Der Generalissimus und seine deutschen Fans

,Von Hans-Werner Klausen

Daß der Vater der Völker in Rußland zahlreiche Verehrer hat, ist bekannt. Unter diesen Verehrern sind nicht nur Marxisten-Leninisten, denn für viele Nationalrussen ist Stalin ein Symbol nationaler Größe. Was Trotzkisten, Titoisten, Eurokommunisten, Gorbatschowler und Salonsozialisten dem Woshd besonders übelnehmen – die Liquidierung der Volksfeinde mit Parteibuch, die Veränderungen in der Zusammensetzung der sowjetischen Führungsschicht, die Wendung vom nationalen Nihilismus zum Sowjetpatriotismus oder die Verbannung dekadenter („avantgardistischer“) Kunst aus der Öffentlichkeit – wird von russischen Patrioten eher als Verdienst Stalins angesehen.

In Deutschland schien es seit 1961 zunächst, als seien die Verehrer der großen Koryphäe der Wissenschaft vom Erdboden verschluckt, denn nachdem Chruschtschow während des XXII. Parteitags den toten Führer aus dem Mausoleum ausquartieren ließ, wurde der beste Freund des deutschen Volkes für die SED faktisch zur Unperson. Dafür kam es zehn Jahre später, als sich „antiautoritäre“ Studenten den Standpunkt der Arbeiterklasse aneigneten und die Lehren von Mao, Enver und/oder Kim schöpferisch auf die deutschen Verhältnisse anwandten, zu einer Stalinrenaissance in Westdeutschland. Hier war die Verehrung für den vierten Klassiker von unterschiedlicher Intensität: am ausgeprägtesten bei der KPD/ML von Ernst Aust, etwas nuancierter bei der Semler-Horlemann-KPD, weniger stark beim als KBW bekannten Pol-Pot-Fanclub (vielleicht weil Stalin im Unterschied zu Pol Pot nicht die Brillenträger liquidierte), am schwächsten beim KB-Nord. Um den ideologischen Bedarf zu decken, wurde damals auch die entsprechende Literatur herausgebracht. Dabei kam auch etwas nützliches heraus, etwa mit der von der KPD/ML besorgten Herausgabe der Werke Stalins (einschließlich der Bände 14 und 15, die der Chruschtschowschen „Entstalinisierung“ zum Opfer gefallen waren) oder mit dem dreibändigen Nachdruck der Protokolle der Moskauer Prozesse.

Die meisten damaligen „K-Gruppen“ sind – mit Ausnahme der aus dem KABD hervorgegangenen MLPD und einiger Minisekten – inzwischen von der Bildfläche verschwunden (die übriggebliebene Mehrheit der KPD/ML fusionierte 1986 ausgerechnet mit der trotzkistischen GIM); dafür haben einige Aktivisten von KPD, KBW und KB-Nord ihren Weg nach oben gefunden (z. B die aus dem KBW stammende Bundesgesundheitsministerin, die sich heute auf ihre Weise um die Brillenträger kümmert). Die übriggebliebenen Freunde des vierten Klassikers bekamen dafür nach 1990 Verstärkung aus dem kollabierten Arbeiter- und Bauernstaat. Nachdem die Nachlaßverwalter Erich Honeckers 1989/90 ihren „Bruch mit dem Stalinismus“ verkündeten, gleichzeitig auf „stalinistische“ Weise das halbe Politbüro aus der Partei warfen und sich danach zielstrebig sozialdemokratisierten, fanden die Verehrer des Generalissimus am Rande oder außerhalb der PDS ihre Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Foren fanden sie vor allem in den Weißenseer Blättern (noch zu DDR-Zeiten von „stalinistischen“ Theologen gegründet, seit der Wende ein gemeinsames Sprachrohr dieses Theologenkreises und ehemaliger DDR-Gesellschaftswissenschaftler), im Zentralorgan („Rote Fahne“) und der Broschürenreihe der Ost-KPD, sowie in der Zeitschrift „Offensiv“. Letztere wurde zunächst von der Kommunistischen Plattform in Hannover herausgegeben und erscheint inzwischen in eigener Regie. Von „Offensiv“ wurden vor nicht allzulanger Zeit zwei „Klassiker“ der philostalinistischen Literatur ins Internet gesetzt: „Stalin oder Trotzki“ von Max Seydewitz und „Die große Verschwörung“ von Michael Sayers und Albert E. Kahn.

