Der „Fürst der Finsternis“ wäscht seine Hände in Unschuld – Wer ist Richard Perle?

Von Hans-Werner Klausen

„Chutzpah: Thy Name is Perle“. So kommentierte der US-Journalist Jim Lobe den jüngsten Artikel des neokonservativen „Fürsten der Finsternis“ zum Irak-Krieg (1).

Seit einigen Jahren war es ziemlich still geworden um Richard Perle, der 2003 in vielen Fernsehauftritten und Presseinterviews für den Irak-Krieg geworben hatte: die Website seines Arbeitgebers, des American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI), dem Perle seit 1987 angehört, verzeichnet für das ganze Jahr 2007 nur einen Artikel von Richard Perle und für das Jahr 2008 5 Artikel aus seiner Feder. In der jüngsten Zeit hat es Richard Perle jedoch für nötig gehalten, sich wieder in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden. Anfang Dezember 2008 hatte Perle die Nominierung von Hillary Rodham Clinton für den Posten der künftigen US-Außenministerin begrüßt („Ich bin erleichtert, wider Erwarten glaube ich nicht, daß wir viel Veränderung erleben werden“) (2) . Am 6. Januar 2009 veröffentlichte Perle in der Online-Ausgabe der außenpolitischen Zeitschrift „The National Interest“ einen langen Artikel (3). Hier wäscht Richard Perle angesichts der für die USA katastrophalen Bilanz der Irak-Politik seine Hände in Unschuld und wälzt die Schuld an den Mißerfolgen der US-Politik auf das State Department und die CIA ab.

Perle mutet seinen Lesern ziemlich viel zu, wenn er versucht den neokonservativen Einfluß auf die US-Politik während der ersten Amtsperiode von George W. Bush auf jede Weise herunterzuspielen. Wenn man Perle glauben schenken kann, dann ging es den Neocons weder um eine Vision zur Förderung der „Demokratie“ in der Region, noch um israelische Interessen. Der Offene Brief des Project for the New American Century (PNAC) an George W. Bush vom 3. April 2002 beweist indessen das Gegenteil (Zitate aus dem Brief: „Wenn wir nichts gegen Saddam und sein Regime unternehmen, wird der Schaden, den unsere israelischen Freunde und wir bisher erlitten haben, eines Tages vielleicht nur als Vorspiel für viel grössere Schrecken erscheinen. Wir glauben auch, dass der sicherste Weg zum Frieden im Nahen Osten nicht in der Beschwichtigung Saddams und anderer regionaler Tyrannen liegt, sondern in einem erneuten Engagement unsererseits für die Entwicklung von Freiheit und demokratischen Regierungen in der islamischen Welt, wie Sie in Ihrer Rede zur Lage der Nation vorgeschlagen haben.“ „Israels Kampf gegen den Terror ist unser Kampf. Israels Sieg ist ein wichtiger Teil unseres Sieges.“) (3).

Seit vielen Jahren ist Richard Norman Perle eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Netzwerk der Neokonservativen. Der jüngste Artikel Perles soll deshalb als Anlaß dienen, diesen Mann den Lesern der „Berliner Umschau“ näher vorzustellen.

1. Richard Perle als „Scoop“ Jackson-Demokrat und als Unterstaatssekretär im Pentagon

Richard Norman Perle wurde am 16. September 1941 in New York geboren und zog bald darauf mit seinen Eltern nach Kalifornien. In Los Angeles besuchte Richard Perle die Hollywood High School. Eine seiner Schulkameradinnen wies ihm den Weg zu einer Bekanntschaft, die sich für Perles Karriere als bedeutsam erweisen sollte: Joan Wohlstetter machte im Swimmingpool des elterlichen Grundstücks Richard Perle mit ihrem Vater, dem Physiker, Mathematiker und Militärwissenschaftler Albert Wohlstetter bekannt. Wohlstetter (der auch der Doktorvater von Paul Wolfowitz und der akademische Lehrer von Ahmed Chalabi war) war ein harter Militarist und kompromißloser Verfechter der Politik der Stärke im Kalten Krieg und hatte exzellente Verbindungen nach Washington. Mitte der sechziger Jahre studierte Richard Perle an der University of Southern California, der London School of Economics und der elitären Princeton University, wo er 1967 seinen Magisterabschluß machte.

