Neocons und Sarah Palin für Obama – Ein Offener Brief der Foreign Policy Initiative über Afghanistan

Obama und sein Stab verfolgen den Anschlag auf Osama Bin Laden (Mai 2011)

Von Hans-Werner Klausen

„Totgesagte leben länger“. Mit dieser Überschrift war im August 2009 ein Artikel der „Berliner Umschau“ über die US-amerikanischen Neokonservativen (Neocons) versehen worden.

So ist es auch nicht verwunderlich, daß sich nach dem Ende des Sommerlochs die Foreign Policy Initiative (FPI) wieder zu Wort gemeldet hat: am 7. September 2009 veröffentlichte diese Institution, die faktisch die Nachfolge des Project for the New American Century (PNAC) angetreten hat, einen Offenen Brief an US-Präsident Barack Obama über Afghanistan. Die Unterzeichner des Offenen Briefes bekunden hier ihre Unterstützung für die von Barack Obama versprochene Intensivierung des Krieges in Afghanistan. Prominenteste Unterzeichnerin des Briefes ist die ehemalige Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin. Die Politikerin war im Jahre 2008 die Kanidatin der Republikaner für das Amt des Vizepräsidenten und ihr werden Ambitionen auf die Präsidentschaft bei der nächsten Wahl nachgesagt.

Die Foreign Policy Initiative (FPI) war am Anfang des Jahres 2009 gegründet worden. Dem Board of Directors der FPI gehören William Kristol, Robert Kagan und Dan Senor an. William Kristol und Robert Kagan hatten im Jahre 1997 das Project for the New American Century (PNAC) gegründet (das PNAC hatte seine Tätigkeit im Jahre 2006 eingestellt). Dan Senor (ein Investmentbanker und Mitarbeiter des einflussreichen Council on Foreign Relations, CFR) war in den Jahren 2003 und 2004 Berater und Pressesprecher des Besatzungsregimes im Irak.

Bereits Ende März 2009 hatte die FPI auf einer Konferenz in Washington ihre Unterstützung für den Krieg in Afghanistan bekundet. Als Auslöser für den jetzigen Offenen Brief dürften jüngste Meldungen über Differenzen innerhalb des US-amerikanischen Establishments hinsichtlich des Afghanistan-Krieges gedient haben: Differenzen sowohl innerhalb des Regierungslagers als auch innerhalb der amerikanischen Rechten.

Am 1. September 2009 hatte der konservative Kommentator George F. Will in der “Washington Post” einen Artikel unter der Überschrift „Time to Get Out of Afghanistan“ veröffentlicht. Der Artikel hatte empörte Reaktionen der Neocons hervorgerufen. Die Neocons fürchten dass in der amerikanischen Rechten isolationistische Stimmungen um sich greifen könnten, so wie dies bereits während der Clinton-Ära der Fall war. Damals hatte der größte Teil der Republikaner den Kosovo-Krieg als „Albrights Krieg“ abgelehnt. Nur wenige republikanische Politiker (unter ihnen John McCain) waren für den Kosovo-Krieg. Damals hatten die Neocons gemeinsam mit zentristischen Geopolitikern wie Zbigniew Brzezinski und linksliberalen Menschenrechtsimperialisten im Balkan Action Council für den Krieg getrommelt. William Kristol und Robert Kagan hatten damals mit zahlreichen Artikeln im neokonservativen Zentralorgan „Weekly Standard“ für den Krieg geworben und das PNAC hatte zusammen mit dem Balkan Action Council gemeinsame Offene Briefe veröffentlicht. Nun fürchten die Neocons, dass die Republikaner dem Afghanistan-Krieg als „Obamas Krieg“ ihre Unterstützung versagen könnten.

