Von der Kulturrevolution zur Entmaoisierung – Zum Tode von Zhang Chunqiao

Von Hans-Werner Klausen

Von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, starb am 21. April 2005 Zhang Chunqiao, das vorletzte Mitglied der „Viererbande“ um Maos Ehefrau Jiang Qing. Der 1917 geborene Zhang Chunqiao (er war seit 1940 Mitglied der Kommunistischen Partei und diente in Partisaneneinheiten hinter den japanischen Linien), bis zu seiner Verhaftung im Jahre 1976 stellvertretender Ministerpräsident der VR China, Parteichef und Bürgermeister von Shanghai, sowie Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros, und während der „Kulturrevolution“ stellvertretender Vorsitzender der „Gruppe für Kulturrevolution beim ZK“ war 1981 im Prozeß gegen die „konterrevolutionären Cliquen um Jiang Qing und Lin Biao“ zum Tode (mit Aussetzung der Strafe) verurteilt worden, zwei Jahre später wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Zhang war 1998 aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen worden. Damit lebt von den Mitgliedern der „Viererbande“ nur noch Yao Wenyuan; Jiang Qing starb 1991, Wang Hongwen 1992.

Der Aufstieg der „Viererbande“ hatte 1966 mit der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ begonnen. Die ehemalige Filmschauspielerin Jiang Qing (1914 – 1991) hatte 1939 Mao Zedong geheiratet, das ZK hatte ihr die Auflage erteilt, sich aus der Politik herauszuhalten. So arbeitete sie nach der Gründung der Volksrepublik zunächst bis 1966 in der Filmzensur. Zhang Chunqiao war in Shanghai im Propagandaapparat der Partei tätig, Yao Wenyuan betätigte sich als Literaturkritiker (in Moskau, Hongkong und Taipeh wurde kolportiert, er sei Maos Schwiegersohn) und Wang Hongwen war in einer Shanghaier Textilfabrik als Arbeiter und Geheimer Mitarbeiter der Staatssicherheit tätig.

Die Ursprünge der Kulturrevolution reichen bis Anfang der sechziger Jahre zurück, als nach dem katastrophalen Scheitern des „Großen Sprungs nach vorn“ die Pragmatiker im Staats- und Parteiapparat um Liu Shaoqi („Nummer 2“ der Partei- und Staatsführung und ab 1959 Staatsoberhaupt der VR China) und Deng Xiaoping (Generalsekretär der Partei) an Einfluß gewannen. Für Mao hatte die Schaffung des „neuen Menschen“ Priorität, da materieller Wohlstand ohne vorherige Umgestaltung des Bewußstseins nach Maos Meinung zum „Revisionismus“ wie in der Sowjetunion nach Stalins Tod führen würde. Liu und Deng setzten in der Wirtschaft vorrangig auf die materielle Interessiertheit, sabotierten Maos Versuche zur Umgestaltung des Bildungs- und Erziehungswesens und begünstigten aus taktischen Gründen liberale Tendenzen unter den Kulturschaffenden; eine 1964 eingesetzte „Gruppe für Kulturrevolution beim ZK“ bestand überwiegend aus Anhängern Lius und Dengs und sorgte dafür, daß Maos Vorstöße im Sande verliefen. Die von Liu und Deng für Mao vorgesehene Rolle war die eines Gottes, der von Zeit zu Zeit aus dem Himmel herab seine Weisheiten in der Theorie verkünden sollte, während Liu und Deng die irdischen Angelegenheiten verwalten sollten. Im Partei- und Staatsapparat hatten Liu und Deng die Mehrheit, Mao dagegen konnte sich auf Verteidigungsminister Lin Biao stützen.