1969 brachte Albert Wohlstetter den jungen Politikwissenschaftler Richard Perle und den Studenten Paul Wolfowitz auf die politische Umlaufbahn: Wolfowitz und Perle gingen mit Empfehlungen Wohlstetters ausgerüstet nach Washington, um bei Kongreßabgeordneten und Senatoren für ein leistungsfähiges Raketenabwehrsystem zu werben. Wohlstetter, Wolfowitz und Perle fanden vor allem im demokratischen Senator Henry M. „Scoop“ Jackson einen großen Befürworter ihrer Ideen.

Während Wolfowitz zunächst wieder in die akademische Welt ging, blieb Richard Perle bis 1980 als Mitarbeiter beim Senator Jackson. Perle wurde in den siebziger Jahren der wichtigste außen- und verteidigungspolitische Berater des Senators, der in den siebziger Jahren bei den Demokraten der Führer der Kalten Krieger und bedingungslosen Unterstützer Israels wurde. Senator Jackson ist bis heute eine Ikone der Neocons und Richard Perle ist aus Verehrung für Jackson immer noch registrierter Demokrat.

„Scoop“ Jackson scharte um sich junge Akademiker wie Richard Perle, Frank Gaffney (1988 Gründer und bis heute Präsident des militaristischen Center for Security Policy, CSP) und Elliott Abrams (im Nationalen Sicherheitsrat bei George W. Bush als Demokratie- und Nahostexperte tätig). Der Senator war der wichtigste politische Führer der 1972 gegründeten Coalition for a Democratic Majority (CDM). Ende der siebziger Jahre wurde Richard Perle Mitglied des Committee on the Present Danger (CPD). Dieses Komitee war eine zum Kampf gegen die Entspannungspolitik gebildete Koalition aus CDM-Demokraten und Anhängern des rechten Flügels der Republikaner. Das CPD vertrat einen militanten Antikommunismus, stellte die sowjetische Rüstung und die Außen- und Militärpolitik des Kreml so furchterregend wie möglich dar, empfahl als Abhilfe eine massive Aufrüstung der USA, eine kompromißlose Politik der Stärke gegen den Ostblock und die bedingungslose Unterstützung Israels. Präsident James („Jimmy“) Carter war für die Aktivisten des CPD viel zu lasch gegenüber den Russen und ihnen mißfielen auch Carters Versuche, sich als ehrlicher Makler zwischen Israelis und Arabern zu betätigen. 1979 wurde Ronald Reagan, der 1980 als Kanidat der Republikaner bei den Präsidentenwahlen siegte, Mitglied des CPD.

Nachdem Ronald Reagan 1981 ins Weiße Haus eingezogen war, übernahmen zahlreiche Mitglieder des CPD aus beiden Parteien wichtige Funktionen im Staatsapparat, insbesondere im Bereich der Außen- und Militärpolitik. Richard Perle wurde im Pentagon Unterstaatssekretär für internationale Sicherheitspolitik und ein enger Vertrauter des Pentagon-Chefs Caspar Weinberger. Perles alter Bekannter aus dem Mitarbeiterstab „Scoop“ Jacksons, Frank Gaffney war von 1983 bis 1987 Perles Assistent im Pentagon, Douglas Feith (2001 bis 2005 Staatssekretär für Politik im Pentagon) gehörte ebenfalls zu Perles Mitarbeitern im Pentagon. Durch seine Liebe zu undiplomatischen Äußerungen (das State Department mußte zwecks Schadensbegrenzung Äußerungen Perles wiederholt nachträglich als „Privatmeinung“ deklarieren) wurde Richard Perle der bekannteste politische Beamte des Pentagon. In der Hoffnung, daß die Russen ablehnen würden, dachte sich Perle als Verhandlungsposition der USA für die Verhandlungen mit dem Kreml über die atomaren Mittelstreckenraketen in Europa die „Null-Lösung“ aus.

Obwohl Richard Perle nicht an die technische Realisierbarkeit von Ronald Reagans „Sternenkriegs“-Programm (SDI) glaubte, unterstütze er das SDI-Programm, um die Sowjetunion in einen für den Kreml nicht gewinnbaren Rüstungswettlauf zu treiben. Perle hatte ein tiefes Mißtrauen gegen jede Art von Vereinbarungen zur Rüstungskontrolle und erwarb sich wegen seines Einsatzes für eine kompromißlose Politik der Stärke während der Reagan-Ära den Beinamen „Fürst der Finsternis“. Neben seiner Härte, Willensstärke und seinen undiplomatischen Äußerungen fiel Perle der Öffentlichkeit auch durch Humor und Sarkasmus auf – Eigenschaften, die er sich bis heute bewahrt hat.

