Tätigkeit als KPD-Funktionär zeichnet, kommt sein Haß gegen Neumann und Remmele („moralisch verkommene, hemmungslose Karrieristen“) zum Ausdruck. Zudem war Buber-Neumann eine heftige Gegnerin der sozialliberalen Ostpolitik. In einem „Brief an eine Kampfgefährtin in Paris“ (veröffentlicht im „Bayernkurier“) zog sie im Oktober 1972 gegen Wehner vom Leder und kam dabei auch auf seine Moskauer Jahre zu sprechen:

„Er macht in den ‚Notizen‘ kaum ein Hehl daraus, mit welcher Treue er für die Einhaltung der Stalinschen Generallinie gesorgt hat. Jeder Abweichler wurde aufgespürt, gefeuert und später, d. h. in Moskau, falls der Unglückliche das Pech hatte als Emigrant im ‚Vaterland des Weltproletariats‘ zu leben, schlicht und einfach denunziert. Als Wehner, wie aus den ‚Notizen‘ hervorgeht, vorübergehend in Moskau selbst in Gefahr geriet, hat er es meisterhaft verstanden, um seine eigene Haut zu retten, andere, also seine Genossen zu verdächtigen. Sie wurden von der NKWD geholt und verschwanden für immer…Aber glaubst Du nicht auch, daß es über diese Tätigkeit Wehners in Moskau ein umfangreiches Aktenstück gibt?“

Margarete Buber-Neumann starb im November 1989, Herbert Wehner im Januar 1990. So konnten beide nicht mehr erleben, wie sich Buber-Neumanns Verdächtigungen bestätigten. Reinhard Müller, bis 1989 Leiter von Bibliothek und Archiv der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte Hamburg, heute beim Hamburger Institut für Sozialforschung (Reemtsma-Institut), veröffentlichte 1993 den Band „Die Akte Wehner“ über Wehners Moskauer Jahre, der vorwiegend Dokumente aus Wehners Moskauer Kaderakte als Mitarbeiter des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) enthielt. Ein Jahr später übergab die Gauck-Behörde Wehner-Akten des MfS der Presse, darunter Kopien zweier Ausarbeitungen Wehners aus dem Jahre 1937, die 1967 vom KGB dem deutschen Bruderorgan zur Verfügung gestellt worden waren. Jetzt liegt eine neue Dokumentation von Reinhard Müller vor, in der es vor allem um Wehners Arbeit als „Trotzkismus“-Experte für das EKKI, die KPD-Führung und das NKWD geht.

Der 1906 geborene Wehner war nach einer anarchistischen Phase 1927 der KPD beigetreten und dort bald als „Berufsrevolutionär“ aufgestiegen. 1932 wurde er „Technischer Sekretär“ des Politbüros und kam damit in die nächste Umgebung Ernst Thälmanns. Bei den Macht- und Richtungskämpfen in den Jahren 1934 – 1935 stand er auf der Seite von Pieck und Ulbricht, die sich für eine Revision des ultralinken Kurses einsetzten, gegen die sektiererische Mehrheit des Politbüros (Schubert, Schulte, Florin und zunächst auch Dahlem). Auf der „Brüsseler“ Parteikonferenz im Oktober 1935 wurde er Mitglied des Zentralkomitees und Kanidat des Politbüros. Bei seinem Aufstieg kamen ihm seine Härte, sein Fleiß und seine rhetorische Begabung ebenso zugute wie sein phänomenales Gedächtnis (für das er auch als Sozialdemokrat bekannt war).

So erstellte er 1935 aus dem Gedächtnis eine Liste der führenden Genossen in den Bezirken während der Illegalität mit ca. 500 Namen. Bis zum Dezember 1936 lebte er meistens in Paris und Prag. Zu seinen Aufgaben gehörte sowohl die Anleitung einzelner Parteibezirke, als auch die Teilnahme an Verhandlungen mit bürgerlichen Intellektuellen, Sozialdemokraten und Angehörigen sozialistischer Splittergruppen über eine Einheits- und Volksfront. Er bearbeitete auch Kaderfragen und führte Untersuchungen gegen KPD-Mitglieder durch. Da er sowohl die Exilpresse als auch die Spitzelberichte des KPD-Abwehrapparats gründlich studierte, war er über die Splittergruppen und über Abweichungen in der eigenen Partei gut im Bild.