Auch auf Kang Sheng (den „chinesischen Berija“), in der Parteiführung für die Kontrolle des Sicherheitsapparats und für internationale Verbindungen zuständig (Kang stammte aus dem selben Bezirk der Provinz Shandong wie Jiang Qing und hatte ihr die Bekanntschaft mit Mao vermittelt) und Chen Boda (Chefredakteur des theoretischen Parteiorgans „Hongqi“, ehemaliger Sekretär Maos und Redakteur seiner Werke) konnte sich Mao verlassen. Da Mao die Gruppe um Liu und Deng nicht auf direktem Wege angreifen konnte, wurde ein Umweg gewählt. Ende 1965 veröffentlichte Yao Wenyuan einen Artikel, in dem ein Theaterstück des Pekinger Vizebürgermeisters Wu Han als „giftiges Unkraut“ angegriffen wurde. Auf Weisung Maos wurde der Artikel in der zentralen Presse nachgedruckt. Die Pressekampagne wurde bald auf weitere Kulturschaffende und Funktionäre im Propagandaapparat, im Kulturministerium und im Pekinger Stadtparteikomitee ausgedehnt. Mao sprach von „Leuten vom Schlage Chruschtschows, die sich jetzt in unserer nächsten Nähe eingenistet haben“. Um sich selbst zu retten, ließen Liu und Deng die angegriffenen Funktionäre im Stich. Im Mai 1966 wurde Peng Zhen, bis dahin Pekinger Parteichef und Bürgermeister und Mitglied des Politbüros abgesetzt, das alte Pekinger Stadtparteikomitee und die alte Kulturrevolutionsgruppe wurden aufgelöst. Der Propagandaapparat wurde gesäubert und die zentralen Massenmedien kamen unter die vollständige Kontrolle der Mao-Anhänger. In der für das Ausland bestimmten „Peking-Rundschau“ war das sichtbarste Zeichen dafür die Intensivierung des Kults um Mao. Beim ZK wurde eine neue „Gruppe für Kulturrevolution“ unter Leitung von Chen Boda gebildet; Jiang Qing bekam als Erste Stellvertreterin Chen Bodas ihr erstes politisches Amt, Kang Sheng wurde Berater der Kulturrevolutionsgruppe.

Unter Anleitung der Kulturrevolutionsgruppe wurden „Rote Garden“ aus Schülern und Studenten gebildet und an der Pekinger Universität tauchten erste „Dazibaos“ (Wandzeitungen mit großen Schriftzeichen) auf. Die „Roten Garden“ begannen mit der Jagd auf „Feinde der Arbeiterklasse und Mao Zedongs“ unter dem Lehrpersonal. Liu und Deng entsandten in die Bildungseinrichtungen Arbeitsgruppen des Zentralkomitees, um die Aktivitäten der Roten Garden zu kanalisieren. Mao solidarisierte sich in einem Brief mit den Roten Garden an der Pekinger Universität („Rebellion gegen die Reaktionäre ist gerechtfertigt“); daraufhin wurden die Arbeitsgruppen aufgelöst und im ganzen Land bildeten sich Organisationen von Roten Garden und „revolutionären Rebellen“ (letztere vorwiegend aus ungelernten Arbeitern). Die 11. Tagung des Zentralkomitees der Partei (August 1966) sanktionierte offiziell die beginnende „Kulturrevolution“. An der Tagung nahm nach sowjetischen Angaben nur die Hälfte der gewählten ZK-Mitglieder teil und um auf die Teilnehmer Druck auszuüben wurden „revolutionäre Dozenten und Studenten“ hinzugezogen. Mao brachte im Tagungsgebäude ein Dazibao „Das Hauptquartier bombardieren“ an, Lin Biao wurde einziger Stellvertreter Maos in der Partei, Liu wurde in der Protokollliste auf den achten Platz herabgestuft. Vom 18. August bis zum 26. November 1966 fanden in Peking 8 Massenaufmärsche der Roten Garden mit insgesamt 13 Millionen Teilnehmern statt. In dieser Zeit standen Liu und Deng noch auf den Tribünen, danach verschwanden sie aus der Öffentlichkeit. Im September tauchten erste Dazibaos und Flugblätter gegen Liu auf, im Oktober folgten die ersten Angriffe auf Deng. Deng und Liu gaben im Oktober 1966 erste „Selbstkritiken“ ab. Deng erklärte:

„Durch meine Fehler habe ich mich als ein nicht umerzogener bourgeoiser Kleinbürger und als ein Mann entpuppt, dessen Weltanschauung noch nicht umgestaltet ist und der die Höhen des Sozialismus noch nicht erklommen hat. Nun sitze ich das erste Mal vor dem Spiegel und betrachte mich genau; dabei läuft mir ein Schauer über den Rücken…Diese Selbstkritik ist meine erste und deshalb nicht tiefschürfend genug. Ich hoffe, daß die Genossen mich kritisieren und auf meine Fehler hinweisen…Es lebe der große Lehrer, der große Steuermann, der große Oberkommandierende und der große Führer, Genosse Mao Tse-tung!“

Im Frühjahr 1967 begannen in der offiziellen Presse die Angriffe auf Liu und Deng, ohne daß ihre Namen genannt wurden: Liu war „der oberste Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“ und „Chinas Chruschtschow“, Deng „der andere Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“ und „Chinas Chruschtschow Nummer 2“. Liu und Deng wurden in der „verbotenen Stadt“ unter Hausarrest gestellt und in halböffentlichen „Kampfversammlungen“ vorgeführt.