Das Buch von Michael Sayers und Albert E. Kahn erschien zuerst 1946 unter dem Titel „The great conspiracy – the secret war against Soviet Russia“ in den USA. Danach kamen in den Ostblockstaaten Übersetzungen in riesigen Auflagen heraus. Bereits 1947 erschien die russische Ausgabe, an der fünf Übersetzer beteiligt waren; dies spricht für die Bedeutung, die man in Moskau diesem Buch zumaß. Das Vorwort zur russischen Ausgabe schrieb der Chefredakteur der „Prawda“ P.N. Pospelow. Dieser „prinzipienfeste“ Genosse war in führender Weise sowohl an der Erarbeitung des „Kurzen Lehrgangs“ und der offiziellen Biographie Stalins als auch der „Geheimrede“ Chruschtschows beteiligt. In der DDR erschienen von 1949 bis 1953 sechs Auflagen mit insgesamt 180 000 Exemplaren. In Schulungen der SED und der bewaffneten Organe wurde das Buch als Ergänzung zum „Kurzen Lehrgang“ verwendet, und dafür war es auch sehr gut geeignet. Das Buch besteht aus vier Hauptabschnitten mit insgesamt fünfundzwanzig Kapiteln, in denen die Zeit von 1917 bis zur Fultonrede Churchills behandelt wird.

Der Abschnitt bei Sayers und Kahn , auf den es den Autoren des Buches und seinen Verbreitern östlich des Brandenburger Tores in erster Linie ankam, war der dritte Hauptabschnitt des Buches: „Die fünfte Kolonne in Rußland“. Es handelt sich hierbei um eine volkstümliche zusammenfassende Nacherzählung der Protokolle der Moskauer Prozesse. Da die (in einem bürgerlichen Verlag erschienene) amerikanische Ausgabe des Buches nicht für Parteimitglieder, sondern für ein sympathisierendes Publikum bestimmt war, ist dieses Werk nicht im üblichen formelhaften „Parteichinesisch“, sondern im amerikanischen Stil verfaßt und daher spannend zu lesen. Für mich bevorzuge ich allerdings das Original (die Protokolle der Moskauer Prozesse) und nicht den Abklatsch. Bemerkenswert ist nämlich nicht nur was bei Sayers und Kahn steht, sondern auch, was dort nicht steht. So findet man nichts über das Kopenhagener Hotel Bristol und nichts über den verdienstvollen Genossen Jeshow, der 1936 zum Objekt eines verbrecherischen Anschlags des Verschwörers und Giftmischers Jagoda geworden war und sich nach seinem letzten öffentlichen Auftritt im Januar 1939 in Luft aufgelöst hatte.

Die Autoren berichten fesselnd über das Komplott Trotzkis mit Rudolf Heß und Alfred Rosenberg. Wir werden allerdings nicht darüber aufgeklärt, warum die sowjetischen Staatsanwälte und Richter bei der Vernehmung des Angeklagten Rosenberg in Nürnberg in dieser Beziehung überhaupt nicht neugierig waren. Im Prozeß gegen den Block der Rechten und Trotzkisten gab es neben den Personen auf der Anklagebank mehrere unsichtbare Angeklagte – prominente Persönlichkeiten aus Staat und Partei, die laut Prozeßprotokoll bei der Verschwörung eine ebenso wichtige Rolle wie die Hauptangeklagten gespielt hatten, und weder als Zeugen noch als Angeklagte jemals in einem öffentlichen Prozeß auftraten (obwohl einige von ihnen im März 1938 noch lebten); sie wurden auf stille Weise aus dem Leben und dem Gedächtnis des Sowjetvolks entfernt. Sayers und Kahn sind in dieser Beziehung natürlich nicht neugierig und die meisten „Offensiv“-Leser dürften es auch nicht sein.

Auf eine tragende Säule des Moskauer Prozeßgebäudes konnten die Autoren der „großen Verschwörung“ nicht verzichten: Pjatakows Flug von Berlin-Tempelhof nach Oslo im Dezember 1935 zwecks Entgegennahme von Instruktionen Trotzkis. Unglücklicherweise kam 1937 sehr schnell heraus, daß vom 19. September 1935 bis zum 1. Mai 1936 überhaupt kein ausländisches Flugzeug in Oslo gelandet war.Genosse Jeshow erfuhr damals sehr schnell aus kompetenter Quelle, daß Pjatakow auf heimtückische Weise die Voruntersuchung und das Gericht irregeführt hatte. Der NKWD-Agent Mark Zborowski, der in Paris die rechte Hand von Trotzkis Sohn Leo Sedow war und vor dem Sedow keine Geheimnisse hatte, berichtete anläßlich des Prozesses gegen das trotzkistische parallele Zentrum nach Moskau, er habe im vertraulichen Gespräch mit Sedow erfahren, daß Trotzki seit seiner Ausweisung aus der Sowjetunion Pjatakow nicht gesehen habe.