Zu den sozialistischen Splittergruppen, mit denen Wehner verhandelte, gehörte die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), die 1931 von Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld als Abspaltung von der SPD gegründet worden war. 1932 trat ein von Jacob Walcher und Paul Frölich geführter Teil der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO – 1929 gegründete Abspaltung von der KPD) in die SAP ein. Zu den Aktivisten der neuen Partei gehörte der junge Lübecker Herbert Frahm (nach 1933 unter dem Kampfnamen Willy Brandt). Nach der Machtergreifung Hitlers erklärten Seydewitz und Rosenfeld die SAP für aufgelöst (Seydewitz wurde 1936 verdecktes KPD-Mitglied, trat aber nach außen hin weiterhin als linker Sozialdemokrat auf); daraufhin ging die Führung an Walcher und Frölich über und die SAP verstand sich jetzt als kommunistische Partei, die der KPD Abweichung von der richtigen Linie vorwarf. Der von Walcher geförderte Willy Brandt, der sich und seine Genossen als „Schüler von Marx und Lenin“ bezeichnete, übernahm im Exil die Führung der SAP-Jugend. Als Anfang 1937 ein gemeinsamer Aufruf zur Bildung einer deutschen Volksfront veröffentlicht wurde, befanden sich in der Unterzeichnerliste sowohl Willy Brandt als auch Kurt Funk. Dies war das erste Mal, daß Brandt und Wehner gemeinsam ein politisches Dokument unterzeichnet hatten (sie waren sich allerdings nicht persönlich begegnet). Eine Karriere in der SPD hätten sich damals weder Brandt noch Wehner vorstellen können.

Nach taktischen Differenzen mit Ulbricht, bei denen Wehner die offizielle Komintern-Linie vertrat, wurde Wehner nach Moskau einbestellt, wo er Anfang Januar 1937 eintraf und in das „Hotel Lux“ einzog. Ab Januar 1937 lief gegen Wehner ein Untersuchungsverfahren der Kaderabteilung, das sich bis zum Sommer 1938 hinzog (Müller hat das Verfahren in „Die Akte Wehner“ dokumentiert). Die Kaderabteilung und die Internationale Kontrollkommission (IKK) waren die „geistliche“ Gerichtsbarkeit der Komintern, die eng mit dem „weltlichen Arm“, d.h. dem NKWD zusammenwirkte. Der deutsche Referent der Kaderabteilung Georg Brückmann rühmte sich nach seiner eigenen Verhaftung in einem Brief an Dimitroff: „Meine Arbeit in der Sowjetunion, in der Komintern zeigte, daß ich mich nicht nur stets für die Generallinie der Partei einsetzte, sondern ihr half, die in die Partei eingeschlichenen Elemente unschädlich zu machen. Die Mitarbeiter der Kaderabteilung, die mit meiner Arbeit vertraut sind, müssen bestätigen, daß das NKWD von keiner anderen Sektion so viele Materialien erhielt, wie von der deutschen.“

Wehner selbst genoß in der Zeit des Untersuchungsverfahrens die Protektion durch Georgi Dimitroff und Wilhelm Pieck (in einem Interview meinte er Jahrzehnte später, daß er Dimitroff wahrscheinlich sein Leben verdankte). Trotz des Untersuchungsverfahrens gab es von der Kaderabteilung keinen Einspruch, als Wehner im März 1937 seine neue Dienststellung als deutscher Referent des für Mitteleuropa verantwortlichen EKKI-Sekretärs Togliatti antrat. Wehner veröffentlichte auch regelmäßig Artikel und Rezensionen in den Amtsblättern der Komintern (Monatszeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ und Wochenzeitung „Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung“) und der „Deutschen Zentral-Zeitung“. Wehner hob in einem für die Kaderabteilung verfaßten Lebenslauf vor allem seine Linientreue und seine Verdienste bei der Bekämpfung von Abweichungen hervor. Auf die Beschuldigungen während des Untersuchungsverfahrens reagierte er mit Gegenbeschuldigungen, besonders gegen Erich Birkenhauer und Leo Flieg, die ihn belastet hatten und schließlich verhaftet wurden.