Während es mit Liu und Deng bergab ging, bekam Jiang Qing ihre ersten Auftritte vor großem Publikum. Auf einer Versammlung von Literatur- und Kunstschaffenden im November 1966 verkündete sie:

„Der Imperialismus ist der dem Tode geweihte, parasitische und verfaulte Kapitalismus. Der moderne Revisionismus ist ein Produkt der imperialistischen Politik und eine Abart des Kapitalismus. Sie können nichts hervorbringen was gut wäre. Der Kapitalismus hat eine jahrhundertealte Geschichte. Er hat doch nur eine bedauernswert geringe Anzahl von ‚Klassikern‘ hervorgebracht…Andererseits gibt es wirklich Dinge, die den Markt überschwemmen, etwa Rock-and-Roll, Jazz, Stiptease, Impressionismus, Symbolismus, Abstraktionisms, Fauvismus, Modernismus usw., das nimmt einfach kein Ende und ist darauf gerichtet, die Menschen zu vergiften und zu lähmen. Mit einem Wort, man vergiftet und vernebelt die Gehirne der Menschen mit Dekadenz und Obszönitäten. “

Von solcher Dekadenz und Obszönitäten blieben die Chinesen jetzt verschont, denn gedruckt wurden nur noch die Schriften Maos (und in bescheideneren Auflagen die Schriften von Marx, Engels, Lenin und Stalin) . Das „Rote Buch“ wurde in 740 Millionen Exemplaren gedruckt, d.h. jeder Chinese vom Säugling bis zum Greis bekam ein „Rotes Buch“ zum Rezitieren, Studieren oder wenigstens zum Schwenken.

Im Januar 1967 zerschlugen die Mao-Anhänger mit Hilfe der Roten Garden und Rebellen die alten Machtorgane in Shanghai. In den neuen Machtorganen bekamen Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang Hongwen Führungspositionen und bis 1976 blieb Shanghai eine Bastion der später so genannten „Viererbande“. In den Provinzhauptstädten kam es 1967 zu teilweise bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen. Die „Revisionisten“ organisierten eigene Rote Garden und Rebellenverbände. Als die Roten Garden im Juni 1967 den Parteichef von Wuhan absetzen wollten, organisierte er seine eigene Rebellenorganisation „Eine Million Helden“, der kommandierende General stellte sich auf seine Seite und ließ 50.000 Angehörige der Roten Garden verhaften. Als der Minister für Staatsicherheit Xie Fuzhi nach Wuhan kam, ließ ihn der General verhaften und durch Angehörige „seiner“ Rebellenorganisation verprügeln. Daraufhin wurden Luftlandeeinheiten über Wuhan abgesetzt und Kanonenboote fuhren auf dem Jangtsekiang in Richtung Wuhan. Der General wurde zu einem „Studienkurs in den Maozedongideen“ versetzt – nicht gerade eine exemplarische Bestrafung für offene Meuterei.

Versuche der Kulturrevolutionsgruppe, die Säuberung auf die Armee auszudehnen, wurden von Mao, Lin Biao und Premierminister Zhou Enlai verhindert, denn eine Schwächung der Landesverteidigung konnte sich das Land nicht leisten. Als Rote Garden im August 1967 die englische Botschaft in Brand steckten, das Außenministerium besetzten und Zhou Enlai zwei Tage in seinen Amtsräumen belagerten, ließ Jiang Qing den ultralinken Flügel der Kulturrevolutionsgruppe fallen. In der Provinz wurde die Armee eingesetzt, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Manche Generale erwarben sich beim Vorgehen gegen die Roten Garden Titel wie „Schlächter von Kanton“.