Differenzen über den Afghanistan-Krieg gibt es auch innerhalb des Regierungslagers. Die „New York Times“ berichtete am 3. September 2009, daß sowohl Vizepräsident Joseph Biden als auch Kriegsminister Robert Gates einer massiven Verstärkung der US-amerikanischen Militärpräsenz in Afghanistan skeptisch gegenüberstehen würden. Dem Bericht der „New York Times“ zufolge befürchtet Biden, daß eine zu starker Ausbau der Bodentruppen in Afghanistan vom wichtigeren Ziel der Stabilisierung Pakistans ablenken könnte. Gates wiederum soll die Befürchtung geäußert haben, daß die USA bei einer zu starken Truppenpräsenz in Afghanistan als Okkupant angesehen werden könnten. Hillary Clinton und Richard Holbrooke (Sonderbeauftragter des Präsidenten für Afghanistan und Pakistan) werden dagegen als Befürworter einer Eskalation des Krieges genannt.

Mit ihrem neuesten Offenen Brief will die Foreign Policy Initiative (FPI) offenbar sowohl den Gegnern des Krieges innerhalb der amerikanischen Rechten entgegentreten als auch die Falken innerhalb der Regierung Obama unterstützen.

In der Liste der Unterzeichner finden wir neben Sarah Palin sowohl ehemalige Beamte der Regierung Bush (Eric Edelman zum Beispiel war von 2005 bis 2009 Staatssekretär für Politik im Pentagon, Karl Rove war der wichtigste innenpolitische Berater von Bush und John Hannah war von 2005 bis 2009 Sicherheitsberater von Vizepräsident Cheney) als auch vertraute Namen aus dem Neocon-Klüngel: Danielle Pletka ist Vizepräsidentin des American Enterprise Institute (AEI). Thomas Donnelly (jetzt beim AEI) war der Hauptverfasser der PNAC-Studie „Rebuilding America’s Defense“. Frederick Kagan ist Mitarbeiter des AEI. Eliot A. Cohen (Mitglied des akademischen Beirats beim AEI) war im Jahre 1997 unter den Unterzeichnern der Prinzipienerklärung des PNAC und hatte im September 2001 den Begriff „Vierter Weltkrieg“ geprägt. Clifford May leitet die „Foundation for Defense of Democracies“, David Frum (jetzt beim AEI) hatte als Redenschreiber von George W. Bush die „Achse des Bösen“ erfunden. John Podhoretz leitet das Meinungsmagazin „Commentary“ (faktisch das theoretische Organ der Neocons). Joshua Muravchik (1967 bis 1973 Vorsitzender der Young People’s Socialist League, YPSL) ist sowohl ein Schüler von Max Shachtman (dieser hatte 1938 die Gründungskonferenz der trotzkistischen „Vierten Internationale“ geleitet und endete 1972 als antikommunistischer Sozialdemokrat) als auch einer der bekanntesten neokonservativen Ideologen. Der Geheimdienstexperte Gary Schmitt (jetzt beim AEI) war einst executive director des PNAC. Der Lobbyist Randy Scheunemann (2008 außenpolitischer Chefberater des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers John McCain) war ein Vorstandsmitglied des PNAC. Ellen Bork (jetzt hauptamtliche Mitarbeiterin der FPI) hatte für das PNAC als stellvertretende Direktorin gearbeitet. Mit Gary Bauer (Berater der Foundation for Defense of Democracies, gehörte 1997 zu den Unterzeichnern der Prinzipienerklärung des PNAC) ist schließlich ein Politiker der christlichen Rechten mit dabei.

Wir dokumentieren als Anhang den Text des Offenen Briefes.

„Open Letter to President Obama on Afghanistan

September 7, 2009

The Honorable Barack Obama President of the United States The White House Washington, DC

Dear Mr. President:

The situation in Afghanistan is grave and deteriorating. This is in part the legacy of an under resourced war effort that has cost us and the Afghans dearly. The Taliban has retaken important parts of the country, while a flawed U.S. strategy has led American forces into secondary efforts far away from critical areas. However, we remain convinced that the fight against the Taliban is winnable, and it is in the vital national security interest of the United States to win it.