Als Ronald Reagan in seiner zweiten Amtsperiode mit den Russen ernsthaft verhandelte, begannen sich sowohl Richard Perle als auch Caspar Weinberger im Pentagon unwohl zu fühlen. Natürlich konnten weder Perle noch Weinberger den Präsidenten öffentlich kritisieren, solange sie für die Regierung arbeiteten. Im März 1987 trat Richard Perle jedoch „aus privaten Gründen“ zurück, im November 1987 folgte der Rücktritt Weinbergers „aus privaten Gründen“. Allerdings blieb Perle als Mitglied des Defense Policy Board (ehrenamtliches Beratergremium beim Pentagon) mit seiner alten Wirkungsstätte verbunden. Als Ende 1987 die USA und die Sowjetunion das Abkommen über die Verschrottung der in Europa stationierten atomaren Mittelstreckenraketen unterzeichnet wurde, da kritisierte das Abkommen zwar nicht in aller Öffentlichkeit, doch es sprach sich sehr schnell herum, daß Perle über das Abkommen nicht gerade entzückt war.

Perles Assistent Frank Gaffney, der 1987 einige Monate kommissarischer Leiter von Perles Arbeitsbereich internationale Sicherheitspolitik im Pentagon war, verließ Ende 1987 das Pentagon und gründete 1988 den militaristischen Think Tank Center for Security Policy (CSP). Richard Perle gehört seit Ende der achtziger sowohl dem National Security Advisory Council (NSAC) beim CSP als auch dem Board of Advisors der CSP-Schwesterorganisation Jewish Institute for National Security Affairs (JINSA) an.

2. Richard Perle nach dem Ende des Kalten Krieges

Neuer Arbeitgeber für Richard Perle wurde 1987 das American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI), dem Richard Perle bis zur Gegenwart angehört. Dort spezialisierte er sich auf die Bereiche Verteidigung, Geheimdienst, Sicherheit sowie die Regionen Europa, Mittlerer Osten und Russland.

Das AEI ist die bedeutendste rechte Denkfabrik (Think Tank) der USA. Das AEI ist 1943 gegründet worden, seine Arbeit kam in den fünfziger Jahren richtig in Gang. Das ursprünglich konservativ-wirtschaftsliberale AEI, begann sich seit den siebziger Jahren der intellektuellen Fähigkeiten der Neokonservativen zu bedienen. In dieser Zeit begannen Neokonservative der ersten Generation, wie Jeane Kirkpatrick, Irving Kristol und Ben Wattenberg (damals in der Coalition for a Democratic Majority, CDM organisierte Demokraten mit linker und linksliberaler Vergangenheit) für das AEI zu arbeiten. In den achtziger und neunziger Jahren kamen Neokonservative der zweiten Generation wie Richard Perle, Michael Ledeen und Joshua Muravchik (1967 bis 1973 Vorsitzender der Young People’s Socialist League, YPSL) hinzu. Im Washingtoner Hauptquartier des AEI arbeiten 175 Mitarbeiter. Auch Lynne Cheney, die Frau des Vizepräsidenten Richard („Dick“) Cheney, ist als Senior Fellow für das AEI tätig. „Dick“ Cheney selbst hatte von 1993 bis 1995 für das AEI gearbeitet. Das von Irving Kristols Sohn William Kristol herausgegebene neokonservative Zentralorgan „The Weekly Standard“ residiert im selben Bürogebäude wie das AEI. Zu zahlreichen neokonservativ geprägten Institutionen – darunter dem Project for the New American Century (PNAC, seine Büroräume sind ebenfalls im AEI-Gebäude), dem Center for Security Policy (CSP), dem Jewish Institute for National Security Affairs (JINSA) und der Foundation for the Defense of Democracies (FDD) – bestehen personelle Querverbindungen.