Als Wehner nach Moskau kam, hatte der Prozeß gegen das „terroristische trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum“ (August 1936; gegen Sinowjew, Kamenew u.a.) bereits stattgefunden und der Prozeß gegen das „trotzkistische Parallelzentrum“ (23. bis 30. Januar 1937; gegen Pjatakow, Radek u.a.) stand unmittelbar bevor. Nachdem die SAP einen Protest gegen den ersten Prozeß veröffentlicht hatte, erklärte Wehner im November 1936 bei einer Aussprache mit Walcher und Frölich: „Für Euch ist der Trotzkismus ein Teil der Arbeiterbewegung. Für uns eine Verbrecherbande. Ihr habt in allen Fragen trotzkistische Auffassungen.“ Auch die sozialdemokratischen Volksfrontpartner erregten Wehners Mißfallen. An Pieck schrieb er: „Es ist typisch, daß gerade einige Linke, wie Breitscheid, offen in Artikeln gegen den Prozeß Stellung nehmen. Man soll daraus keine falschen Konsequenzen ziehen und soll auch weiterhin mit diesen Leuten zusammenarbeiten, aber sich ihre Haltung merken.“ Anders als bei den linken Splittergruppen mußte sich Wehner gegenüber den Sozialdemokraten in seinen Polemiken mäßigen, solange die Sozialdemokraten im Rahmen der Volksfrontlinie umworben wurden.

Erst in der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts, als in der Kominternpropaganda die antifaschistische Linie durch die antikapitalistische Linie ersetzt wurde, mußte sich Genosse Funk keinen Zwang mehr antun. Im Januar 1940 veröffentlichte Wehner in der Zeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ einen Artikel, in dem er die Imperialisten Englands und Frankreichs als die „wahren Aggressoren“ entlarvte. Im schönsten VB-Stil zog er über „die ehemaligen Führer der deutschen Sozialdemokratie im Solde des englischen Imperialismus“, „die im Solde des englischen Imperialismus Kriegshetze betreibenden ehemaligen Führer der deutschen Sozialdemokratie“, „die sozialdemokratischen Soldschreiber des englischen Imperialismus“ her. „Der englische Imperialismus greift …nach ihnen und benützt sie…als Zersetzungsfaktoren, weil die anglo-französischen Vorherrschaftspläne in Europa wenig Aussicht auf Verwirklichung haben, wenn es nicht gelingt, die deutsch-sowjetische Freundschaft zu zerstören.“ „Der im Solde des anglo-französischen Imperialismus stehende Hilferding“ war für Wehner ein „volks- und landesverräterischer Agent“.

Im Januar 1937 nahm Wehner an zwei Sitzungen der Komintern-Führung zur Kampagne gegen den Trotzkismus teil, am 1. Februar 1937 wurden Wehner und der KPD-Abwehrleiter Hermann Nuding vom Politbüro mit der Abfassung einer Broschüre „Trotzkismus und Faschismus“ beauftragt. In diesem Zusammenhang schrieb Wehner spätestens am 2. Februar 1937 seinen „Beitrag zur Untersuchung der trotzkistischen Wühlarbeit in der deutschen antifaschistischen Bewegung“, der vermutlich anschließend von der Komintern auf dem Dienstweg an die Lubjanka übermittelt wurde. Der „Beitrag“ wurde 1994 von der Gauck-Behörde der Presse übergeben und ist bei Müller dokumentiert. Auf der Grundlage von Wehners „Beitrag“ (vermutlich von Hermann Nuding ergänzt) veröffentlichte das theoretische Organ der KPD „Die Internationale“ im August 1937 in einer Sondernummer den anonymen Artikel „Die deutschen Trotzkisten und die Gestapo“.