Im Sommer 1968 wurden die Roten Garden aufgelöst, im Oktober 1968 fand ein ZK-Plenum statt, an dem (nach sowjetischen Angaben) nur noch ein Drittel der ZK-Mitglieder teilnahm. Damit war die personelle Zusammensetzung an der Parteispitze auf ebenso radikale Weise verändert worden, wie in der KPdSU am Ende der „Jeshowschtschina“; im chinesischen Falle wurden die jedoch nur wenige gesäuberte Spitzenkader physisch liquidiert.. Liu wurde offiziell für abgesetzt erklärt und kam in ein finsteres Verlies. Bis zum IX. Parteitag (April 1969) mußte er am Leben gehalten werden, danach konnte er krepieren. Deng hatte mehr Glück: Mao rief ihn zu sich und erklärte ihm, er müsse sich mehr mit den Massen verbinden. Daraufhin wurde Deng in die Reihen der herrschenden Klasse versetzt und vom Generalsekretär zum Mechaniker einer Traktorenwerkstatt in der Provinz befördert. Jiang Qing, Zhang Chunqiao und Yao Wenyuan wurden Mitglieder des Politbüros, Wang Hongwen ZK-Mitglied. Starke Positionen in den Machtorganen hatten neben den Mao-Anhängern sowohl die Generalität, die die öffentliche Ordnung wiederhergestellt hatte, als auch die alte Staatsbürokratie unter Zhou Enlai (Zhou hatte während der Kulturrevolution aus persönlicher Loyalität zu Mao gehalten, obwohl er politisch er zu Liu und Deng neigte) , in der sich viele „Revisionisten“ befanden, auf die man bei der Verwaltung des Landes nicht verzichten konnte.

Die Macht- und Richtungskämpfe gingen in den siebziger Jahren weiter; hier ging es bereits um die Nachfolge Maos, dessen Gesundheitszustand sich immer mehr verschlechterte. 1970 verschwand Chen Boda, im September 1971 Lin Biao (letzterer soll versucht einen Putsch und die Ermordung Maos geplant haben und beim Fluchtversuch zu den Russen mit dem Flugzeug über der Mongolei abgestürzt sein). Nach der Ausschaltung wurde der exzessive Personenkult um Mao reduziert. China begann sich nach außen zu öffnen und auf Grund seiner unbegrenzten Arbeitsfähigkeit und seiner diplomatischen Talente wurde Zhou Enlai unentbehrlich. Viele „Revisionisten“ kamen wieder in verantwortungsvolle Positionen.

Bei einem diplomatischen Empfang am 12. April 1973 war auch „Chinas Chruschtschow Nummer 2“ wieder da, jetzt in der Dienststellung eines stellvertretenden Ministerpräsidenten. Auf dem X. Parteitag (August 1973) wurde Deng ZK-Mitglied. Wang Hongwen aus der Shanghaier Clique wurde vom einfachen ZK-Mitglied zu einem der 5 Stellvertreter Maos befördert und kam in der Protokollliste auf den dritten Rang (hinter Mao und Zhou). Deng wurde Ende 1973 Mitglied des Politbüros und Anfang 1975 einer der stellvertretenden Parteivorsitzenden und Erster Stellvertreter Zhou Enlais. 1975 wurde Zhou krank und Deng führte die Amtsgeschäfte. Zum Unwillen der Shanghaier setzte Deng auf das Leistungsprinzip in der Wirtschaft und im Bildungswesen, sowie auf ökonomisch-technische Zusammenarbeit mit kapitalistischen Industriestaaten. „Der Spiegel“ widmete dem Wiederaufstieg Dengs eine Titelstory „Teng Hsiao-Ping – der Anti-Mao“ und kommentierte: „Teng nach Mao, das klang so absurd, als wenn ein handlungsunfähiger Stalin Trotzki zurückberufen hätte“. Die Shanghaier konnten im Januar 1975 Zhang Chunqiao zu einem der stellvertretenden Ministerpräsidenten machen lassen. Mit dem Tod Kang Shengs verloren die Shanghaier Ende 1975 einen wichtigen Verbündeten.