Mehrere Mitarbeiter des AEI kamen auf verantwortliche Positionen in der Regierung George W. Bush. Präsident Bush hielt Anfang 2003 vor dem AEI eine Rede, in der er erklärte: „Im American Enterprise Institute arbeiten ein paar der besten Köpfe unseres Landes an ein paar der größten Aufgaben unseres Landes. Sie arbeiten so gut, dass meine Administration 20 solche Köpfe ausgeliehen hat.“

Nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait gründete Richard Perle im Herbst 1990 gemeinsam mit dem demokratischen Kongreßabgeordneten Stephen Solarz das Committee for Peace and Security in the Gulf (CPSG). Gemeinsam mit der Israel-Lobby, dem von der kuwaitischen Monarchie unterstützen Komitee „Bürger für ein freies Kuwait“ und der saudischen Botschaft setzte sich das CPSG bei Kongreßabgeordneten, Senatoren und in der Öffentlichkeit für den Krieg zur Vertreibung der irakischen Truppen aus Kuwait ein. Nach dem Ende des Krieges 1991 stellte das Komitee seine Tätigkeit zunächst ein.

Während der Präsidentschaft von William („Bill“) Jefferson Clinton richtete Richard Perle seine Aufmerksamkeit auf zahlreiche außenpolitische Fragen. Dazu gehörten u.a. Israel, Irak, der Balkan und die Expansion der NATO nach Ost- und Südosteuropa.

1996 erarbeitete eine von Richard Perle geleitete Arbeitsgruppe für den Likud-Politiker Benjamin Netanjahu ein Strategiepapier unter dem Titel „A Clean Break“ (Sauberer Bruch). Das Papier wirkt wie eine Blaupause für die spätere Politik der Regierung George W. Bush. „Schon in diesem Strategiepapier wurde die Abkehr von ausgehandelten Lösungen mit der PLO und auch mit Syrien propagiert, es wurde auf eine Politik der Stärke und militärischer Dominanz gesetzt, der Sturz von Saddam Hussein ins Visier genommen, und als Phase zwei der Angriff auf Hisbollah und anschließend Syrien und Iran als die eigentlichen Widersacher“ (5) .

Im Januar 1998 forderte ein Offener Brief des Project for the New American Century (PNAC) an Clinton den Clinton den gewaltsamen Sturz Saddam Husseins. Kurz danach wurde das CPSG wiederbelebt: im Februar 1998 veröffentlichte das CPSG einen Offenen Brief an Clinton, der in die gleiche Richtung wie der Offene Brief des PNAC zielte. Richard Perle gehörte zu den Unterzeichnern dieser Offenen Briefe (6). Clinton hielt einen neuen Krieg in dieser Region jedoch für zu riskant und so konzentrierten sich die Neocons bei ihrer Kriegstreiberei erst einmal auf den Balkan.

Schon 1993 war Richard Perle unter den Unterzeichnern eines Offenen Briefes für eine Intervention der NATO auf dem Balkan. Als Mitglied des Lenkungsausschusses (Steering Committee) des Action Council for Peace in the Balkans (1994 bis 1998) und des Balkan Institute (1995 bis 1998) setzte sich Perle weiterhin für ein Eingreifen der NATO auf dem Balkan ein. Vom 1. bis 21. November 1995 wurden in Dayton die Verhandlungen über die Beendigung des Bosnien-Krieges geführt. Die von Präsident Izetbegovic geleitete bosnisch-muslimische Delegation wurde von zwei bemerkenswerten Amerikanern beraten: Richard Perle und Douglas Feith. Nach dem Friedensabkommen von Dayton war Richard Perle als militärischer Berater der bosnischen Regierung tätig. Im Januar 1996 erklärte Perle gegenüber der Turkish Daily News, daß die Bewaffnung und Ausbildung der bosnischen Moslems im vitalen Interesse der USA läge. Die Türkei wurde von Perle als „Kanidat Nummer 1 unter den NATO-Verbündeten für diesen Job“ bezeichnet. Die Kosten für die Finanzierung durch die Türkei wurden von Perle auf 50 Millionen Dollar geschätzt (7)

Im Sommer 1998 stellten das Balkan Institute und der Action Council for Peace in the Balkans ihre Tätigkeit ein, gleichzeitig tauchte ein neues Komitee auf, das für eine Intervention auf dem Balkan und den Sturz des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic warb: der Balkan Action Council (BAC). Auch diesmal war Richard Perle im Steering Committee mit dabei. In einem gemeinsamen Offenen Brief forderten der BAC, das PNAC , die (von George Soros finanzierte) International Crisis Group (ICG) und die Coalition for International Justice im September 1998 den Sturz Milosevics. In einem weiteren Offenen Brief folgte im Januar 1999 die Forderung nach Luftangriffen und dem Einsatz von NATO-Bodentruppen. Richard Perle war unter den Unterzeichnern dieser Offenen Briefe (8). Diesmal hatte die Kriegstreiberei der Neocons und ihrer Verbündeten Erfolg.