You’ve called Afghanistan an „international security challenge of the highest order, “ and stated that „the safety of people around the world is at stake.“ Last month you told a convention of veterans, “Those who attacked America on 9/11 are plotting to do so again. If left unchecked, the Taliban insurgency will mean an even larger safe haven from which al Qaeda would plot to kill more Americans. So this is not only a war worth fighting. This is fundamental to the defense of our people.”

We fully agree with those sentiments. We congratulate you on the leadership you demonstrated earlier this year when you decided to deploy approximately 21,000 additional troops and several thousand civilian experts as a part of a serious counterinsurgency campaign. Your appointments of General Stanley McChrystal as top commander and David Rodriguez as second in command in Afghanistan exemplified the seriousness of purpose you spoke about during the campaign. We are heartened to see that the much needed overhaul of our military operations has begun.

Since the announcement of your administration’s new strategy, we have been troubled by calls for a drawdown of American forces in Afghanistan and a growing sense of defeatism about the war. With General McChrystal expected to request additional troops later this month, we urge you to continue on the path you have taken thus far and give our commanders on the ground the forces they need to implement a successful counterinsurgency strategy. There is no middle course.

Incrementally committing fewer troops than required would be a grave mistake and may well lead to American defeat. We will not support half-measures that repeat the errors of the past.

This is, as you have said, a war that we cannot afford to lose. Failure to defeat the Taliban would likely lead to a return of al Qaeda to Afghanistan and could result in terrorist attacks on the United States or our allies. An abandonment of Afghanistan would further destabilize the region, and put neighboring Pakistan and its nuclear arsenal at risk. All our efforts to support Islamabad’s fight against the Taliban in Pakistan’s tribal regions will founder if we do not match those achievements on the other side of that country’s porous northwestern border.

As you observed during the 2008 U.S. presidential campaign, “You don’t muddle through the central front on terror and you don’t muddle through going after bin Laden. You don’t muddle through stamping out the Taliban.” We completely agree. Having “muddled through” in Afghanistan for years, this is no longer a politically, strategically, or morally sustainable approach.

Mr. President, you have put in place the military leadership and sent the initial resources required to begin bringing this war to a successful conclusion. The military leadership has devised a strategy that will reverse the errors of previous years, free Afghans from the chains of tyranny, and keep America safe. We call on you to fully resource this effort, do everything possible to minimize the risk of failure, and to devote the necessary time to explain, soberly and comprehensively, to the American people the stakes in Afghanistan, the route to success, and the cost of defeat.

With the continued bravery of our troops, and your continued full support for them and their command team, America and our allies can and will prevail in Afghanistan.

Sincerely,

Gary Bauer
Steve Biegun
Max Boot
Ellen Bork
Paul Bremer
Christian Brose
Debra Burlingame
Eliot A. Cohen
Ryan C. Crocker
Thomas Donnelly
Eric Edelman
William S. Edgerly
Jamie M. Fly
David Frum
Abe Greenwald
John Hannah
Pete Hegseth
Margaret Hoover
Thomas Joscelyn
Frederick W. Kagan
Robert Kagan
William Kristol
Tod Lindberg
Herbert London
Clifford May
Robert C. McFarlane
Joshua Muravchik
Andrew Natsios
Sarah Palin
Keith Pavlischek
Beverly Perlson
Danielle Pletka
John Podhoretz
Stephen Rademaker
Mitchell B. Reiss
Karl Rove
Jennifer Rubin
Randy Scheunemann
Gary Schmitt
Dan Senor
Ashley Tellis
Marc Thiessen
Daniel Twining
Peter Wehner
Kenneth Weinstein
Christian Whiton”

http://www.foreignpolicyi.org/letters

Erstveröffentlicht am 11. September 2009 in der Berliner Umschau