Bedeutet dies, daß in den Moskauer Prozessen alles Schwindel war? Nein, nicht alles war Schwindel. Anfang 1937 berichtete Zborowski über ein Gespräch mit Sedow, der meinte: „Nun gibt es kein Schwanken mehr. Stalin muß umgebracht werden.“ Im Februar 1938 berichtete Zborowski über eine Äußerung Sedows: „Das ganze Regime in der UdSSR beruht auf Stalin, und es reicht aus, diesen umzubringen, damit alles zusammenbricht.“ Generaloberst Wolkogonow, der in seiner Biographie Trotzkis zum ersten Mal über diese Äußerungen Sedows berichtet hat (Wolkogonow war der erste Biograph Trotzkis, der Zugang zu den sowjetischen Archiven hatte), hält es zwar für möglich, daß sich Zborowski die Äußerungen Sedows ausgedacht habe, um den Erwartungen seiner Moskauer Auftraggeber zu entsprechen. Da Zborowski jedoch auch berichtet hatte, daß Pjatakows Zusammenkunft mit Trotzki nicht stattgefunden hatte (was sicher nicht den Erwartungen Jeshows entsprach), muß man davon ausgehen, daß die Berichte Zborowskis nach Moskau wahrheitsgemäß waren.

Man kann also davon ausgehen, daß es Mordpläne gegen Stalin gab, daß Stalin davon wußte und seine Vorkehrungen traf.

Bemerkenswert ist auch der Ablauf von Ereignissen des Jahres 1937. Am 27. Februar wurden Bucharin und Rykow verhaftet. In den ersten drei Monaten machten Bucharin und Rykow keine strafrechtlich relevanten Aussagen. In der zweiten Maihälfte wurden Marschall Tuchatschewski, mehrere seiner Kameraden und der Kanidat des Politbüros Rudsutak verhaftet; der Politchef der Roten Armee Gamarnik (seine Machtstellung in der Roten Armee entsprach der des Generalstabschefs in einer westlichen Armee) beging am 31. Mai 1937 Selbstmord und in der ersten Junihälfte begannen Bucharin und Rykow, sich durch ihre Aussagen selbst zu belasten (siehe Wladislaw Hedeler. Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Berlin: Akademie-Verlag, 2003). Dies könnte Zufall sein. Es könnte aber auch dafür sprechen, daß Zivilisten und Militärs tatsächlich einen Putsch vorbereitet hatten und daß Bucharin und Rykow erst nach den Verhaftungen im Mai jede Hoffnung aufgaben. Auch trotzkistische Autoren wie Erich Wollenberg, Victor Serge und Isaac Deutscher waren in den dreißiger und vierziger Jahren von der Vorbereitung eines Putsches durch die Tuchatschewskigruppe und einige Zivilisten ausgegangen. Mit großer Wahrscheinlichkeit enthielten sowohl die öffentlichen Moskauer Prozesse als auch einige Geheimprozesse Elemente von Wahrheit, die jedoch durch sehr viel Dichtung so verzerrt wurden, daß sie nicht mehr erkennbar sind. Das Buch von Sayers und Kahn ist jedenfalls eher der Dichtung zuzurechnen.

Das zweite von „Offensiv“ ins Internet gesetzte Buch („Stalin oder Trotzki“) erschien zuerst 1938 in London. Der Autor war in der deutschen Arbeiterbewegung nicht unbekannt. Max Seydewitz (1897 – 1987) war von 1924 – 1932 sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und gründete 1931 nach seinem Ausschluß aus der SPD zusammen mit Kurt Rosenfeld die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Zu den Mitgliedern der neuen Splitterpartei gehörte der junge Lübecker Herbert Frahm, der sich seit 1933 Willy Brandt nannte. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erklärten Seydewitz und Rosenfeld die SAP für aufgelöst. Seydewitz empfahl den Mitgliedern den Anschluß an die SPD, ein Teil der Partei berief jedoch einen Parteitag ein und erklärte die Weiterexistenz der SAP. Seydewitz verbrachte die NS-Zeit in Prag, in Norwegen (1938 – 1940) und in Schweden (ab 1940). Im Exil schloß sich Seydewitz dem linkssozialdemokratischen Arbeitskreis revolutionärer Sozialisten an und unterhielt gleichzeitig KPD-Verbindungen