Im „Beitrag“ berichtete Wehner ausführlich über Tätigkeiten und Personen der Splittergruppen im westlichen Exil. Wehner berichtete u.a. über die Gruppe „4. Internationale“ (Fischer-Maslow-Gruppe), die SAP, den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), die KPO (Brandlergruppe), die „Gruppe Volk“ (ehemalige Versöhnler unter Karl Volk), „Organe und Publikationen unter trotzkistischem Einfluß“, über „trotzkistische Einflüsse auf Sozialdemokraten“ („Nicht wenige deutsche Sozialdemokraten schreiben Trotzki Verdienste um die Oktoberrevolution und die Rote Armee zu, die er gar nicht besitzt“, hier erwähnt Wehner die Revolutionären Sozialisten, „Neu Beginnen“, die „Volkssozialisten“ und sozialdemokratische Gegner und Befürworter der Volksfront), „trotzkistische Einflüsse in unserer Partei“ (in diesem Abschnitt ohne Namensnennung), „Trotzkisten im Bunde mit der Gestapo und Spionage“ und „Einige Schlußfolgerungen“. Hier weist Wehner darauf hin, „daß der Trotzkismus in der deutschen sozialdem. Arbeiterbewegung einen gewissen Widerhall auf Grund der Entwicklung dieser Bewegung hat (Luxemburg, Radek usw.).“

Den meisten der in Wehners „Beitrag“ genannten Personen konnte Wehner nicht schaden, da sie im westlichen Exil lebten. Im Abschnitt über die SAP allerdings gab Wehner den Hinweis: „Ein entschiedener Trotzkist ist ferner Diamant…Angehörige von ihm leben noch in der SU, er steht mit ihnen in Verbindung“ (Müller, Seite 333). „Verbindungen“ ins Ausland und noch dazu zu einem „Trotzkisten“ – dieser Vorwurf konnte tödliche Auswirkungen haben. Max Diamants Eltern, Michail und Anna Diamant, wurden 1937 verhaftet; Michail Diamant wurde am 24. November 1937 erschossen. Wir wissen nicht, ob Wehners Denunziation dazu beitrug (als ehemaliger Menschewik wäre Michail Diamant vermutlich ohnehin liquidiert worden). Jedenfalls hatte Wehner in diesem Fall über das Soll hinaus denunziert.

Nachdem das NKWD Wehners „Beitrag“ erhalten hatte, wurde er im Februar 1937 zu drei „Besprechungen über trotzkistische und bucharinsche Feinde“ in die Lubjanka einbestellt, eine erneute Besprechung gab es im Dezember 1937. In seinen autobiographischen „Notizen“ erwähnte Wehner nur insgesamt zwei Besuche in der Lubjanka, wobei er versicherte, als Beschuldigter im Zusammenhang mit dem gegen ihn gerichteten Untersuchungsverfahren der Kaderabteilung vernommen worden zu sein. In seinen „Notizen“ hütete sich Wehner seine Einvernahme in der Lubjanka als „Verhaftung“ zu bezeichnen, doch im Januar 1983 sprach er gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ davon, in Moskau einmal verhaftet gewesen zu sein (dieses Interview zum Jahrestag von Hitlers Machtergreifung wurde am 31. Januar 1983 im „Neuen Deutschland“ nachgedruckt. Diesen Nachdruck in der DDR kann nur einer veranlaßt haben – Erich Honecker, der Wehner vom Abstimmungskampf an der Saar 1934/35 her kannte, und der in den siebziger und achtziger Jahren eine Altmännerfreundschaft mit Wehner pflegte). Wehner wurde in der Lubjanka nicht als Beschuldigter in eigener Sache vernommen, sondern als Experte in Sachen „Trotzkismus“. Die im Februar 1937 protokollierten mündlichen Aussagen Wehners waren bereits im Dezember 1937 nicht mehr auffindbar; vermutlich herrschte im Zusammenhang mit den Verhaftungen innerhalb des NKWD selbst ein ziemliches Durcheinander bei den Akten.