Auch für die von der Regierung Clinton betriebene (und von der Regierung George W. Bush fortgesetzte) Einbeziehung der ehemaligen Ostblockstaaten und des Baltikums in die NATO (unter Bruch der Versprechungen, die während der Verhandlungen über die deutsche Einheit 1990 dem Kreml gemacht worden waren) setzte sich Richard Perle ein – als Mitglied in der 1996 gegründeten AEI-Tochterorganisation New Atlantic Initiative (NAI) (Perles Schützling Jeffrey Gedmin war bis 2001 Executive Director der NAI und ging danach als Chef des Aspen Institute nach Berlin) und im 1997 gegründeten U.S. Committee on NATO.

Im Mai 2000 war Richard Perle (Mitglied des „Golden Circle“ des U.S. Committee for a Free Lebanon) mit dabei, als eine Arbeitsgruppe des (von Daniel Pipes geleiteten) Middle East Forum (MEF) zum Krieg gegen Syrien aufforderte (9). Unter den vielen Gremienmitgliedschaften von Richard Perle sei an dieser Stelle auch auf seine Zugehörigkeit zum Board of Directors des Pressekonzerns Hollinger International (bis 2005) hingewiesen: damals gehörten zu diesem Konzern sowohl zahlreiche US-amerikanische und kanadische Zeitungen als auch der Londoner „Daily Telegraph“ und die „Jerusalem Post“.

3. Richard Perle während der Präsidentschaft von George W. Bush

Nach dem Amtsantritt von Präsident George W. Bush wurde Richard Perle Anfang 2001 ehrenamtlicher Vorsitzender des Defense Policy Board (DPB) beim Pentagon. In der Öffentlichkeit warb er intensiv für den Irak-Krieg. Im März 2003 mußte Perle als DPB-Vorsitzender zurücktreten. Dies stand im Zusammenhang mit Vorwürfen bezüglich seiner Beratertätigkeit für den Telekommunikationskonzern Global Crossing (für das Zustandekommen einer Regierungserlaubnis zum Abschluß eines Handels mit asiatischen Firmen soll Perle eine hohe Belohnung versprochen worden sein). Zum Jahreswechsel 2003/04 veröffentlichte Richard Perle gemeinsam mit David Frum (Kollege Perles beim AEI und ehemaliger Redenschreiber für George W. Bush) ein Buch mit zahlreichen Vorschlägen für einen noch härteren Kurs in der Außen- und Militärpolitik (10) .

Nicht nur in der Politik gegenüber der islamischen Welt und Nordkorea, sondern auch in der Rußland-Politik war und ist Richard Perle Verfechter eines harten Kurses. Seit 1999 ist Richard Perle Mitglied des pro-tschetschenischen American Committee for Peace in Chechnya (ACPC) (2006 in American Committee for Peace in the Caucasus umbenannt). Nach der Verhaftung des Oligarchen Michail Chodorkowski forderte Perle im Oktober 2003 den Ausschluß Rußlands aus der G8-Gruppe (11).

Während der zweiten Amtsperiode von George W. Bush ab 2005 verloren die Neocons und ihre von Vizepräsident Cheney geführten Verbündeten an Einfluß auf die Regierungspolitik. Die Politik des offiziellen Washington gegenüber Iran, Syrien, Nordkorea und Rußland war in den Augen der Neocons viel zu lasch. Perle machte dafür hauptsächlich die Bürokratie des State Department und Außenministerin Rice verantwortlich, während er dem Präsidenten guten Willen zubilligte .