Im Vorwort zu seinem Buch schrieb Seydewitz über sich: „Seit meiner frühesten Jugend, fast dreißig Jahre lang, habe ich aktiv in der Deutschen Sozialdemokratie gearbeitet, — als Funktionär, als Redakteur und als Reichstagsabgeordneter — und ich bin ihr auch heute aufs engste verbunden.“ Die von Kurt Funk (besser bekannt nach 1945 unter seinem richtigen Namen Herbert Wehner) verfaßte Rezension über das Buch in der Zeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ hatte die Überschrift „Ein Sozialdemokrat über die Sowjetunion und die internationale Arbeiterbewegung“. In Wahrheit handelte es sich bei Seydewitz‘ Buch um parteikommunistische Ware unter sozialdemokratischer Flagge. Am 20. März 1936 hatte das Politbüro der KPD festgelegt, man solle Seydewitz sagen, daß „sein Eintritt in die KPD nicht zweckmäßig“ sei und daß man ihn „aber wie ein Parteimitglied betrachten“ werde (siehe Reinhard Müller, Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004, S. 330). Das Manuskript wurde in Moskau vom Genossen Hermann Remmele redigiert, der allerdings 1937 unfreiwillig das Hotel Lux verließ, stattdessen auf Kosten des NKWD untergebracht und 1939 exekutiert wurde. Seydewitz‘ Söhne wurden 1937 und 1938 in Moskau als Mitglieder einer Untergrundorganisation der Hitlerjugend verhaftet und bekamen anschließend die Gelegenheit, auf Staatskosten entlegene Gegenden des Sowjetlandes kennenzulernen.

Über das Buch selber muß nicht viel gesagt werden. Da es nicht für Leute bestimmt war, „die ohnehin katholisch sind“, sondern für ein sympathisierendes Publikum, ist „Stalin oder Trotzki“ in lesbarem Deutsch geschrieben. Wo die Amtsblätter der Komintern und der KPD einfach behaupteten oder pöbelten, da versucht Seydewitz sachlich zu argumentieren. Allerdings ist das Lob für die Sowjetunion und Stalin so dick aufgetragen, daß der Charakter des Buches als Reklameschrift nicht verborgen bleibt. Für Seydewitz ist es klar, daß Stalin immer recht hat und daß in der Sowjetunion des Jahres 1937 die echteste Demokratie herrscht. (Seydewitz‘ späterer Rezensent Kurt Funk hatte im Dezember 1937 in seinem Artikel „Ein Jahr Stalinsche Verfassung“ den Zusammenhang zwischen Säuberung und Demokratie klar erkannt: „Wer in diesen Wochen Zeuge des empordrängenden politischen Lebens in der sozialistischen Demokratie der Sowjetunion sein kann, das durch die Wahl zum Obersten Sowjet der UdSSR zum Ausdruck kommt, dem wird unabweisbar die Erkenntnis klar, daß wohl eines der größten Verdienste der von Stalin geführten Kommunistischen Partei in der Vergangenheit darin besteht, den vernichtenden Schlag gegen die trotzkistisch-bucharinschen Feinde des sozialistischen Aufbaus und der sozialistischen Demokratie ausgelöst und geführt zu haben. Durch ihn wurde die Bahn für die allseitige Entfaltung der Demokratie frei.“)

Eine vom proletarischen Klassenstandpunkt ausgehende Einschätzung des Buches von Max Seydewitz sei hier ausführlicher zitiert. Als Kurt Funk „Stalin oder Trotzki“ in der „Kommunistischen Internationale“ (Nr. 8, 1938) rezensierte, legte er besonderen Wert auf eine eindeutige Kennzeichnung des Trotzkismus. Aus naheliegenden Gründen wurde diese Rezension vom SPD-Politiker Herbert Wehner nicht in seinen Sammelband alter Aufsätze „Wandel und Bewährung“ aufgenommen, obwohl Wehner schon 1938 jene deutliche Sprache liebte, für die er später berühmt wurde. Wehner lobte, daß Seydewitz „leidenschaftlich die vom Trotzkismus und seinen Komplizen verbreitete falsche Legende von den ‚Verdiensten‘ Trotzkis um die Oktoberrevolution“ bekämpft. „Aber die ganze Scheusslichkeit des Trotzkismus…hat Seydewitz in seinem Buch noch nicht gebrandmarkt.“ „Es ist notwendig darzulegen, dass der Trotzkismus wie eine Giftpflanze auf dem Boden der verfaulenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung wächst und von jenen faschistischen und imperialistischen Kräften ausgenützt wird, die an einer Wiederaufrichtung des Kapitalismus auf dem Gebiet der UdSSR und an einer Annexion von Teilen der Sowjetunion interessiert sind.