Zu den bei Müller abgedruckten Dokumenten gehören ein am 14. Februar 1937 von Jeshow (1936 – 1938 Volkskommissar für Innere Angelegenheiten) unterzeichneter „Direktivbrief der Hauptverwaltung Staatssicherheit des NKWD. Über die terroristische, Diversions- und Spionagetätigkeit der deutschen Trotzkisten im Auftrag der Gestapo auf dem Territorium der UdSSR“ und eine dem Direktivbrief beigefügte „Orientierung. Über die Tätigkeit ausländischer Organisationen der deutschen Trotzkisten“. Hier werden Personen genannt, die in der Sowjetunion bereits verhaftet waren und ausführlich wird auf Organisationen und Personen im westlichen Exil eingegangen. Die Detailkenntnisse über das westliche Exil und die dortigen Splittergruppen konnten nur aus deutschen Quellen stammen. Viele Namen und Fakten aus Wehners „Beitrag zur Untersuchung der trotzkistischen Wühlarbeit …“ sind in das NKWD-Dokument eingeflossen, bei anderen Namen und Fakten vermutet Müller, daß sie aus Wehners mündlichen Einvernahmen in der Lubjanka stammen.

Diese Vermutung Müllers dürfte plausibel sein, ebenso die Vermutung, daß das NKWD erst durch Wehner Hinweise auf einige Splittergruppen im Ausland (das NKWD hatte bis dahin nur die chemisch reinen Trotzkisten im Auge) erhalten habe. Abenteuerlich ist dagegen Müllers Vermutung, Wehners Berichte seien der Auslöser für die massenhaften Verhaftungen deutscher Kommunisten in der Sowjetunion (bis zum Frühjahr 1938 waren 70 Prozent der KPD-Mitglieder in der Sowjetunion verhaftet) oder für die im Sommer 1937 begonnene „deutsche Operation“ des NKWD (bei den „nationalen Operationen“ des NKWD wurden wahllos Leute aufgrund ethnischer Zugehörigkeiten verhaftet und zum großen Teil erschossen) gewesen. Bereits vor Wehners Eintreffen in Moskau hatte das NKWD von der Kaderabteilung Listen „schlechter Elemente“ erhalten, die ersten Verhaftungen (z. B. Kippenberger, der zum Kippenberger-Apparat gehörende Wehnerfreund Leo Roth oder der Versöhnler Süßkind) hatten bereits 1936 stattgefunden, und die im Frühjahr und Sommer 1937 verhafteten Führer der Neumanngruppe (Heinz Neumann, Hermann Remmele), der Sektierer (Hermann Schubert) und der Versöhnler (Hugo Eberlein) kommen weder in Wehners „Beitrag“ noch in Jeshows Direktivbrief vor.

Nachdem viele deutsche Kommunisten bereits verhaftet waren, wurde Wehners Expertenwissen im Dezember 1937 nochmals in der Lubjanka abgefragt. Das Protokoll dieser Einvernahme ist entweder nicht mehr erhalten oder nicht zugänglich, doch lieferte Wehner zusammen mit dem „Beitrag zur Untersuchung der trotzkistischen Wühlarbeit …“ (das im Februar 1937 in die Lubjanka geschickte Exemplar war nicht mehr auffindbar, so daß Wehner dem NKWD jetzt das bei der Komintern liegende Original übergab) am 13. Dezember 1937 weitere Aufzeichnungen für das NKWD. Diese Aufzeichnungen wurden 1994 von der Gauck-Behörde der Presse übergeben. Hier machte Wehner, anders als im „Beitrag“ vom Februar, konkrete Angaben auch über Personen in der Sowjetunion und deren „Verbindungen“ ins Ausland. Die meisten der von Wehner genannten Personen waren entweder bereits verhaftet oder waren im westlichen Exil. Der von Wehner belastete Fritz Schulte (1934-35 in der von Wehner bekämpften Gruppe der „Sektierer“) wurde im Februar 1938 verhaftet. Wehner schwärzte den ehemaligen Chefredakteur der „Roten Fahne“ Hans Knodt an, der im Februar 1938 verhaftet wurde. Leo Flieg, der im März 1938 verhaftet wurde, hatte 1937 selbst Wehner belastet.