Zhou Enlai starb am 8. Januar 1976, Deng hielt am 15. Januar die Totenrede und verschwand danach in der Versenkung. Jetzt setzte eine Dazibao- und Pressekampagne gegen den „rechten Wind der Berufungseinlegung“ ein, die immer eindeutiger auf Deng Xiaoping zielte. Die Pekinger „Volkszeitung“ brachte „Weisungen“ Mao Zedongs: „Dieser Mensch versteht nichts vom Klassenkampf. Er denkt immer noch in den Kategorien ‚weiße Katze, schwarze Katze‘. Zwischen Imperialismus und Marxismus macht er keinen Unterschied.“ und „er begreift den Marxismus-Leninismus nicht, er vertritt die Bourgeoisie. Er sagt, er werde das gefällte Urteil [die Bewertung der Kulturrevolution] niemals umstoßen, darauf kann man nichts geben“ (diese Einschätzungen Maos sollten sich als ziemlich präzise erweisen). Am 4. und 5. April demonstrierten 100.000 Menschen auf dem Tiananmen-Platz gegen das „Feudalsystem Qin Shihuangs“ (erster chinesischer Kaiser, dessen despotische Herrschaftsmethoden in den letzten Jahren Maos als progressiv gepriesen wurden, vergleichbar der propagandistischen Aufwertung Iwans des Schrecklichen in der Stalin-Ära) und gegen die „Kaiserinwitwe“. Daraufhin wurde Deng Xiaoping am 7. April 1976 offiziell abgesetzt.

Neuer Ministerpräsident und Erster Stellverteter Maos wurde der Staatssicherheitsminister Hua Guofeng, der wegen seiner Profillosigkeit für alle Gruppen in der Parteiführung akzeptabel war. Hua wurde von Mao mit der Fortführung der Kampagne gegen Deng beauftragt und bekam am 30. April von Mao eine Direktive: „Handle langsam und überstürze nichts“, „Handle in Übereinstimmung mit den in der Vergangenheit festegelegten Prinzipien“, „Wenn Du die Verantwortung trägst, bin ich beruhigt“. Dies bezog sich zwar auf die Anti-Deng-Kampagne, Hua legte den letzten Satz jedoch als Ermächtigung für die Nachfolge des „Großen Steuermanns“ aus.

Am 9. September 1976 starb Mao, am 6. Oktober ließ Hua Guofeng, der sich mit der Generalität und den „Revisionisten“ verbündet hatte, in einem Palastputsch die „Viererbande“ verhaften. Hua wurde neuer Vorsitzender. In den folgenden Monaten wurde in der Presse für sämtliche Mißerfolge die „Viererbande“ verantwortlich gemacht. Hua versuchte sich als Maos treuester Schüler zu präsentieren (zu diesem Zweck glich er seinen Haarschnitt dem Maos an), organisierte seinen eigenen Personenkult und gab die Parole „Zwei Alle“ aus: „Alle politischen Entscheidungen, die der Vorsitzende Mao Zedong getroffen hat, entschieden unterstützen, und alle Anweisungen, die er gegeben hat, unerschütterlich befolgen“. Im Juli 1977 war Deng Xiaoping wieder da. Auf dem XI. Parteitag (August 1977) zitierte Hua in seinem Referat den Großen Steuermann unzählige Male, Deng zitierte ihn überhaupt nicht.

Im Kampf um die Macht stütze sich Hua auf die in der Kulturrevolution nach oben gelangten Kader, Deng stützte sich auf die Kader, die in der Kulturrevolution in Ungnade gefallen waren. Der Kampf um die Macht und um die Richtung der Politik war eng mit dem Kampf um die Deutung der Vergangenheit verbunden. Auf der 3. Tagung des ZK (Dezember 1978) konnte Deng seine politischen Vorstellungen weitgehend durchsetzen. Die „konterrevolutionären Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz“ von 1976 wurden als „vollkommen revolutionär“ deklariert, Huas „Zwei Alle“ wurden durch „Die Praxis als Kriterium der Wahrheit“ ersetzt, der Personenkult um Hua verschwand aus der Presse und die praktische Politik Dengs, die sich jetzt durchsetzte, wäre in Maos Augen finsterster Revisionismus gewesen. 1980 wurde Hua als Premierminister durch Dengs Protegé Zhao Ziyang ersetzt, Dengs Ziehvater Liu Shaoqi rehabilitiert und in der Presse konnte ausgesprochen werden, daß der Große Steuermann nicht unfehlbar war.