Es ist kein Zufall, sondern entspricht durchaus der zersetzenden Funktion des Trotzkismus, dass Trotzki und viele seiner Spiessgesellen z.T. seit vielen Jahren unmittelbare, bezahlte Spione sind.“ Freilich müsse man „entschiedener als Max Seydewitz die Notwendigkeit eines rücksichtslosen internationalen Kampfes zur Liquidierung des Trotzkismus“ betonen (Wehners eigener Beitrag zum rücksichtslosen internationalen Kampf geht aus der Dokumentation von Reinhard Müller hervor. Genosse Funk wußte, was Einheit von Theorie und Praxis bedeutet). „Was die Sowjetmacht auf diesem Gebiet bisher geleistet hat, diente nicht allein ihrer unmittelbaren Verteidigung; die Aushebung und Vernichtung der trotzkistischen Nester in der Sowjetunion gehört zu den wertvollsten Diensten, die von der an der Macht befindlichen Arbeiterklasse der internationalen Arbeiterklasse und der ganzen fortschrittlichen Menschheit geleistet worden sind“. Eine kritische Anmerkung Wehners bezog sich auf den Titel: „Völlig verfehlt ist der Titel des Buches, die marktschreierische und lächerliche Frage: „Stalin oder Trotzki?‘ Es ist in jeder Beziehung ein Unding, den grössten lebenden Führer der Arbeiterklasse, den genialen Baumeister des Sozialismus mit einem Provokateur und Banditen in einem Atemzug zu nennen. Der Titel soll offenbar „sensationell“ sein, er ist jedoch nur geschmacklos und politisch falsch und entspricht auch in keiner Weise dem ernsten und wertvollen Inhalt des Buches.“

„Offensiv“ ist nicht die einzige Internetseite deutscher Fans des Generalissimus. Eine nicht nur für „Stalinisten“ lesenswerte Seite ist http://www.stalinwerke.de . Zu den hier ins Netz gesetzten Texten gehören zunächst die „Werke“ Stalins, einschließlich der Bände 14 und 15 der KPD/ML-Ausgabe (die Bände 1 bis 13 entsprechen der Dietz-Ausgabe aus den fünfziger Jahren). Auf diese Weise werden auch Texte wieder zugänglich, die sonst schwer greifbar sind. Hervozuheben ist zum Beispiel im Band 14 Stalins Referat auf dem ZK-Plenum am 3. März 1937 „Über die Mangel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler“ mit Stalins historischen Worten :“Es ist notwendig, unseren Parteigenossen klarzumachen, dass die Trotzkisten, die aktive Elemente der Diversions-, Schädlings- und Spionagetätigkeit ausländischer Spionageorgane bilden, schon längst aufgehört haben, eine politische Strömung in der Arbeiterklasse zu sein, dass sie schon längst aufgehört haben, irgendeiner Idee zu dienen, die mit den Interessen der Arbeiterklasse vereinbar ist, dass sie sich in eine prinzipien- und ideenlose Bande von Schädlingen, Diversanten, Spionen und Mördern verwandelt haben, die im Solde ausländischer Spionageorgane arbeiten. Es muss klargelegt werden, dass im Kampf gegen den gegenwärtigen Trotzkismus jetzt nicht die alten Methoden, nicht die Methoden der Diskussion, sondern neue Methoden, die Methoden der Ausrottung und der Zerschmetterung nötig sind.“

Der Band 15 enthält drei Schreiben an die jugoslawische Führung vom Frühjahr 1948, in denen vor der Kominformresolution vom Juni 1948 die Vorwürfe Moskaus an die Adresse Belgrads aufgelistet wurden. Bemerkenswert ist im Schreiben vom 4. Mai 1948 der Satz: „Auch Trotzki erwarb sich seinerzeit Verdienste um die Revolution, das will jedoch nicht heißen, das ZK der KPdSU hätte vor den schweren opportunistischen Fehlern, die er später beging, und die ihn in das Lager der Sowjetfeinde führten, die Augen schließen können.“ Die ersten Worte dieses Satzes hätten bei jedem gewöhnlichen Sowjetbürger ausgereicht, um ihn wegen „antisowjetischer Agitation“ in den Gulag zu schicken.