Wehner wäre in der BRD in arge Erklärungsnot geraten, wenn Margarete Buber-Neumann folgende Passage aus Wehners Aufzeichnungen gekannt hätte: „Weiter befindet sich hier die Frau des verhafteten Neumann, die in Briefverkehr mit Münzenberg, beziehungsweise dessen Frau gestanden hat.“ Willi Münzenberg war bereits in Ungnade gefallen, im November 1937 beauftragte Stalin Dimitroff, Münzenberg nach Moskau zu locken, damit man ihn verhaften könnte. Wehner berichtete über eine Frau namens Ascher in Paris (Dorothea Ascher war die Frau von Arthur Koestler), die mit der Frau ihres in der Sowjetunion verhafteten Bruders Briefe gewechselt hatte (dies konnte vom NKWD als „Verbindung“ ausgelegt werden). In seinen autobiographischen „Notizen“ berichtet Wehner, er habe in der Lubjanka Auskünfte über Erich Mühsams Witwe (Wehner war als Anarchist zeitweilig Sekretär und Untermieter Mühsams) verweigert. Frau Mühsam war zum erstenmal 1936 wegen Verbindung zur „trotzkistischen Verschwörung Erich Wollenberg-Max Hoelz“ verhaftet worden. Sie wurde wieder freigelassen, im November 1938 erneut verhaftet. Bis 1947 war sie im Gulag und von 1949 bis 1955 in der Verbannung.

In seinen Aufzeichnungen vom Dezember 1937 schrieb Wehner: „Meine Auffassung ist, daß – wahrscheinlich indirekt – noch Verbindungen zwischen Frau Kreszentia Mühsam und Erich Wollenberg bestehen. Obwohl ich selbst wohl nicht in einem Gespräch mit der Frau Mühsam Anhaltspunkte finden könnte, da sie mir nicht ‚vertrauen‘ wird, könnte ich in kurzer Zeit Näheres über ihren Umgang und persönliche Beziehungen in Erfahrung bringen.“ Wehner wies auch darauf hin, daß es möglich wäre im Klub Ausländischer Arbeiter und in der deutschen Emigration weitere Spuren aufzudecken, und bot dem NKWD in dieser Hinsicht seine Dienste an.

Das Bild von Wehner, das die Moskauer Dokumente liefern, ist düster. Man sollte jedoch berücksichtigen, daß Wehner als hochrangiger Funktionär, der selbst unter Verdacht stand (Untersuchungsverfahren der Kaderabteilung; im „Schwarzbuch des KGB“, verfaßt vom Briten Andrew und dem KGB-Überläufer Mitrochin wird eine Aktennotiz Jeshows vom 22. Juli 1938 zitiert: „Wo ist die Meldung über die Verhaftung von Funk?“), kaum eine Wahl hatte. Wehner war als überzeugter Stalinist der Meinung, daß Parteischädlinge vernichtet werden müßten. Zugleich war der beste Schutz bei der Abwehr von Verdächtigungen die Demonstration „bolschewistischer Wachsamkeit“ durch eigene Denunziationen. Wehner war dürfte nicht der einzige gewesen sein, der im Moskau des Jahres 1937 so vorging.

Reinhard Müller. Herbert Wehner – Moskau 1937.
Hamburger Edition, 2004
ISBN 3-930908-82-4
35 Euro

Erstveröffentlichung am 4. Oktober 2004 in der Berliner Umschau