Richard Perle meldete sich ab 2005 in der Öffentlichkeit viel seltener als vorher zu Wort. Im Juni 2007 trat Richard Perle in Prag als Redner auf der internationalen Konferenz „Demokratie und Sicherheit“ auf. Diese Konferenz zur Ermunterung weiterer „bunter Revolutionen“ in Staaten, deren Politik den USA nicht in den Kram paßt, wurde auch als „Dissidentenkonferenz“ bezeichnet. Genauso gut hätte man sie als inoffiziellen Ersten Weltkongreß der Neokonservativen Internationale bezeichnen können: unter den Teilnehmern waren zahlreiche US-Neocons und bewährte Verbündete der Neocons wie Nathan Sharansky, Vaclav Havel, der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg, der CSU-Politiker Karl-Theodor von und zu Guttenberg , der Sohn des Schah, die ukrainische „Gasprinzessin“ Timoschenko, der prowestliche Politiker Alexander Milinkewitsch aus Belarus und Garri Kasparow, der seit 2006 vergeblich versucht, eine „Revolution“ in Rußland in Gang zu setzen. Bush trat dort mit einer Grußadresse auf. Während der Konferenz erklärte Perle Bush zum „Dissidenten innerhalb seiner eigenen Regierung“ (12).

Zu den weiteren Aktivitäten von Richard Perle außerhalb der USA gehören seine Mitgliedschaft bei den „International Patrons“ der Henry Jackson Society, die im Jahre 2005 als eine Art anglo-amerikanische Fortsetzung des PNAC gegründet wurde (das PNAC selbst stellte im Jahre 2006 seine Tätigkeit faktisch ein) und seine regelmäßige Teilnahme bei den Bilderberg-Konferenzen.

Wie sich Richard Perle zur Außenpolitik des künftigen Präsidenten Barack Obama verhalten wird, bleibt abzuwarten. Anläßlich der Nominierung Hillary Clintons erklärte Perle, daß ihm ein „falkenhafter“ (hawkish) Demokrat lieber wäre als ein „Chuck Hagel-style Republican“ (2) (Senator Chuck Hagel gehört bei den Republikanern zu den „Realisten“). Hier hat Richard Perle mit Sicherheit die Wahrheit gesagt – schließlich war Richard Perle in den siebziger Jahren selber ein „liberaler Falke“. Man tut gut daran, sich zu erinnern, daß der amerikanische Neokonservatismus von seinen Wurzeln her eine extremistische Variante des amerikanischen Liberalismus ist.

ANHANG 1 – Richard Perles hauptberufliche Tätigkeiten

– 1969 – 1980: Mitarbeiter von Senator Henry M. „Scoop“ Jackson
– 1981 – 1987: Unterstaatssekretär (Assistant Secretary) für internationale Sicherheitspolitik im Pentagon
– ab 1987: Resident Fellow beim American Enterprise Institute for Public Policy Reserach (AEI)

ANHANG 2 – Richard Perle als Unterzeichner kollektiver Erklärungen und Offener Briefe

– Brief des PNAC an Clinton über den Irak (26.01.1998)
– Brief des Komitees für Frieden und Sicherheit am Golf (CPSG) an Clinton über den Irak (19.02.1998)
– Brief des PNAC, des Balkan Action Council (BAC), der International Crisis Group (ICG) und der Coalition for International Justice an Clinton über Milosevic (20.09.1998)
– Brief des PNAC, des Balkan Action Council (BAC), der International Crisis Group (ICG), der Coalition for International Justice und der New Atlantic Initiative (NAI) an Clinton über Kosovo (29.01.1999)
– Erklärung der Heritage Foundation und des PNAC über die Verteidigung Taiwans (20.08.1999)
– Bericht der Lebanon Study Group des Middle East Forum (MEF) (Mai 2000)
– Brief des PNAC an Bush über den Krieg gegen den Terror (20.09.2001)
– Brief des PNAC an Bush über Israel, Arafat und den Krieg gegen den Terror (03.04.2002)

ANHANG 3 – Ehrenamtliche/nebenamtliche Mitgliedschaften von Richard Perle in Gremien (Auswahl)