Aus verständlichen Gründen fehlt sowohl in der KPD/ML-Ausgabe als auch bei „stalinwerke.de“ Stalins Antwort auf die Frage eines Redakteurs der „Prawda“, die in dieser Zeitung am 30. November 1939 abgedruckt worden war. Da es diese historischen Worte Stalins (alle Worte des vierten Klassikers sind historisch) nicht verdienen, in Vergessenheit zu geraten, seien sie hier wiedergegeben (deutscher Text nach „Die Welt“, deutschsprachige Wochenzeitung der Komintern aus Stockholm vom 7. Dezember 1939, Nr. 14)

Ein Redakteur der „Prawda“ wandte sich an Stalin mit der Frage: „Wie verhält sich Stalin zu der Meldung der Havas-Agentur über die ‚Rede Stalins‘, die er angeblich ‚am 19. August 1939 im Politbüro‘ hielt, und in der angeblich der Gedanke ausgeführt wurde, dass der Krieg möglichst lange dauern müsse, um die kriegführenden Seiten zu erschöpfen‘.“

Stalin sandte folgende Antwort:

„Diese Meldung der Havas-Agentur, wie auch viele andere ihrer Meldungen, ist eine Lüge. Ich kann natürlich nicht sagen, in welchem Tingeltangel diese Lüge fabriziert wurde. Aber wie immer die Herren aus der Havas-Agentur lügen mögen, sie können nicht leugnen, daß:

1. Nicht Deutschland hat Frankreich und England überfallen, sondern Frankreich und England überfielen Deutschland, indem sie die Verantwortung für den jetzigen Krieg übernahmen;

2. nach der Eröffnung der Kriegshandlungen wandte sich Deutschland mit Friedensvorschlägen an Frankreich und England, während die Sowjetunion offen die Friedensvorschläge Deutschlands unterstützte, da sie der Meinung war und weiterhin ist, dass die rascheste Beendigung des Krieges die Lage aller Länder und Völker von Grund auf erleichtern würde;

3. die herrschenden Kreise Englands und Frankreichs lehnten schroff sowohl die Friedensvorschläge Deutschlands als auch die Versuche der Sowjetunion ab, die rascheste Beendigung des Krieges zu erzielen.

Das sind die Tatsachen. Was können die Tingeltangelpolitiker aus der Havas-Agentur diesen Tatsachen entgegenstellen?“

Vor der Veröffentlichung der gedruckten „Werke“ (die russische Ausgabe erschien ab 1946, die deutsche Übersetzung ab 1950) waren in einigen Schriften noch redaktionelle Bearbeitungen vorgenommen worden. Hier seien drei Beispiele angeführt.

Am 6. November 1918 veröffentlichte die „Prawda“ einen Artikel Stalins „Der Oktoberumsturz“.

Dort hatte Stalin geschrieben: „Der Inspirator des Umsturzes war vom Anfang bis zum Ende das ZK der Partei mit dem Genossen Lenin an der Spitze. Wladimir Iljitsch lebte damals in Petrograd, im Wiborger Stadtteil, in einer konspirativen Wohnung. Am 24. Oktober wurde er abends nach dem Smolny gerufen, um die allgemeine Führung der Bewegung zu übernehmen. Die gesamte Arbeit an der praktischen Organisierung des Aufstandes verlief unter der unmittelbaren Leitung des Vorsitzenden des Petrograder Sowjets, des Genossen Trotzki. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, daß die Partei den schnellen Übergang der Garnison auf die Seite des Sowjets und die kluge Organisation der Arbeit des Revolutionären Kriegskomitees vor allem und hauptsächlich dem Genossen Trotzki verdankt. Die Genossen Antonow und Podwoiski waren die Haupthelfer des Genossen Trotzki.“ (1) Im Band 4 der „Werke“ fehlen an der entsprechenden Stelle die drei letzten Sätze; Stalin hatte inzwischen entdeckt, daß er selbst die praktische Organisierung des Aufstands geleitet hatte, während sich Trotzki in die Partei eingeschlichen hatte, um die Revolution zu sabotieren.

In seinem Schlußwort auf dem XIV. Parteitag (23. Dezember 1925) sagte Stalin, gegen Sinowjew polemisierend: „Was würde das bedeuten? Das würde bedeuten, die Partei ohne Rykow, ohne Kalinin, ohne Tomski, ohne Molotow, ohne Bucharin zu leiten. Aus dieser Plattform ist nicht nur deshalb nichts geworden, weil es damals prinzipienlos war, sondern auch deshalb, weil es unmöglich ist, die Partei ohne die von mir erwähnten Genossen zu führen.“(2) An der entsprechenden Stelle in den „Werken“ fehlen die Namen der Volksfeinde Bucharin, Rykow, Tomski.