Vom 20. November 1980 bis zum 25. Januar 1981 ging der Prozeß gegen die „konterrevolutionären Cliquen um Jiang Qing und Lin Biao“ über die Bühne. Die Organisation des Prozesses lag in der Hand von Peng Zhen, der im Mai 1966 als erster prominenter Parteifunktionär gesäubert worden war. Die Namen des Gerichtsvorsitzenden und des Obersten Staatsanwalts standen in der Anklageschrift unter den vielen Namen jener, die von den Angeklagten verfolgt worden waren. Somit war für ein Höchstmaß an Objektivität bei der Untersuchung gesorgt. Auf der Anklagebank saßen die „Viererbande“, Chen Boda und 5 Generale aus der Umgebung Lin Biaos. Fünf Tote wurden in der Anklageschrift als weitere Haupttäter aufgeführt: Lin Biao, seine Frau, sein Sohn, ein Luftwaffenoffizier (die vier waren 1971 über der Mongolei abgestürzt) sowie Kang Sheng und Xie Fuzhi; Kang und Xie waren 1980 postum aus der Partei ausgeschlossen worden.

Im Prozeß verhielten sich sowohl Chen Boda und die Generale als auch Yao Wenyuan und Wang Hongwen so, wie es sich für Angeklagte in stalinistischen Schauprozessen gehört. Zhang sagte nach der Verlesung der Anklageschrift nur „ich widerspreche“ und im weiteren Prozeßverlauf überhaupt nichts mehr. Die ehemalige Schauspielerin Jiang Qing gab die beste Vorstellung ihres Lebens. Sie verteidigte sich mutig, berief sich auf die Instruktionen Maos und beschuldigte das Gericht (nicht zu Unrecht): „Indem sie mich diffamieren, diffamieren Sie den Vorsitzenden Mao“. Das Gericht schnitt Jiang Qing mehrmals das Wort ab und bei einigen Auftritten der Mao-Witwe fiel „zufällig“ das Mikrophon aus. Am 25. Januar wurde das Urteil verkündet: Todesstrafe (mit bedingter Strafaussetzung) für Jiang und Zhang, lebenslänglich für Wang, 20 Jahre für Yao, 18 Jahre für Chen Boda, 16 bis 18 Jahre für die Generale. Nach der Urteilsverkündung rief Jiang Qing: „Nieder mit den von Deng Xiaoping geführten Revisionisten! Revolution zu machen ist kein Verbrechen! Nieder mit denen, die den Massen das land geraubt haben!“

Im Dezember 1980 gab Hua Guofeng dem Druck der „Revisionisten“ nach und reichte beim Politbüro seinen „freiwilligen Rücktritt“ ein. Im Juni 1981 genehmigte die Plenartagung des ZK den „freiwilligen Rücktritt“. In einer „Resolution über einige Fragen zur Geschichte der KP Chinas seit 1949“ wurde die bis heute offiziell gültige Lesart festgelegt. Die „linken Fehler“ Maos ab 1958 (insbesondere der „Große Sprung“ und die „Kulturrevolution“, sowie der Personenkult und der selbstherrliche Führungsstil in dieser Zeit) wurden offiziell verurteilt, doch Deng und seine Anhänger mußten bei der „Entmaoisierung“ anders vorgehen als Chruschtschow bei der „Entstalinisierung“. Das durch die „Entstalinisierung“ entstandene ideologische Vakuum konnte durch die Intensivierung des Leninkults gefüllt werden; Mao dagegen ist der chinesische Lenin und der chinesische Stalin in einer Person. Man löste das Problem, indem man den „Marxismus-Leninismus/Maozedongideen“ offiziell als ideologische Grundlage von Partei und Staat beibehielt und gleichzeitig die Maozedongideen neu definierte. Die Maozedongideen wurden zur „Kristallisation der kollektiven Weisheit der Partei“ erklärt und Maos „linke Fehler“ von den Maozedongideen getrennt.

Das Verhältnis zwischen Maos Verdiensten und Fehlern wurde (in Anlehnung an die Einschätzung der Rolle Stalins durch Mao) mit 70:30 definiert. Faktisch wurde Maos Rolle auf die einer Ikone reduziert, für die praktische Politik spielte er keine Rolle mehr. Aus gutem Grund gibt es in China bis heute keine Gesamtausgabe von Maos „Werken“. Mit der Verhaftung der „Viererbande“ war der „Maoismus“ tot, mit der Rehabilitierung Liu Shaoqis, dem Prozeß gegen die „Viererbande“ und dem ZK-Beschluß vom Juni 1981 wurde er begraben.

Erstveröffentlichung im Mai 2005 in der Berliner Umschau