– Action Council for Peace in the Balkans (Steering Commitee) (1994 bis 1998)
– American Committee for Peace in the Caucasus (ACPC) (seit 1999; bis 2006 unter dem Namen American Committee for Peace in Chechnya)
– Balkan Action Council (BAC) (Steering Committee) (1998 bis 2000)
– Balkan Institute (Steering Committee) (1995 bis 1998)
– Bilderberg Group (Perle ist regelmäßiger Konferenzteilnehmer)
– Committee for Peace and Security in the Gulf (CPSG) (1990/91 und 1998)
– Committee for the Liberation of Iraq (CLI) (Advisory Board) (2002/03)
– Committee on the Present Danger (CPD) (bis1981)
– Council on Foreign Relations (CFR) (bis 2001)
– Defense Policy Board (DPB) beim Pentagon (1987 bis 2004; Vorsitzender von 2001 bis 2003)
– Foundation for Defense of Democracies (FDD) (Board of Advisors) (seit 2001)
– Henry Jackson Society (International Patrons) (seit 2005)
– Hollinger International (Board of Directors) (bis 2005)
– Hudson Institute (Board of Trustees) (bis 2007)
– Jewish Institute for National Security Affairs (JINSA) (Board of Advisors) (seit 1987)
– National Security Advisory Council (NSAC) beim Center for Security Policy (CSP) (seit 1988)
– New Atlantic Initiative (NAI) (International Advisory Board) (1996 bis 2004)
– U.S. Committee for a Free Lebanon (USCFL) (Golden Circle) (seit 1997)
– U.S. Committee on NATO (Board of Directors) (1996 bis 2003)
– Washington Institute for Near East Policy (WINEP) (Board of Advisors)

Endnoten:
(1) Jim Lobe: Perle Explains, Wednesday, January 7th, 2009, http://www.ips.org/blog/jimlobe/?cat=1
(2) Hawks for Hillary by Barron Young Smith, Why are conservatives heaping praise on Obama’s new secretary of state?, Post Date Monday, December 1, 2008, http://www.tnr.com/politics/story.html?id=7383b582-aaf3-4b35-a042-9b3c10c562fd
(3) Ambushed on the Potomac, by Richard Perle, http://www.nationalinterest.org/Article.aspx?id=20486
(4) Bush und Sharon identisch, Wie die Neokonservativen es sehen, von Dr. phil. Stephen Sniegoski, Washington D.C., (mit dem Text des Offenen Briefes vom 3. April 2002), Zeit-Fragen Nr.14 vom 14. 4. 2003, http://web.archive.org/web/20050821133633/http://www.zeit-fragen.ch/ARCHIV/ZF_103d/INDEX.HTM
(5) Krieg im Nahen Osten – und darüber hinaus, Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode, von Matthias Jochheim, http://www.nahostfriede.at/Texte/kriegimNahenOsten.pdf
(6) Offener Brief des PNAC,
http://web.archive.org/web/20070313185624/http://www.newamericancentury.org/iraqclintonletter.htm
; Offener Brief des CPSG,
http://web.archive.org/web/20061207020117/http:/www.centerforsecuritypolicy.org/index.jsp?section=papers&code=98-D_33at
(7) History Commons, Profile: Richard Perle,
http://www.historycommons.org/entity.jsp?entity=richard_perle
(8) Texte der Offenen Briefe von 1998/99 über den Balkan, MR. PRESIDENT, MILOSEVIC IS THE PROBLEM,
http://web.archive.org/web/20070313185646/http://www.newamericancentury.org/balkans_pdf_04.pdf
NATO must act in Kosovo,
http://web.archive.org/web/20070313190458/http://www.newamericancentury.org/balkans_pdf_00.pdf
(9) Bericht der Libanon-Studiengruppe des Middle East Forum „Ending Syria’s occupation of Lebanon“ (Mai 2000), http://www.meforum.org/research/lsg.php
(10) ausführliche Inhaltsangabe des Buches in: Knut Mellenthin, Neokonservative wollen „Vierten Weltkrieg“ wieder ankurbeln. Richard Perles „Leitfaden zum Sieg“ (27.1.2004), http://www.knutmellenthin.de/artikel/archiv/us-politik-neokonservative/neokonservative-wollen-vierten-weltkrieg-wieder-ankurbeln-2712004.html?0=
(11) U.S. Hawk Wants Russia Out of G-8, October 31, 2003, By Simon Saradzhyan, The Moscow Times, http://www.saintpetersburg.rusnet.nl/news/2003/10/31/print/businesseconomics03.shtml
(12) Prague Marching Orders, Walking the talk., By Anne Bayefsky, June 8, 2007, http://article.nationalreview.com/?q=N2M4ZGE4M2NiNjkwZmU3NzkxMjE1N2JmMTJmNDlhZjA

Erstveröffentlicht am 8. Januar 2009 in der Berliner Umschau