Gegen Sinowjew und seinen Anhang polemisierend, sagte Stalin im gleichen Schlußwort: „Was wollen Sie eigentlich von Bucharin? Sie fordern das Blut des Genossen Bucharin. Das ist es was der Genosse Sinowjew verlangt, wenn er in seinem Schlußwort alles auf die Frage Bucharin zuspitzt. Ihr wollt das Blut Bucharins? So wisset: wir werden es euch nicht geben. (Beifall. Zurufe: Sehr richtig!)“(3) Da sich Stalin das Blut Bucharins selbst geholt hatte, ist in den „Werken“ nur der erste Satz wiedergegegeben.

Im Frühjahr und Sommer 2005 wurden von „stalinwerke.de“ die Protokolle der Moskauer Prozesse ins Netz gesetzt. Dies kann man nur begrüßen, denn die Originalausgaben aus den dreißiger Jahren sind für Normalverbraucher kaum bezahlbar und die in den siebziger und achtziger Jahren von den maoistisch-stalinistischen Miniparteien verbreiteten Nachdrucke sind heute nur noch schwer zu bekommen. Die Protokolle waren seinerzeit im Stachanowtempo übersetzt worden: Der Prozeß gegen den „Block der Rechten und Trotzkisten“ ging am 13. März 1938 zu Ende und bereits am 14. April 1938 erschien in der „Rundschau“ (Wochenzeitung der Komintern) die erste Rezension über die deutsche Ausgabe des Protokolls. Auf den Inhalt kann hier nicht näher eingegangen werden, denn dann würde sich der Umfang dieses Artikels verdoppeln.

Auf einer soliden Internetseite der Fans des vierten Klassikers wie http://www.stalinwerke.de darf natürlich auch das Buch der Bücher nicht fehlen – die „Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“. Der „Kurze Lehrgang“ wurde zuerst im Herbst 1938 veröffentlicht. Die Gesamtauflage in der Sowjetunion lag bis 1953 bei 43 Millionen Exemplaren und es wäre für einen lesekundigen Sowjetbürger eine ungewöhnliche Leistung gewesen, wenn er das Buch nicht gekannt hätte. Die Parteifunktionäre dürften ihn auswendig gekannt haben. Mit der Ausarbeitung des „Kurzen Lehrgangs“ war im April 1937 eine Autorengruppe unter der Leitung von Jaroslawski, Knorin und Pospelow beauftragt worden. Knorin konnte die Vollendung dieses Meisterwerks nicht mehr erleben, da er im Juni 1937 verhaftet und am 29. Juli 1938 seiner gerechten Strafe als Verschwörer und deutscher und lettischer Spion zugeführt wurde. Stalin selbst redigierte die einzelnen Kapitel vor der Veröffentlichung. Aus Stalins eigener Feder stammt Kapitel IV, Abschnitt 2 „Über dialektischen und historischen Materialismus“, eine allgemeinverständliche Darstellung der M-L-Philosophie. Das Buch besitzt beträchtliche didaktische Vorzüge, da hier klare und unmißverständliche Wertungen abgegeben werden.So kann man im XII. Kapitel, Abschnitt 4 unter der Überschrift „Die Liquidierung der Überreste der bucharinschen-trotzkistischen Spione, Schädlinge und Landesverräter. Die Vorbereitung für die Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR. Der Kurs der Partei auf die entfaltete innerparteiliche Demokratie. Die Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR“ lesen:

„Das Jahr 1937 erbrachte neue Beweise gegen die Scheusale aus der bucharinschen-trotzkistischen Bande. Der Prozess gegen Pjatakow, Radek und andere, der Prozess gegen Tuchatschewski, Jakir und’ andere, schließlich der Prozess gegen Bucharin, Rykow, Krestinski, Rosenholz und andere, alle diese Prozesse haben gezeigt, dass die Bucharinleute und Trotzkisten erwiesenermaßen schon lange eine gemeinsame Bande von Volksfeinden in Gestalt des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“ gebildet hatten.

Die Prozesse zeigten, dass dieser Abschaum der Menschheit gemeinsam mit den Volksfeinden Trotzki, Sinowjew und Kamenew bereits seit den ersten Tagen der Sozialistischen Oktoberrevolution in einer Verschwörung gegen Lenin, gegen die Partei, gegen den Sowjetstaat gestanden hatten. Die provokatorischen Versuche zur Vereitelung des Brester Friedens Anfang 1918; die Verschwörung gegen Lenin und das Komplott mit den „linken“ Sozialrevolutionären zur Verhaftung und Ermordung Lenins, Stalins, Swerdlows im Frühjahr 1918; das frevelhafte Attentat auf Lenin und dessen Verwundung im Sommer 1918; der Aufruhr der „linken“ Sozialrevolutionäre im Sommer 1918; die vorsätzliche Zuspitzung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei im Jahre 1921 mit dem Ziel, die Leninsche Führung zu erschüttern und von innen heraus zu stürzen; die Versuche, in der Zeit von Lenins Krankheit und nach seinem Tode die Parteiführung zu stürzen; die Auslieferung von Staatsgeheimnissen und die Belieferung ausländischer Spionagedienste mit Spionagematerial; die ruchlose Ermordung Kirows; Schädlingsarbeit, Sabotageakte, Sprengungen; die Meuchelmorde an Menshinski, Kujbyschew, Gorki – alle diese und ähnliche Freveltaten wurden, wie sich herausstellte, im Verlauf von 20 Jahren unter Teilnahme oder Führung Trotzkis, Sinowjews, Kamenews, Bucharins, Rykows und ihrer Handlanger im Auftrage ausländischer bürgerlicher Spionagedienste ausgeführt.

Die Prozesse stellten klar, dass sich die trotzkistisch-bucharinschen Scheusale in Erfüllung des Willens ihrer Auftraggeber – ausländischer bürgerlicher Spionagedienste – das Ziel gesteckt hatten, die Partei und den Sowjetstaat zu zerstören, die Landesverteidigung zu untergraben, die auswärtige militärische Intervention zu erleichtern, eine Niederlage der Roten Armee vorzubereiten, die Sowjetunion zu zerstückeln, an die Japaner das fernöstliche Küstengebiet der Sowjetunion, an die Polen das sowjetische Bjelorussland, an die Deutschen die Sowjetukraine auszuliefern, die Errungenschaften der Arbeiter und Kollektivbauern zunichte zu machen, die kapitalistische Sklaverei in der Sowjetunion wiederherzustellen.

Diese weißgardistischen Wichte, deren Kraft man höchstens mit der Kraft eines elenden Gewürms vergleichen kann, hielten sich, wie es scheint, komischerweise für die Herren des Landes und bildeten sich ein, dass sie in der Tat die Ukraine, Bjelorussland, das Küstengebiet an andere verteilen und verkaufen könnten

Dieses weißgardistische Gezücht vergaß, dass niemand anders als das Sowjetvolk Herr des Sowjetlandes ist, während die Herrschaften Rykow, Bucharin, Sinowjew, Kamenew weiter nichts waren als Leute, die zeitweilig im Dienste des Staates standen, der sie jede Minute wie nutzloses Gerümpel aus seinen Kanzleien hinauswerfen konnte.

Diese nichtswürdigen Lakaien der Faschisten vergaßen, dass das Sowjetvolk nur einen Finger zu rühren brauchte, damit von ihnen nicht einmal eine Spur übrig bleibe.

Das Sowjetgericht verurteilte die bucharinschen-trotzkistischen Scheusale zur Erschießung.

Das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten vollstreckte das Urteil.

Das Sowjetvolk billigte die Vernichtung der bucharinschen-trotzkistischen Bande und ging zur Tagesordnung über.“

Eine 1952 im Dietz-Verlag erschienene Broschüre trug zu Recht den Titel „Stalins Schriften – ein Maximum an Popularität und Schlichtheit“

Fußnoten:
(1) zitiert nach J. Stalin. Die Oktoberrevolution. – Moskau-Leningrad: Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR, 1934. – Seite 27

(2) zitiert nach J. Stalin. Probleme des Leninismus. – 2. Aufl. – Berlin: Verlag für Literatur und Politik, 1926. – Seite 418

(3) zitiert nach J. Stalin. Probleme des Leninismus. – 2. Aufl. – Berlin: Verlag für Literatur und Politik, 1926. – Seite 416

Protokolle der Moskauer Prozesse im Netz:

PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS, VERHANDELT VOR DEM MILITÄRKOLLEGIUM DES OBERSTEN GERICHTSHOFES DER UdSSR
VOM 19.-24. AUGUST 1936
http://www.stalinwerke.de/mp1936/mp1936.html

PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES SOWJETFEINDLICHEN TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS, VERHANDELT VOR DEM MILITÄRKOLLEGIUM DES OBERSTEN GERICHTSHOFES DER UdSSR
VOM 23.-30. JANUAR 1937
http://www.stalinwerke.de/mp1937/mp1937.html

PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN „BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN“, VERHANDELT VOR DEM MILITÄRKOLLEGIUM DES OBERSTEN GERICHTSHOFES DER UdSSR
VOM 2.-13. März 1938
http://www.stalinwerke.de/mp1938/mp1938.html

Erstveröffentlichung am 21. Dezember 2004 in der Berliner Umschau, im Herbst 2005 vom Verfasser ergänzt